Fan-Feindschaft in Leipzig
City of Mob
Text: Tim Jürgens, Maximilian Hendel und Robert Mucha Bild: Imago
Die Leipziger Klubs Lok und Chemie entzweit eine Rivalität, die über das normale Maß hinausgeht. Die Gegner gehen mit Schusswaffen aufeinander los. Dumme-Jungen-Streiche oder organisierter Terror? Die Wahrheit liegt wie immer dazwischen.
Die Täter kamen aus der Dunkelheit. Aus heiterem Himmel zersplitterte das Fenster in der Eingangstür. Dort, wo eben noch Glas gewesen war, erschien eine Hand mit einer Gaspistole. Der Schütze feuerte einige Male ziellos in den Raum. Dann drang ein Pulk Vermummter in die »Sachsenstube« ein, bewaffnet mit Messern, Baseballschlägern, Stangen und Totschlägern. Rauchgranaten wurden gezündet und verwandelten den Raum in ein undurchsichtiges Dickicht.

Gerade noch hatten die Mitglieder der Ultrabewegung des FC Sachsen, »Diablos«, Lieder gesungen und sich am Buffet zu schaffen gemacht. Nun suchten sie Schutz unter Tischen und Stühlen. In panischer Angst griffen die Besucher der Weihnachtsfeier nach allem, was sich zum Widerstand eignete. Ein bulliger Angreifer wurde von zwei Stühlen am Kopf getroffen, schüttelte sich und ging zum Gegenangriff über. Ein anderer sackte unter der Wucht des schweren Mobiliars zusammen und wurde von den Kameraden vor die Tür geschleppt. Dann zog einer der Vermummten seine Schreckschusspistole und feuerte aus kurzer Entfernung auf den Leiter des Fanprojekts des FC Sachsen, Erik Fischer. Ein solcher Schuss kann tödlich sein. Doch das Projektil streifte Fischer wie durch ein Wunder nur leicht am Kopf. So plötzlich wie es anfing, endete es auch. Drei »Diablos«, die den Überfall unerkannt aus einem Auto beobachteten, sahen wie rund 65 Vermummte im Dunkeln verschwanden.
Das letzte Tabu war gefallen. Der 8. Dezember 2007 ging als der Tag in die Leipziger Geschichte ein, an dem die Rivalität zwischen Fans des 1. FC Lokomotive und des FC Sachsen – oder besser der BSG Chemie, wie hier jeder den Verein der DDR-Tradition folgend nennt – eine neue Dimension erreichte. Was an diesem Samstag passierte, überstieg alle Maßstäbe nach denen Fußballfans von den Behörden klassifiziert werden: Weder in der »Kategorie B« der sogenannten gewaltbereiten Fans, noch in der »Kategorie C« der Gewalt suchenden Stadionbesucher ist ein organisierter Angriff mit Waffen außerhalb jeglichen Fußballzusammenhangs üblich. Selbst Hooligans der beiden Vereine, die stolz darauf sind, bei der Polizei in der »Kategorie C« geführt zu werden, distanzieren sich von dem Überfall. Er ist mit dem Hooligan-»Ehrenkodex« nicht mehr in Einklang zu bringen. 170 Fans der »Kategorie C« sind bei der Leipziger Polizei registriert. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 500 Personen in der Stadt und im Umland zu Gewalt im Fußballkontext neigen. Die Hooligan-Ehre aber verbietet bewaffnete, organisierte Angriffe gegen Wehrlose und Gegner, die am Boden liegen.
Doch diese Gesetze waren in der Dezembernacht außer Kraft gesetzt. Als der Überfall kurz nach 22.30 Uhr stattfand, waren nur noch wenige Ultras mit Freundinnen und einige Chemie-Sympathisanten, die nicht den »Diablos« angehören, bei der Weihnachtsfeier in der »Sachsenstube«. Alles hatte so verträglich begonnen: Der Chemie-Fanbeauftragte Erik Fischer bekam während der Feier einen Anruf, dass sich einige stadtbekannte Lok-Schläger am Leipziger Hauptbahnhof zusammenrotten würden. Man solle auf der Hut sein. Fischer verständigte als erstes Lok-Präsident Steffen Kubald, der bei der Polizei Hilfe für die Fans des Ortsrivalen anforderte. Ein Wagen mit sechs Beamten wurde vor der »Sachsenstube« zum Schutz abgestellt. Als die Ordnungshüter bis 22.30 Uhr keinerlei Auffälligkeiten ausmachten, brachen sie nach Absprache mit der Leitstelle ihren Einsatz ab. Wenige Minuten später begann der Überfall.
Oberflächlich betrachtet ist der Terrorakt die bizarre Eskalation eines Konflikts zwischen verfeindeten Fanlagern, ein Höhepunkt einer seit Generationen schwelenden Rivalität. Denn der Leipziger Fußball ist in Deutschland ein Sonderfall: Die Stadt verfügt als einzige deutsche Großstadt über zwei Klubs, die seit Jahrzehnten um die Hegemonie konkurrieren. Anders als in München oder Hamburg ist es keinem der beiden Klubs gelungen, langfristig erfolgreicher zu sein als der Ortsrivale. In einer Stadt von der Größe Hannovers balgen sich aber nicht nur zwei Vereine um die sportliche Vormachtstellung – es ist auch eine ideologische Auseinandersetzung.
Den Grundstein legte die SED-Regierung, indem sie Leipzig 1963 zum Leistungszentrum erkor und damit die vermeintlich besten Spieler der Stadt in der »Sektion Fußball« des SC Leipzig kollektivierte, aus dem 1966 der 1. FC Lok hervorging. Die übrig gebliebenen Kicker schob man ab zur BSG Chemie. Die vermeintliche Reserveelf aus Leutzsch wurde jedoch unter Trainer Alfred Kunze 1964 überraschend Oberliga-Meister. Das Starensemble aus Probstheida schloss auf Platz 3 ab. So wurde Chemie, lange vor den Montagsdemos, zu einem Symbol für den Widerstand gegen die Obrigkeit. Die Kluft, den die Doktrin der Staatsmacht vorsätzlich in den Leipziger Fußball riss, ist bis heute vorhanden. Der Fanbeauftragte von Lok, Uwe Nollau, bringt es auf den Punkt: »Die Stadt ist in Grün-Weiß und Blau-Gelb geteilt. Bevor manche Kinder von Lok-Fans ›Mama‹ oder ›Papa‹ sagen, plärren sie ›Chemie-Schweine raus‹.«
Aus Heft #75 02 / 2008









