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15.09.2008

Fußballer im Ramadan

Die reine Leere

Text: Fabian Jonas  Bild: Martin Leissl

Im September ist es wieder so weit – der muslimische Fastenmonat Ramadan beginnt. Essen und Getränke sind für Gläubige dann bis Sonnenuntergang tabu. Für Fußballprofis wie Abdelaziz Ahanfouf eine harte Zeit.

Fußballer im Ramadan - Die reine Leere


Es war zu Beginn der vergangenen Saison. Die ganze Bundesliga lag Franck Ribéry zu Füßen. Jeden Tag erschienen exklusive Geschichten über den neuen Superstar des FC Bayern, und natürlich blieb dabei nicht unerwähnt, dass der Franzose vor wenigen Jahren zum Islam konvertiert war, mit einer algerischen Frau verheiratet ist und den muslimischen Namen Bilal trägt. Als sich seine Leistungen nach ein paar Spielen vorübergehend normalisierten, sich die Gegenspieler wohl auch ein wenig auf ihn eingestellt hatten, dauerte es nicht lange, bis einige Reporter die Ursache für das vermeintliche Leistungstief präsentierten: der muslimische Fastenmonat Ramadan hatte begonnen, und Ribéry, so die Annahme, war davon geschwächt.



Der Ramadan ist der neunte Monat des islamischen Mondkalenders. Der Koran gebietet, dass jeder Muslim ab der Pubertät in diesem Monat jeweils von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang zu fasten hat und weder essen noch trinken darf. Ausnahmen bestehen hauptsächlich für Kranke und Schwerstarbeiter, denen bei Einhaltung der Fastenregeln gesundheitliche Schäden drohen würden. Die versäumten Tage müssen dann jedoch nachgeholt werden. Auf diese Ausnahmeregelung berufen sich auch viele der muslimischen Spieler in Deutschland. So auch Franck Ribéry, der die alarmierten Bayern-Fans schnell beruhigen konnte. »An freien Tagen faste ich, an Spieltagen nicht.«

»Wenn du die ersten Tage geschafft hast, kommst du in einen Rhythmus«

Abdelaziz Ahanfouf ist seit 13 Jahren Fußballprofi und streng gläubiger Moslem. In all den Jahren hat er noch nie mit dem Fasten ausgesetzt. Zuletzt sorgte der Deutsch-Marokkaner für Schlagzeilen, als er im Dezember 2007 bei einem schweren Autounfall mit seinem Wagen unter einen Sattelschlepper geriet und mehrere Tage in Lebensgefahr schwebte. Kurz darauf wechselte er trotz seiner schweren Gesichts- und Kopfverletzungen von Arminia Bielefeld zum SV Wehen Wiesbaden, der nur wenige Kilometer von seinem Geburtsort Flörsheim beheimatet ist. »Ich wollte nur noch nach Hause«, begründet er seinen Wechsel in die 2. Liga. Inzwischen geht es ihm wieder gut. Nun steht, rund zwei Wochen nach Saisonbeginn, die muslimische Fastenzeit auf dem Plan. Für Ahanfouf kein Problem. »Ich ziehe das auf jeden Fall durch. Ich freue mich sogar darauf, auch wenn die ersten Tage schwierig sind.«
Natürlich weiß auch der Deutsch-Marokkaner um die Möglichkeit, versäumte Tage nachzuholen, doch davon will der 30-Jährige auch weiterhin keinen Gebrauch machen. »Wenn du die ersten Tage geschafft hast, kommst du in einen Rhythmus, in dem es leichter wird. Natürlich zwickt es dann einmal hier oder tut es da weh, aber man gewöhnt sich an alles.« In diesem Zusammenhang verweist er auf die genauere Bedeutung des Ramadan. Das Fasten stellt keinen Selbstzweck dar, sondern ist vielmehr eine Art Gottesdienst zwischen Allah und dem Gläubigen, der in dieser Zeit die Armut und den Hunger anderer am eigenen Körper erlebt. Zudem ist es nur eine der fünf Säulen des Islam. Die anderen – Glaubensbekenntnis, Gebet, die Bereitschaft, an Bedürftige zu spenden, und eine Pilgerfahrt nach Mekka – sind ebenso wichtig, will man nach dem Tod ins Paradies einziehen. »Es geht im Ramadan nicht nur ums Essen und Trinken. Es geht in diesen vier Wochen um absolute Reinheit, darum, nicht böse zu sein und nichts Böses zu denken, nicht zu fluchen und auf gar keinen Fall zu lügen«, erklärt Ahanfouf, »wenn du das machst, dann kannst du auch gleich essen.«

Dennoch fragt sich der ambitionierte Hobbysportler, der meist schon nach 15 Minuten Standfußball zum isotonischen Durstlöscher greift, wie man harte Übungseinheiten und Spiele vollkommen ohne Flüssigkeitszufuhr durchstehen soll. Ahanfouf beantwortet diese Frage mit seiner religiösen Überzeugung: »Es ist reine Glaubenssache. In den ersten Jahren gab es schon Tage, an denen ich dachte: ›Leck mich am Toupet! Wie soll ich das schaffen, ich kann nicht mehr!‹ Mit der Zeit ist es aber leichter geworden.«

Er versucht in diesen Zeiträumen möglichst viel zu schlafen und räumt ein, dass er im Training mitunter schon mal einen Schritt weniger gehe als außerhalb des Ramadan. Probleme mit seinen Kollegen gab es deswegen aber noch nie. »Wenn es im Spiel darauf ankommt, gebe ich Vollgas, solange es geht. Und wenn es dann mal nur für sechzig oder siebzig Minuten reicht, dann ist das eben so.«



Aus Heft #82 09/2008

Was hat dich bloß so ruiniert?


weiterlesen [1] [2]



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