Kolumne: Günter Hetzer
Einer für alle, alle im Eimer
Text: Philipp Köster Bild: Sascha Dreier
Der Kapitän, Fringser und die anderen literten schon entschlossen los. So ging das weiter, obwohl die Tänzerinnen gegen Mitternacht deutlich an Niveau verloren: »Na, die ist aber auch ein Fall fürs Ledermuseum.«
Zugegeben, die Nummer hatten wir uns komplett anders vorgestellt. Die Jungs hatten uns schließlich vorher schwer einen vom Pferd erzählt. Offizielle Delegationspässe, free drinks bei den Partys auf Zimmer 9 und natürlich vier Premiumplätze in der DFB-Maschine. Im Gegenzug hatten wir die Jungs mit ausreichend Elektrolyten zu versorgen, sechs 24er-Batterien pro Abend, dazu ein Quartett Küstennebel für den Mannschaftsrat hatten wir vor der EM mit dem Kapitän ausgemacht. Doch gleich am ersten Abend ging alles schief. Zwar hatte Per wie angekündigt zur großen Laktaktwerte-Party geladen, auf der traditionell derbe geschüttet wurde, dummerweise hatte der Teammanager aber unangekündigt die Wachen am Eingang verstärken lassen. Bedeutete, wir hatten umständlich den Umweg über die Hotelküche nehmen müssen. Als wir gegen 23 Uhr in Mertes Zimmer aufschlugen, rissen uns die Jungs bereits die Kolben aus den Händen. »Das nächste Mal aber früher«, hatte der Fringser gemault. Ein Gutes hatte die Verspätung allerdings, Odonkor hatte sich schon schlafen gelegt.

In den folgenden Tagen allerdings verschlimmerte sich die Lage noch. Der Manager hatte nämlich zusätzlich zu den Stiernacken an der Pforte eine zweite Sicherheitsebene im dritten Stock eingezogen. Statt der legendären Rundgänge von Hansi Flick zur vollen Stunde also scharfe Kontrollen schon am Aufzug. Hieß wiederum, wolten die Jungs nicht abends Fanta aus der Bordküche nuckeln, mussten sie den Ausbruch wagen. Am Abend vor dem Portugal-Kick ging es dann tatsächlich rund, Per Räuberleiter ging es über den Hotelzaun und auf direktem Weg ins »Viva Maria«, die beste, weil einzige Topless-Bar am Ort. Akzeptable Musik, drei Stangen parallel und eine ganze Garnison ansehnlicher Hostessen mit schweren Lungenflügeln.
Großes Hallo, als die Jungs in Formation in dem Schuppen einfielen. Die Routiniers blockten gleich die besten Plätze an der Bühne, während sich die Youngster um Marcel und Clementine am Eingang herumdrückten. Waldi begrüßte die Milchbärte jovial: »Amüsiert euch, Freunde! Und immer daran denken: Wer Meister werden will, muss auch auswärts punkten!« Währenddessen literten der Kapitän, Fringser und die anderen schon entschlossen los. Motto: Einer für alle, alle im Eimer. So ging das weiter, obwohl die Tänzerinnen gegen Mitternacht deutlich an Niveau verloren: »Na, die ist aber auch ein Fall fürs Ledermuseum«, kommentierte Waldi eine Perle, die Besitzer Giovanni offenbar direkt aus dem Solarium verpflichtet hatte.
Gegen drei Uhr in der Früh hatte bis auf den Kapitän und Kevin nahezu das komplette Team den Rückzug angetreten, vor allem Fringser hatte Pech gehabt und war stockvoll gegen die Bühnenkante geknallt. Diagnose: Rippenbruch. Als wir uns kurze Zeit später auch auf den Weg machen wollten, wer schaute plötzlich durch die Tür herein? Der Manager! Auf Streife! Waldi kumpelte den Europameister von 1996 jovial von der Seite an: »Olli, alte Hüfte!« Doch der Kollege hatten schon einen harten Hals, sah gleich, dass Michael promilletechnisch auf der Überholspur unterwegs war und machte mächtig Stunk. Kam er aber bei Mike an die komplett falsche Adresse, der hatte den Herrn vom Starnberger See ohnehin gefressen. Kurze Rangelei, linker Haken, dann zog Kevin den Kapitän zur Seite. »Das nächste Mal kassierst du«, zischte Mike noch, aber der Manager hatte schon wieder den Rückwärtsgang eingelegt.
Aus Heft #81 Sonderheft 2008/09









