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12.06.2008

Am Grab von Ernst Happel

Wenn er net g'storben wör...

Text: Tim Jürgens  Bild: Imago

Erst kurz vor seinem Tod erkannte Österreich, welch ein großer Trainer Ernst Happel war. Heute sind viele überzeugt: Hätte er länger gelebt, wäre einiges anders gelaufen im österreichischen Fußball. Vom Friedhof berichtet Tim Jürgens.

Am Grab von Ernst Happel - Wenn er net g


Wer die Zeichen sucht, der findet sie auch. Kann es ein Zufall sein, dass einen Steinwurf von der Grabstelle 238/Gr.1 auf dem Friedhof Hernals eine Familie namens »Stürmer« beerdigt ist? Wer an einem heißen Tag den langen Weg vom Zentrum hierher in den Westen Wiens macht, gerät ordentlich ins Schwitzen, wenn er das Grab von Ernst Happel im Eck des hügeligen Geländes sucht. Als wolle der Schleifer die Nachwelt auch posthum noch auf Trab halten. Denn unter dem Trainer Happel wurde pariert, nicht gequatscht. Ab und zu hinterlassen Fans von Feyenoord Rotterdam oder Rapid Wien hier einen Wimpel, eine Zeichnung oder ein paar Grußworte. Vor dem Champions-League-Spiel in Wien bei Rapid 2005 huschte auch der damalige Bayern-Trainer Felix Magath vorbei, ein Schüler Happels aus Zeiten beim HSV.



Ein paar Straßen weiter, im »Café Ritter«, geben sich die Journalisten die Klinke in die Hand. Das Kaffeehaus im Arbeiterbezirk Ottakring war zu Lebzeiten ein letztes Refugium in der Heimat des rastlosen Happel. Immer wenn er nach Wien zurückkehrte, spielte er dort mit den Rentnern das Kartenspiel »Schwarze Katze«. Auch Alfred Haider, der täglich an einem Ecktisch des »Ritter« seine Zeitung liest, zockte öfter mit dem Coach. Er weiß es noch wie heute: »Selbst am Tag, als er in die Krebsklinik nach Innsbruck abreiste, haben wir noch eine Partie gespielt. Viel von sich erzählt hat er nie. Er war halt ein Grantler.«

»Wenn der Happel net g'storben wör«


Sein Trainerleben verbrachte Happel fast ausschließlich im europäischen Ausland. Erst als 1987 Lungenkrebs bei ihm diagnostiziert wurde, kehrte er nach Österreich zurück, trainierte zunächst den FC Tirol und übernahm 1992, schon mit dem Tod ringend, die österreichische Nationalelf. Doch erst nach seinem Ableben wurde Happel in seiner Heimat die Anerkennung zuteil, die er im Ausland längst genoss. Dass man dieser Tage in Wien seinen Namen sehr oft hört, mag auch daran liegen, dass auf der Bank des Gastgeberlandes mit Josef Hickersberger ein sympathischer Zauderer sitzt. Viele glauben, Österreich hätte bessere Chancen, wenn es von einem Hasardeur wie Happel trainiert würde. Dessen Mannschaften mit Pressing dem Gegner einen eigenen Stil aufdrückten, einem Mann, der totale Offensive predigte und keinen Sicherheitsfußball der Marke »Hicke«. Peter Breimeier, der Wirt des »Café Ritter«, spricht aus, was viele denken: »Wenn der Happel net g'storben wör, tät hier einiges anders laufen im Fussball.« In Happel verband sich der Lebemann mit dem Disziplinfanatiker. Die Medien von heute würden sich die Finger nach ihm lecken. Seiner Frau Elfriede war er schon früh untreu. An fast allen Trainerstationen hatte der wortkarge Kauz mit der scheinbar angewachsenen Zigarette im Mundwinkel Freundinnen. Die wenige Zeit, die ihm abseits des Fußballs blieb, verbrachte er lieber im Kasino als beim Lesen. Als er sich in Innsbruck eine neue Wohnung einrichtete, ist aus einer Buchhandlung der Satz von ihm überliefert: »Ich brauch was für die Regale. Geben’s mir nen Meter von den roten und einen von den gelben Büchern.«


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