»Ihr könnt ja gar nichts!«
Die Glücksritter
Text: Christian Seidl Bild: Imago
Dies ist die Geschichte der SV Kapfenberg, die vor einem Jahr aus der zweiten österreichischen Liga abstieg, dann doch bleiben durfte. Die eines Trainers, der dem Tod von der Schippe sprang. Einer »lebenden Mumie« als spielendem Manager.
Es lässt sich trefflich darüber streiten, wann das Wunder von Kapfenberg seinen Anfang nahm. War es im Sommer 2007, als die Pleiten der Konkurrenz dem kleinen Verein aus der Steiermark ein zweites Leben schenkten? Ein paar Monate zuvor, als zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate der Trainer gewechselt wurde? Oder doch schon 1997, als Erwin Fuchs auf der Bildfläche erschien? Doch der Reihe nach.
Knapp 22.000 Einwohner zählt die kleine Industriestadt Kapfenberg. Der örtliche Klub wurde 1919 gegründet und erlebte seine beste Zeit Anfang der 50er, als ihm der Aufstieg in die Staatsliga A gelang. Aus dieser Zeit stammt auch der legendäre Satz des österreichischen Kabarettisten Helmut Qualtinger: »Kapfering gegen Simmering – des is Brutalität.« Nach dem Abstieg 1967 dümpelte der Verein meist auf Landesligaebene herum. Bis 30 Jahre danach Erwin Fuchs das Kommando übernahm. Wer den Unternehmer kannte, der vom einfachen Lehrling zum Besitzer eines Firmenimperiums aufstieg, wusste, dass er sich nicht mit halben Sachen begnügen würde. Über Jahre butterte der Präsident eine Menge Geld in den Verein. »Ich habe mir halt ein teures Hobby ausgesucht«, sagte er dazu lapidar. Und 2002 war die SV Kapfenberg zurück in der 2. Liga.
Vier Jahre später trennte sich der Vorstand vom langjährigen Trainer Hans-Peter Schaller. Sein Nachfolger Drazen Svalina übernahm eine nahezu komplett neue Mannschaft, derweil der bisherige Spieler Herbert Wieger in die Rolle des Managers schlüpfen sollte. Aufgrund zahlreicher Verletzungen an der Grenze zum Sportinvaliden sollte der Publikumsliebling nurmehr in Notfällen als Stürmer auflaufen. Doch die Sache mit Svalina funktionierte nicht, und nach nur einem Punkt aus sieben Spielen wurde der glücklose Coach entlassen. Als neuer Trainer wurde ein alter Bekannter im österreichischen Fußball vorgestellt, ein Irrwisch an der Seitenlinie: Werner Gregoritsch, 50.
»Wenn dein komischer Helm beim nächsten Training nicht weg ist, brauchst du dich nicht mehr blicken zu lassen«
Der krempelte die Ärmel hoch und legte gleich richtig los: »Meine Devise ist Geben und Nehmen, dazu hundertprozentiger Einsatz.« Nicht nur die Einstellung der Kicker, auch deren Frisuren passten ihm nicht. »Wenn dein komischer Helm beim nächsten Training nicht weg ist, brauchst du dich nicht mehr blicken zu lassen«, beschied er etwa den Irokesen-Träger Osoinik. Dass Gregoritsch, der von vielen »Gregerl« genannt wird, mit seiner harten Linie Erfolg haben kann, bewies er einst in Mattersburg, als er den Dorfverein in die Bundesliga führte. Doch in Kapfenberg ließ der Erfolg zunächst auf sich warten. Zwar hatten alle Fußballer bald brave Haarschnitte, doch konnte auch Gregoritsch der Truppe kein Leben einhauchen. Seine energische Art schien die Spieler noch mehr zu verunsichern. Am Saisonende war die SV Kapfenberg Vorletzter und musste eigentlich runter in die Regionalliga. In dieser Situation setzte der Trainer ein Zeichen und verlängerte seinen Vertrag um drei Jahre, unabhängig von der Klassenzugehörigkeit. Obwohl es leise Hoffnung gab, dass einige Klubs keine Bundesligalizenz erhalten könnten, wurde eifrig an einem Kader für die Regionalliga gebastelt.
Aus Heft #80 07 / 2008








