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17.11.2008

DFB vs. Weinreich

Die Grenze überschritten

Text: Max-Jacob Ost  Bild: Imago

Seit Wochen schwelt der Konflikt zwischen dem DFB und dem freien Journalisten Jens Weinreich. Durch das harte Vorgehen des DFB ist aus dem Einzelfall eine Frage über die Grenzen der Meinungsfreiheit geworden.

DFB vs. Weinreich - Die Grenze überschritten


Seit Monaten führt der Deutsche Fußballbund einen Rechtsstreit mit dem Brandenburger Journalisten Jens Weinreich. Anstoß war ein Kommentar des freien Journalisten zu einem Blogbeitrag über die Entscheidung des Bundeskartellamtes zum Vermarktungsmodell der TV-Rechte. In seinem Kommentar hatte Weinreich das Verhalten von DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger beim Kongress des Deutschen Olympischen Sportbundes beschrieben und ihn als »unglaublichen Demagogen« bezeichnet.



Zwanziger fühlte sich dadurch als Volksverhetzer dargestellt. »Beim Stichwort ›Demagoge‹ denke ich an Goebbels«, erklärte er später in einem Interview mit Oliver Fritsch, dem Betreiber des Blogs, in dem Weinreich sich geäußert hatte. Was dem Blogkommentar folgte, war ein wochenlanger Rechtsstreit: Der DFB verlangte von Weinreich durch Unterzeichnung einer einstweiligen Verfügung den Begriff zurückzunehmen. Der Journalist weigerte sich, da er die Deutung des Begriffes »Demagoge« wesentlich weiter fasste, als der DFB-Präsident. Zwei Gerichtsurteile unterstützen diese Auffassung.

Durch eine pikante Begebenheit erhielt die von Seiten Weinreichs öffentlich dokumentierte Auseinandersetzung neuen Schwung: Auf einer Podiumsdiskussion soll Zwanziger verschiedenen Quellen zufolge dem Moderator »demagogische Fragen« vorgeworfen haben. Die Anklage für ein drittes Verfahren gegen Weinreich hat der DFB nun fallen gelassen. In einer Pressemitteilung begründet der Deutsche Fußballbund dieses Umdenken mit zwei »Erklärungen« von Weinreich und dem Chefredakteur des »Gießener Anzeigers«, der über die besagte Podiumsdiskussion berichtet hatte.

In der Pressemitteilung, die laut Weinreich auch per Mail an wichtige Sportfunktionäre versendet wurde, wirft der DFB dem Journalisten eine »seit fast vier Monaten initiierte Kampagne gegen Dr. Theo Zwanziger« vor. DFB-Generalsekretär Niersbach sieht »die Grenzen der Meinungsfreiheit eindeutig überschritten, um die Integrität des DFB-Präsidenten unverantwortlich in Frage zu stellen.« DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch verteidigt das Vorgehen des Fußballbundes: »Wer die Vita und das konsequente Engagement von Theo Zwanziger im Kampf gegen Neo-Nazis kennt, versteht selbstverständlich seine Reaktion. Denn als Demagoge wird ein Volksverhetzer bezeichnet, der sich einer strafbaren Handlung schuldig macht.«

Jens Weinreich hat die gesamte Auseinandersetzung in seinem Blog öffentlich gemacht. Er streitet ab, eine entschuldigende Erklärung beim DFB abgegeben zu haben. In seinem Blog wehrt er sich gegen seiner Meinung nach »18 Lügenkomplexe«, die in der Pressemitteilung enthalten seien. Durch die öffentliche Stellungnahme des DFB, in der unter anderem keines der beiden Urteile zugunsten Weinreichs erwähnt wird, sieht er sich in seiner Existenz als freier Journalist bedroht. »Der Inhalt dieser Mitteilungen lässt mir als Betroffenem mäßige Interpretationsmöglichkeiten: Es geht einzig und allein darum, die Wahrheit zu beugen, mich zu diffamieren, meine Integrität, Kompetenz und Professionalität als Journalist in Frage zu stellen und damit meine wirtschaftliche Existenz als freier Journalist zu gefährden«, schreibt Weinreich in seinem Blog.


weiterlesen [1] [2]





Kommentare

  • User
  • 17.11.2008 19:00:59 Soda

    sehr guter, informativer text.

  • User
  • 17.11.2008 19:19:18 dresdner

    Das ist der link mit der Antwort/Richtigstellung von JW zur DFB-Rund-mail. Absolut lesenswert.
    http://jensweinreich.de/?p=1746

  • User
  • 17.11.2008 20:02:34 AntiMöller

    Dieses Thema sollte man unbedingt in einem Thread bündeln.
    Und ich bin froh, dass jetzt auch diese Seite hier mal das Maul aufbekommen hat.
    Besser ist der Kommentar als Einleitung hier: Link[/url] hier: http://www.trainer-baade.de/

  • User
  • 17.11.2008 20:12:15 AntiMöller

    @Köster: Du brauchst EIER!
    Gib die Sofaecke vis-à-vis von Rotwein-Udo auf und mach mal was Gescheites mit Deinem Magazin. Z.B. diesen völlig krassen Fall dokumentieren. Ist doch ein gefundenes Fressen.

  • User
  • 17.11.2008 20:54:20 exilöcher

    Ich denke auch das man da mehr drüber berichten sollte und der Artikel länger als gewöhnlich auf Seite 1 der Homepage bleiben muss.
    Ein beleidigter Mensch versucht mit Hilfe von Freunden aus Politik und Sport einen kritisch denkenden Menschen fertig zumachen!
    und wenn man etwas weiter denkt, sieht es für mich so aus als sollten Personen die hohe öffentliche Posten belegen unantastbar sein.
    Wo kommen wir hin, wenn jemand seine Position ausnutzt um Gerichtsurteile zu umgehen!?

    Ich bin nicht anonym, wie von Zwanziger vorgeworfen, mein Name ist
    Jan Homrighausen
    Guten Tag

  • User
  • 17.11.2008 20:59:12 dresdner

    Der Artikel hier gibt leider nur auszugsweise den diffamierenden Charakter der Kampagne des DFB gegen den Journalisten Jens Weinrich wieder (und nicht umgekehrt). Es ist kaum zu fassen, wie hier Machtpositionen seitens des DFB missbraucht werden. Entlarvend ist die Pressemitteilung des DFB, in der bereits feststehende juristische Niederlagen des DFB/Zwanziger ausgelassen und eine nicht stattgefundene Entschuldigung von "JW" frei erfunden werden. Es empfiehlt sich das Weiter-Lesen auf der Seite von Jens Weinrich.

  • User
  • 17.11.2008 21:21:15 AntiMöller

    ...vor allem belegt er ja keinen "hohen" öffentlichen Posten. Onkel Theo dürfte doch mit dem Generaldirektor der "preussischen Museen.." exekutiv gleichgestellt sein. Normaligerweise.
    Aber hier erleben wir live, wie eine "Behörde" völlig unsouverän ausflippt und sich nicht nur Kommunikationshoheit jämmerlich einzuklagen versucht, sondern auch von einer in sich schlummernden Exekutivgewalt wie selbstverständlich ausgeht. Mögen sie zuviel Orden gefressen haben, mögen sie mit dem Klammerbeutel gepudert worden sein, der DfB-Zwannie versteht sich selbst als sowas wie der Bundespräsident in Wichtig. Oder wie könnten sie denn sonst glauben, mit jener verteilten LÜGEN-email sowas von davonzukommen? In der Schweiz wird man für solch ein Verhalten entmündigt und dann gibt`s ganz enge Jacken.
    In diesem Fall ist von Seiten Zwanzigers (zahlt er seinen persönlichen Prozess eigentlich privat?) klargemacht worden, wo er sich historisch/gesellschaftlich sieht: unantastbar.
    Nochmal: Jens Weinreich ist für eine online-Formulierung verklagt worden, die hier online töglich übertroffen wird. W. hat ja auch recht bekommen (2x) und trotzdem gibt Zwanziger keine Ruhe.

  • User
  • 17.11.2008 22:03:27 Bernd Jakubowski

    Na endlich: das Thema ist nach etlichen Monaten aus der Blogosphäre nun auch im Sport-Mainstream angekommen (nicht böse sein 11Freunde). Obwohl, ich glaube, spox hat vor ein paar Wochen zumindest mal zu dem Thema auf direkter-freistoss verlinkt...
    Schön wäre es, wenn nun diesem Hauptquartier der Soziopathen und Sektierer, das der DFB zunehmend zu sein scheint, mal ein Blick in die Realität auferlegt würde. Hoffe, Weinreich kann und wird sich erfolgreich wehren. Und ja, Zwanzigers Auslagen trug (und trägt vermutlich auch weiter) der DFB.
    Das Sahnehäubchen, das die Kommunikationsherren vom DFB der Sache selber aufgesetzt haben, ist, daß sie ihre Email mit der zweifelhaften Erklärung mit offenem Verteiler an diverse Entscheidungsträger aus Politik und Sport geschickt haben (siehe allesaussersport heutiger Post von dogfood). Kommunikationsherrschaft at it's best, nur geil.

  • User
  • 18.11.2008 08:02:42 franzferdl

    "Auch der DFB hat eine Grenze überschritten."
    wer denn noch?

  • User
  • 18.11.2008 09:19:59 SteamboatWillie

    Wenn man bedenkt wie leidenschaftlich, emotional, manchmal etwas einäugig und auch naiv über den Fußball seine Kultur und die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verpflechtungen berichtet wird ist man bei einem solch kühlen und distanzierten Artikel doch etwas enttäuscht,

  • User
  • 18.11.2008 12:43:29 schnandi

    gut und wichtig, dass der vorgang auch durch euren artikel mehr öffentlichkeit gewinnt!

    der text enthält jedoch zwei unzutreffende formulierungen, die das juristische fachchinesisch betreffen und die ggfs. richtig gestellt werden sollten.

    "Der DFB verlangte von Weinreich durch Unterzeichnung einer einstweiligen Verfügung den Begriff zurückzunehmen."

    verlangt wurde die unterzeichnung einer strafbewährten unterlassungserklärung, d.h. eine erklärung, dass es zukünftig unterlassen werde, den begriff nochmals zu verwenden (ob auch ein widerruf der schon getätigten äußerung verlangt wurde, ist mir nicht bekannt). da herr weinreich sich (mit recht, wie die ergangenen entscheidungen zeigen) weigerte, diese erklärung abzugeben, versuchte man, ihn mittels einer einstweiligen verfügung dazu zu verpflichten.

    "Die Anklage für ein drittes Verfahren gegen Weinreich hat der DFB nun fallen gelassen."

    anklagen gibt es im strafrecht. wovon der dfb abstand genommen hat, war, eine (zivilrechtliche) klage (zur hauptsache, im gegensatz zum vorherigen einstweiligen rechtsschutzverfahren) gegen herrn weinreich anhängig zu machen.

    ist vielleicht etwas klugscheißerisch, wirkt aber ein wenig unprofessionell, wenn die begrifflichkeiten falsch verwendet werden.

  • User
  • 18.11.2008 13:28:00 sgu07

    mein gott wie krotesk ist diese ganze chose denn. je länger man in den entsprechenden blogs liest, um so erstaunter ist man über tz, seine reaktion und seine befindlichkeit.
    eine solche aktion hätte ich vllt. von matthäus erwartet aber nicht von einem juristen und ehemaligen richter.
    wenn ich den artikel in der heutigen "stuttgarter zeitung" zu diesem vorgang sehe, dann hat die medienabteilung des dfb seinem großen vorsitzenden ein ziemliches eigentor geschossen. erstaunlich detaillierte stellungnahme dort und insgesamt gesehen auch nicht so emotionslos neutral wie hier.

  • User
  • 18.11.2008 13:29:15 Stinkbaer

    Um seine Macht zu erhalten und zu stärken ist dem DFB scheinbar jedes Mittel recht. Aber wenn es gut passt, machen ja alle gerne mit.
    Obwohl das hier nicht wirklich hinpasst, möchte ich nochmals die ganze Reaktion auf Ballacks Kritik in Erinnerung rufen. Auf die hat man in der Sache gar nicht reagiert, sondern versucht den Kritiker möglichst schnell mundtot zu machen. Aber da waren sich ja alle plötzlich einig und haben Beifall geklatscht. Auf dass es nur noch geklonte Jasager gibt, die sich freudig unterwerfen.
    Aber auch die Nationalmannschaft gehört zur schönen, heilen DFB-Welt und wenn die jemand beschmutzen will, oder gar kritisiert, kennt man keine Hemmungen mehr. Egal, Hauptsache es singen morgen wieder alle die Nationalhymne schön mit und geben ein schönes Bild ab...

  • User
  • 18.11.2008 13:41:01 sgu07

    @ stinki: m.e. hat das nichts mit machterhalt zu tun, denn niemand hat die macht im dfb gefährdet. eigentlich geht es nur um die persönlichen eitelkeiten und die preisverleihung für tz.

  • User
  • 18.11.2008 14:20:08 Stinkbaer

    Ich hatte auch geschrieben, dass das nicht wirklich dazu passt. Jedoch ist schon auffällig, wie unverhältnismäßig hier auf Kleinigkeiten reagiert wird.

  • User
  • 18.11.2008 14:28:20 oberhofer

    Link

    Der von sgu erwähnte Artikel in der StZ. Ist gut.

  • User
  • 18.11.2008 14:36:40 Stinkbaer

    "Kommunikationsherrschaft" hat also nichts mit Macht zu tun? Na gut, so kann man das auch sehen.

    Der gelinkte Artikel ist kurz und informativ. Sehr schön.

  • User
  • 18.11.2008 15:37:12 AntiMöller

    Will mal hier was reinposten, was der user "Manfred" im Trainer-Baade-Blog reintippte. Narrhallamarsch ab:

    "Gegen Vergessen-Für Demokratie? Hm. Liest sich in dem Zusammenhang wie ein Karnevalsorden:

    Es wor amol a Präsident
    Den hat ma Demagoge nennt
    Zurescht-des muss ma hie mol sage
    Des war so, ehrlisch, keine Frage
    Des konnt de Präsident nisch leide
    Wollt die Gerichtsbütt net vermeide
    Sei Klag wurd zweimol abgeschmettät
    Do hat der Mo sisch nu gerättät
    Indem er lücht, die Wahrheit biecht
    Und sacht: Nä, mir han doch gesiecht

    Narhalla Marsch!"

    Prost Jemeinde!

  • User
  • 18.11.2008 17:39:36 dresdner

    am 25. november erhält dr. zwanziger den preis "Gegen Vergessen - Für Demokratie". oder war es der preis "Gegen Demokratie - für Vergessen"?
    an letzterem arbeitet er wohl noch...

  • User
  • 19.11.2008 09:35:24 gerdf95zewe

    Niersbach, der Mann heißt Wolgang Niersbach!

    Nur so zur Info.

  • User
  • 19.11.2008 09:36:19 gerdf95zewe

    Mist, natürlich Wolfgang nicht Wolgang! ;-)

  • User
  • 23.11.2008 05:37:27 UrmelAusmEis

    Krasses Interview. Die Kampflinie, welche der süddeutsche Journalist hier (dankenswerter Weise) fährt, zeigt, dass Zwanzigers Ringen um die Meinungshoheit genau das Gegenteil dessen bewirkt, was er erreichen wollte - zumindest bei den ernstzunehmenden Medien. Diese solidarisieren sich in nicht für möglich gehaltenem Maße, legen sich kollektiv mit dem DFB an und entlarven den Funtionär als das, was er ist: ein unglaublicher Demagoge.

    Q.e.d., masagn.

  • User
  • 27.11.2008 14:50:37 sgu07

    nun gehts doch weiter im demagogenstreit.
    hab grad gelesen, dass dem dfb per einstweiliger verfügung auferlegt wurde, künftig zu verbreiten, Weinreich habe Zwanziger "ohne Anlass als unglaubwürdigen Demagogen" bezeichnet und er habe (hier) die "Grenzen der Meinungsfreiheit eindeutig überschritten". Außerdem habe es der DFB zu vermeiden, den Eindruck zu erwecken, Weinreich habe "zur Vermeidung einer von (...) Zwanziger angekündigten Klage auf Widerruf und Unterlassung über seinen Anwalt eine entschuldigende Erklärung abgeben lassen".
    soweit aus dem artikel der sz.

    reaktion von tz: klageeinreichung im hauptsacheverfahren

  • User
  • 27.11.2008 14:53:28 sgu07

    ohoh, schwerer fehler: nat. darf der dfb das nicht verbreiten.

  • User
  • 23.02.2009 17:00:23 indykiste

    "Schubs"
    War`s das mit dem Interesse der Userschaft?
    Wer spannenden Lesestoff wünscht, sich mit der Strategie zur Erlangung der Kommunikationsherrschaft des DFB (-Präsidenten) befassen möchte, dem empfehle ich die Lektüre im Blog des Journalisten.
    Mittlerweile ist es soweit, daß Jens Weinreich in seinem Blog um Hilfe gebeten hat, siehe:
    Link
    Wessen Geld wird da eigentlich für solch existentielle Rechtsstreitigkeiten verpulvert?

  • User
  • 23.02.2009 17:03:57 indykiste

    ich vergaß zu erwähnen, daß die Lektüre durchaus auch etwas Zeit erfordert! ( allerdings lohnt sich der "Ausflug" enorm)

  • User
  • 23.02.2009 17:09:03 Luis Enrique

    zwanziger gegen zwanziger, das is mal ne gute sache, da bin ich bei.

  • User
  • 23.02.2009 17:16:37 sgu07

    ja. bin auch dabei und gespannt darauf wie es weitergeht.

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