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07.11.2008

Der große Selbstversuch

Wieviel Fußball verträgt der Fan?

Text: Martin Gropp  Bild: Imago

Bundesliga und Bezirksklasse, Top-Spiele und Grotten-Spiele. Fußball wird jederzeit und überall gezeigt – und bald kommt es noch schlimmer. Wie viel Gekicke erträgt der gemeine Fan? Ein Selbstversuch über 1100 Minuten.

Der große Selbstversuch - Wieviel Fußball verträgt der Fan?


Der Moderator redet über James Bond und fragt: »Was macht eigentlich Schalke 004?«

Ich stumpfe ab. Mitten in dieser Woche, in der ich großzügig überschlagen mehr als 1100 Minuten Fußball live verfolge, stellt sich ein Effekt ein, als hätte ich zu viele Pornofilme geschaut: Ich bin kein bisschen aufgeregt. Es ist mir egal, welche Spieler sich beim Kopfballduell aneinander reiben, oder wer wen von hinten zu hart angeht. Die Flut an Spielen fordert ihren Tribut, und ich will ihn zahlen und mein Bier auch und nach Hause gehen. Auf der Leinwand in der Berliner Werder-Kneipe, wo es in der Champions League zwischen Bremen und Athen 0:0 steht, trifft genau in diesem Moment Evangelos Mantzios zum ersten Mal für Athen. Und ich gehe doch noch in die Verlängerung.



Natürlich könnte meine Fußballunlust am vierten von sechs Tagen Fußballmarathon daher rühren, dass ich kein Werder-Fan bin. Ich mag Köln. Aber das ist es nicht. Früher mochte ich sogar Bayern oder Hertha ein bisschen, wenn sie international spielten. Heute geht das nicht mehr, weil es im Herbst immer ganz schön viel wird: englische Wochen in der Bundesliga, DFB-Pokal, Uefa-Cup, Champions League. Und was ist, wenn man auch noch die Premier League, die Primera Division und die Serie A per Satellit live verfolgt? Fußball rund um die Uhr?

Ab der kommenden Saison werden Zuschauer wie ich dann noch schneller abstumpfen. Denn die Deutsche Fußball- Liga (DFL) will die Anziehungskraft der ersten beiden Ligen erhöhen – und dabei natürlich noch ein bisschen mehr mit den Fernsehgeldern verdienen. Das soll so gehen: Die neun Spiele in der Bundesliga werden neu verteilt. Ein Freitagsspiel läuft ab 20.30 Uhr. Am Samstag folgt der »Kern-Spieltag« mit fünf Ansetzungen um 15.30 Uhr. Damit ist der Samstag noch nicht rum, denn um 18.30 Uhr startet das Topspiel des Wochenendes. Den Spieltag komplettieren schließlich zwei Sonntagsspiele um 15.30 Uhr und um 17.30 Uhr. Die Zweite Liga spielt dann zusätzlich auch noch samstags. Die DFL will mehr Fernsehzuschauer pro Livespiel anlocken. Bei den Sendern wird diese Taktik wohl greifen, obwohl sie ökonomisch gesehen paradox erscheint: Die Sender werden für das vermeintliche Mehrangebot auch mehr bezahlen. Aber werden normal fußballinteressierte Zuschauer wie ich auch wirklich mehr schauen?

»Augen zu und durch/Du schaffst es«

Anfangs habe ich noch richtig Lust auf sechs Tage Fußball am Stück. Am vergangenen Samstag helfe ich bei einem Umzug und fahre einen Möbeltransporter Richtung Heidelberg. Wir sind in Thüringen, als Juliane Werding im Radio frei nach Roy Orbisons »You got it« singt: »Augen zu und durch/Du schaffst es/Alles, was Du willst/Du machst es.« Nicht zuletzt dieser Coversong bringt mich auf die Idee, mein Ding zu machen und schleunigst die ARD-Bundesliga-Konferenz zu suchen. Kurz nach halb vier beginnt im Hessischen Rundfunk die Liveschalte. Mir geht es vor allem um das Spiel Stuttgart gegen Köln.

Das Einzige, was hier in Hessen stört, sind die beiden Moderatoren. Zwanghaft versuchen sie, den Spieltag mit dem neuen James-Bond-Film zu verbinden – angeblich, weil Bundesliga und Bond etwa zur selben Zeit ins kollektive Bewusstsein getreten sind. Tatsächlich läuft der erste 007-Streifen »James Bond jagt Dr. No« 1962 an. Die Bundesliga startet ein Jahr später. Das Fußball-Film-Gemisch hört sich so an: »In München läuft heute: Der Hauch des Kloses.« »Was macht eigentlich Schalke 004?« Und nach dem 5:1 der Bremer über Hertha sagen sie: »Für Berlin hieß es heute: Im Angesicht des Bremers.« Die Schlusskonferenz versöhnt: Petit sichert das 3:1 für den FC. Die Abstumpfungsschwelle hängt am Abend des ersten Tages noch hoch. Und als mein Laptop-Fernseher in Heidelberg die Restviertelstunde der Sportschau empfängt, freue ich mich über Bilder vom Hoffenheim-Spiel, die das Gehörte ergänzen.


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Kommentare

  • User
  • 07.11.2008 14:34:20 h_g_bruns

    tjanu, "fussball ist die schönste nebensache der welt", pflegt mir mein opa immer einzutrichtern.

  • User
  • 07.11.2008 16:33:16 Wer

    Jetzt find ich das Beispiel aber nicht gerade allgemeintauglich... Kränkelnd, miese Stehplätze, keine komplette Sportschau und auch noch Radioübertragung mit miesen Rundfunkmoderatoren...
    Ist ja schon sehr suboptimal. Ich hätts leiber mal ausgetestet mit bequemer Wonzimmercouch und Bier bei Live-Konferenz und später Sportschau, Sitzplatz und Essen in der Kneipe und einfach alles an (hochklassigem) Fußball was so zu bekommen ist, auch international. Dann würde man mal sehen wo die Schmerzgrenze trotz bester Randbedinmgungen wirklich liegt.

  • User
  • 07.11.2008 16:43:06 Rotorducks95

    Wenn ich mich der Schmerzgrenze annähern will, sollte ich das aber nicht unter den besten, sondern unter weniger guten Rahmenbedingungen tun...und ein Gutteil des Fußballs, der uns tagtäglich vorgesetzt wird, besteht NICHT aus Spielen auf CL-Niveau...so gesehen wäre es ja Verfälschung, das nur bei hochklassigen Matches auszutesten.

  • User
  • 07.11.2008 19:21:15 Veltinsbauch Eufi

    Ich war bis vor kurzem auch so ein Kasper, der sich von MO - SO Fußball, überwiegend live, reingezogen hat.
    Montags das Zweitligaspiel oder das Monday Night Game aus der Premier League, dienstags und mittwochs CL, donnerstags dann Uefa Cup und am WE halt Buli (FR,SA,SO) und Premier League (SA und SO).
    Problematisch isses, wenn deine Freunde auch fußballinteressiert sind und dir gar nicht auffällt, wie viele Spiele Du schaust und wie übertrieben das eigentlich ist.

    Seit einiger Zeit schaue ich mir nur noch meine beiden Clubs an, dazu noch Highlights wie z.B. Chelsea - Liverpool und Samstags die Konferenz, wenn Schalke an nem anderen Tag spielt.
    Ansonsten reicht es mir auch, wenn ich montags im Kicker Berichte von Spielen lese, die ich nicht gesehen habe.
    Die Freitagsspiele reißen mich meist nicht vom Hocker, dass muss nun wirklich nicht sein. Da hat man meistens andre Dinge zu tun.
    Ins Ruhrstadion gehe ich seit 2 Jahren auch nicht mehr.

    Die vielen Spiele, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, haben zu einer gewissen Übersättigung geführt. Im kommenden Sommer läuft das Pay - TV Abo aus und wird gekündigt.

    Ich freu mich schon drauf, dass eine oder andere Spiel wieder nebenbei im Radio zu hören, während ich noch etwas anderes mache und ich nicht stundenlang vorm TV hocke.
    Letztlich stelle ich eine gewisse Gelassenheit in Bezug auf Fußball bei mir fest.

  • User
  • 07.11.2008 22:43:02 Schmierwurst

    Es ist ein Trauerspiel, daß den Zusammenhang von Überangebot und sinkender von jedem außer DFB/DFL erkannt wird. Oder vielleicht wirds von letzteren einfach ignoriert zugunsten von materiellen Gesichtspunkten.

    Bei mir stelle ich diese Übersättigung regelmäßig bei W- und EM fest. In der Vorrunde schaue ich mir aus Respekt vor den kleineren Mannschaften (und ein wenig, um arrogant auf die Nur-Deutschland-Gucker herabzuschauen) sogar Langeweiler wie Griechenland gegen Russland an, nur um spätestens ab dem Halbfinale keine Lust mehr auf Fußball zu haben, und mir die Ergebnisse am nächsten Tag auf Arbeit erzählen zu lassen.

  • User
  • 07.11.2008 23:52:57 Veltinsbauch Eufi

    Naja, ganz so krass ist es bei mir nicht, bei ner Endrunde versuche ich alles zu gucken...

    Aber zum Beispiel heute abend Köln vs. Hannover musste einfach nicht sein, obwohl ich heute abend ausnahmsweise zuhause bin und Gelegenheit gehabt hätte, das Spiel zu schauen.
    Aber da kram ich lieber ein paar CDs aussem Schrank und höre diese bei nem Pils.
    Morgen werd ich mir Arsenal - Man United und die Buli - Konferenz nach der Arbeit anschauen, Schalke am SO sowieso.
    Aber das reicht dann auch, wie ich finde.
    Und die Europacup - Freie Woche, die uns bevorsteht, kommt mir ganz gelegen, um mal von dem ganzen Fußballkram zu entspannen, ins Kino zu gehen und mir Nordwand, Gomorra oder Palermo Shooting reinzuziehen.

    Ganz schlimm war es bei mir in der Saison 2000/2001, als Premiere erstmals alle Spiele der Buli übertrug. Da war ich mir auch nicht zu schade, um mir Cottbus - Unterhaching live reinzuziehen an nem SO.
    Das war aber bestimmt so, weil man es nicht gewohnt war, alle Spiele live sehen zu können. Und dann war man halt heiß drauf....

    So wie ich empfinden aber viele Leute in meinem Umfeld. Ob sich der zerstückelte Spieltag für die DFL und Premiere lohnen wird wage ich zu bezweifeln...
    Wer zieht sich schon ein Spiel am FR, 2 am SA und 2 am SO rein ?
    In einer bei allem Respekt durchschnittlichen Liga....
    So stark kann keine Liga sein, als dass ich 450 Liveminuten Fußball gucke...
    Wenn es ein "Follow your Team Ticket" gäbe, würd ich mir noch überlegen, premiere für sagen wir, einen 10er, zu behalten.
    Aber wenn man Buli, CL, England und Pokal haben will, muss man im Moment 40 Euronen auffen Tisch legen. Das is eindeutig zu viel. Und es wird wahrscheinlich noch teurer, weil ja jetzt der Spieltag ab kommender Saison zerstückelt ist und Premiere mit mehr Exklusivität prahlen kann.
    Hab ich keinen Bock mehr drauf.

  • User
  • 08.11.2008 05:17:47 unionchemiker

    momentchen, ich geh noch schnell das frau dr.sommer-team ausse bravo holen.....

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