Event-Fans
Keine Ahnung? Kein Problem!
Text: Philipp Köster Bild: Imago
Seit 2006 prägen sie das Straßenbild des Fußballs: die Event-Fans. Für sie steht nicht der Sport, sondern das soziale Ereignis im Vordergrund. So wird das Spiel zum Unterhaltungsprodukt degradiert - findet Philipp Köster.
Es gehört in diesen Wochen nicht viel dazu, Deutschland-Fan zu sein. Ein Leibchen mit dem Bundesadler für 5,95 Euro, ein schwarz-rot- goldener Irokese für 3,95 oder ein Fähnchen fürs Autodach, als Beilage in der Tageszeitung. Und weil das alles so einfach ist, musste beim Halbfinale gegen die Türken die gerade frisch eröffnete Berliner Fanmeile schon wieder wegen Überfüllung schließen, sind alle Kneipen mit Fernsehanschluss seit Turnierbeginn gerammelt voll, präsentiert sich ganz Deutschland als Bundesfankurve.

Nun ist dieses Phänomen der bevölkerungsübergreifenden Fußball-Begeisterung nicht ganz neu. Schon 2006 gingen selbst Hausfrauen im Deutschland-Trikot zum Einkaufen, flaggten ganze Straßenzüge Schwarz-Rot-Gold und verbrachten Hunderttausende ihren Jahresurlaub auf den Fanmeilen der Republik. Es waren dies aber keine Fußballfans im eigentlichen Sinn, keine Stadiongänger und Auswärtsfahrer mit Hunderten Spielen auf dem Buckel.
Es herrscht Hütten-Hammer-Stimmung
Stattdessen tummelte sich auf den Meilen, in den Kneipen und Kurven ein neuer Fantypus: der des amüsierwilligen Event-Fans.
Ausgestattet mit rudimentärem Basiswissen über Poldi und Schweini und einer Ahnung davon, dass es außer Deutschland noch andere Mannschaften gibt, dazu bedingungslos begeisterungsfähig und bereit, in jede laufende Kamera zu brüllen: »Deutschland, geil, Finale, jaaaahaha«. Kurzum: Fußball war 2006, und ist auch 2008, sportlicher Buddhismus. Man muss ihn nicht verstehen, kann ihn aber trotzdem toll finden. Zumal sich das Live-Erlebnis Fußball inzwischen völlig den Bedürfnissen der amüsierwilligen Anhänger angepasst hat, im Stadion und auf den öffentlichen Plätzen. Auf der Fanmeile treten prominente Bands auf. Statt der Polizeikapelle, die früher vor dem Anpfiff ein wenig lustlos über den Rasen marschierte, wummert im Stadion bis zum Anpfiff laute Partymusik aus den Boxen. Die Stadionsprecher sagen nicht mehr die Aufstellungen der Teams durch, sondern animieren die Zuschauer zum Klatschen und Mitsingen der eingespielten Titel. Es herrscht Hütten-Hammer-Stimmung. Würden sich nicht nebenbei noch die Mannschaften warmmachen, man käme nicht auf die Idee, gleich werde ein Fußballspiel angepfiffen.
Beim Vorrundenspiel zwischen Deutschland und Österreich in Wien brüllte der österreichische Stadionsprecher Andy Marek zwischendurch gar den schönen Satz ins Mikrofon: »Und nun zünden wir die finale Stimmungskanone – mit der La-Ola-Welle«. Dabei hatte das Spiel noch nicht einmal angefangen.









