Mit Mogwai auf St. Pauli
»Rieche ich etwa Haschisch?«
Text: Martin Riemann Bild: Promo
Celtic gegen Arsenal – ein besonderes Spiel für die schottische Band Mogwai. Wie die eingefleischten Celtic-Fans sich beim Fußball verhalten, durften wir einst am Millerntor erleben. Dort sprachen wir mit ihnen über Hass, Fantum und Musik.
Von wegen Blur sind scheiße! Der FC St. Pauli braucht nur ein Tor zu schießen, schon stimmen die beiden Mogwai-Mitglieder Martin Bulloch und Barry Burns mit den Pauli-Fans in »Song 2« ein. Schmäh-T-Shirts drucken zu lassen und auf der eigenen Website Graham Coxon zu beschimpfen ist eine Sache, Fußball eine ganz andere. Die entspannte Stimmung im Stadion versetzt die medial gern griesgrämig agierenden Mogwais in Gönnerlaune. Für Außenstehende erscheint der FC auch tatsächlich als gebenedeit unter den Fußballvereinen. Schon vor dem Stadion erweckt das Publikum eher den Eindruck, ein Rockkonzert stünde bevor.
Und überall laufen nette Männer mit auf den Rücken geschnallten Bierfässern herum. Super. Leider ist in den Fässern Astra, man kann eben nicht alles haben. Nebenbei weist man mich darauf hin, dass der Ausschank von Vollbier in deutschen Stadien keine Selbstverständlichkeit sei. In Glasgow herrsche gar ein generelles Alkohol- und Rauchverbot, und man müsse das ganze Spiel über sitzen. Die Vorstellung, ohne Bier und Zigaretten in einem Fußballstadion zu hocken, ist noch bitterer als das milchige Astra in meinem Plastikhumpen.
Aber zurück nach St. Pauli. Hier werden zur Verzückung der Schotten auch noch ganz andere Genussmittel konsumiert. »Rieche ich etwa Haschisch?« frohlockt Martin noch vor dem Anpfiff. Die Antwort findet er in der Südkurve, die von einer überdimensionalen Marihuana-Flagge dominiert wird. Ein Schritt in die richtige Richtung, Totenköpfe zieren ja mittlerweile das Outfit jedes 3-Jährigen. Das hält Bulloch allerdings nicht davon ab, sich später in der Halbzeit das klassische schwarze Jolly-Roger-Shirt des FC zu kaufen. Auf die Frage, ob er schon anderen St.-Pauli-Merchandise habe, rattert der Schlagzeuger eine lange Liste von Bekleidungsstücken und Accessoires herunter. Er könnte genauso gut sagen: »So ziemlich alles, was es im Fan-Shop gab, außer der Fußmatte.«
Kreditkartengroß Jahreskarte für die Spiele des Celtic F.C.
Die Begeisterung Bullochs für den Hamburger Fußballclub ist keine absonderliche Schrulle, er ist Celtic-Fan, und zwischen St. Pauli und Celtic Glasgow besteht langjährige Fanfreundschaft. Er zeigt mir seine kreditkartengroße Jahreskarte für die Spiele des Celtic F.C. »Das verdammte Ding kostet 600 Pfund.« Dafür sitzt er aber seit ca. 25 Jahren auf demselben Platz. Das ist offenbar noch gar nichts, denn Barry wirft ein, dass Martins Mutter erst so richtig verrückt nach dem Verein sei. Sie reist regelmäßig zu Auswärtsspielen.
Barry selbst geht übrigens nicht zu Celtic: »Ich kann dort nicht das Stadion betreten. Ich hasse die Rangers einfach zu sehr.« Die Frage, warum er nicht wenigsten dann hingehe, wenn die Rangers nicht spielen, stelle ich lieber erst gar nicht. Fußball ist ja Glaube, also durch und durch irrational. Darauf weisen auf dem Heiligengeistfeld besonders die amüsanten Fangesänge und Zwischenrufe des Publikums hin. Barry versucht sich mit einem prononcierten »Arschficker«-Ruf in Richtung VFB-Neuzugang Jens Lehmann einzugliedern, erntet dafür aber bestenfalls irritierte Blicke. Sein »Du bist arbeitslos!« kommt dagegen schon besser an. Barry hasst Jens Lehmann, spricht dafür aber auffällig gut Deutsch. Demnächst zieht er mit seiner Freundin nach Berlin-Kreuzberg.
Aus Heft #91 06/2009
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