Der große Selbstversuch
Wieviel Fußball verträgt der Fan?
Text: Martin Gropp Bild: Imago
Bundesliga und Bezirksklasse, Top-Spiele und Grotten-Spiele. Fußball wird jederzeit und überall gezeigt – und bald kommt es noch schlimmer. Wie viel Gekicke erträgt der gemeine Fan? Ein Selbstversuch über 1100 Minuten.
Der Moderator redet über James Bond und fragt: »Was macht eigentlich Schalke 004?«
Ich stumpfe ab. Mitten in dieser Woche, in der ich großzügig überschlagen mehr als 1100 Minuten Fußball live verfolge, stellt sich ein Effekt ein, als hätte ich zu viele Pornofilme geschaut: Ich bin kein bisschen aufgeregt. Es ist mir egal, welche Spieler sich beim Kopfballduell aneinander reiben, oder wer wen von hinten zu hart angeht. Die Flut an Spielen fordert ihren Tribut, und ich will ihn zahlen und mein Bier auch und nach Hause gehen. Auf der Leinwand in der Berliner Werder-Kneipe, wo es in der Champions League zwischen Bremen und Athen 0:0 steht, trifft genau in diesem Moment Evangelos Mantzios zum ersten Mal für Athen. Und ich gehe doch noch in die Verlängerung.
Natürlich könnte meine Fußballunlust am vierten von sechs Tagen Fußballmarathon daher rühren, dass ich kein Werder-Fan bin. Ich mag Köln. Aber das ist es nicht. Früher mochte ich sogar Bayern oder Hertha ein bisschen, wenn sie international spielten. Heute geht das nicht mehr, weil es im Herbst immer ganz schön viel wird: englische Wochen in der Bundesliga, DFB-Pokal, Uefa-Cup, Champions League. Und was ist, wenn man auch noch die Premier League, die Primera Division und die Serie A per Satellit live verfolgt? Fußball rund um die Uhr?
Ab der kommenden Saison werden Zuschauer wie ich dann noch schneller abstumpfen. Denn die Deutsche Fußball- Liga (DFL) will die Anziehungskraft der ersten beiden Ligen erhöhen – und dabei natürlich noch ein bisschen mehr mit den Fernsehgeldern verdienen. Das soll so gehen: Die neun Spiele in der Bundesliga werden neu verteilt. Ein Freitagsspiel läuft ab 20.30 Uhr. Am Samstag folgt der »Kern-Spieltag« mit fünf Ansetzungen um 15.30 Uhr. Damit ist der Samstag noch nicht rum, denn um 18.30 Uhr startet das Topspiel des Wochenendes. Den Spieltag komplettieren schließlich zwei Sonntagsspiele um 15.30 Uhr und um 17.30 Uhr. Die Zweite Liga spielt dann zusätzlich auch noch samstags. Die DFL will mehr Fernsehzuschauer pro Livespiel anlocken. Bei den Sendern wird diese Taktik wohl greifen, obwohl sie ökonomisch gesehen paradox erscheint: Die Sender werden für das vermeintliche Mehrangebot auch mehr bezahlen. Aber werden normal fußballinteressierte Zuschauer wie ich auch wirklich mehr schauen?
»Augen zu und durch/Du schaffst es«
Anfangs habe ich noch richtig Lust auf sechs Tage Fußball am Stück. Am vergangenen Samstag helfe ich bei einem Umzug und fahre einen Möbeltransporter Richtung Heidelberg. Wir sind in Thüringen, als Juliane Werding im Radio frei nach Roy Orbisons »You got it« singt: »Augen zu und durch/Du schaffst es/Alles, was Du willst/Du machst es.« Nicht zuletzt dieser Coversong bringt mich auf die Idee, mein Ding zu machen und schleunigst die ARD-Bundesliga-Konferenz zu suchen. Kurz nach halb vier beginnt im Hessischen Rundfunk die Liveschalte. Mir geht es vor allem um das Spiel Stuttgart gegen Köln.
Das Einzige, was hier in Hessen stört, sind die beiden Moderatoren. Zwanghaft versuchen sie, den Spieltag mit dem neuen James-Bond-Film zu verbinden – angeblich, weil Bundesliga und Bond etwa zur selben Zeit ins kollektive Bewusstsein getreten sind. Tatsächlich läuft der erste 007-Streifen »James Bond jagt Dr. No« 1962 an. Die Bundesliga startet ein Jahr später. Das Fußball-Film-Gemisch hört sich so an: »In München läuft heute: Der Hauch des Kloses.« »Was macht eigentlich Schalke 004?« Und nach dem 5:1 der Bremer über Hertha sagen sie: »Für Berlin hieß es heute: Im Angesicht des Bremers.« Die Schlusskonferenz versöhnt: Petit sichert das 3:1 für den FC. Die Abstumpfungsschwelle hängt am Abend des ersten Tages noch hoch. Und als mein Laptop-Fernseher in Heidelberg die Restviertelstunde der Sportschau empfängt, freue ich mich über Bilder vom Hoffenheim-Spiel, die das Gehörte ergänzen.








