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Bremer Kreisliga: Aufstieg ohne Sieg

Mardin allein zu Haus

Text: Harald Czycholl  Bild: Jörg Oberheide

Mardin allein zu Haus

Spielen wollten sie immer. Sie fuhren quer durch Bremen, von Tenever nach Lesum – doch der Gegner war nicht da. Sie saßen umgezogen in der eigenen Kabine – aber die Kontrahenten kamen nicht. Sie fuhren nach Horn – vergeblich. Ein Spieltag nach dem anderen, immer das gleiche Bild. Und dennoch: Traten sie auswärts an, kamen sie mit drei Zählern im Gepäck nach Hause, bei Heimspielen blieben die Punkte da. Die Tabelle der Bremer Kreisliga A attestiert dem SV Mardin aus dem Problemstadtteil Tenever eine blütenweiße Weste. Ende November, nach zehn Spielen, hatten sie 30 Punkte auf dem Konto, das Torverhältnis lautete 20:0. Dabei ist der SV Mardin, ein Klub kurdischer Einwanderer, normalerweise im Mittelfeld der Liga zu finden. Dass die Fußballer auf dem besten Weg zum Aufstieg in die Bezirksliga sind, liegt daran, dass niemand gegen sie spielen will.



Alles begann am vorletzten Spieltag der vergangenen Saison. Es waren nur noch wenige Minuten zu spielen an jenem Sonntag im Juni, als Schiedsrichter René Jacobi eine verhängnisvolle Entscheidung traf. Beim Spiel des SV Mardin gegen den FC Mahndorf schickte er in der 84. Minute beim Stand von 3:1 für Mahndorf zwei Akteure zum Duschen, einen von jedem Team. Danach eskalierte die Situation auf der Bezirksanlage Schevemoor, wo der SV Mardin seine Heimspiele austrägt. Den Anfang machte Mardins Trainer Cindi Tuncel. Der 30-Jährige schlug dem Referee die Pfeife und die Karten aus der Hand. Es folgte ein Tumult, Zuschauer stürmten den Platz, Schläge und Tritte prasselten auf Jacobi ein. Einige Spieler des SV Mardin versuchten den Mann gegen die Angriffe des wütenden Mobs zu schützen, andere beteiligten sich an der Jagd auf den Unparteiischen. »Es ist erschütternd, wenn man schutzlos auf dem Boden liegt und es trotzdem weitergeht«, erinnert sich Jacobi, soweit er sich erinnern kann. Irgendwann verlor er das Bewusstsein und kam erst im Krankenhaus wieder zu sich.

Die Liste der Verletzungen, welche die Ärzte bei Jacobi feststellten, ist lang. Da war zum Beispiel die Prellung des rechten Auges nach einem Faustschlag, hervorgerufen durch Bluttröpfchen innerhalb des Auges und so stark, dass das Sehvermögen für mehr als eine Woche getrübt war. Schläge und Tritte gegen den Kopf verursachten eine Gehirnerschütterung, von diversen Prellungen an nahezu allen Stellen des Körpers ganz zu schweigen. »Ich hätte gelähmt oder sogar tot sein können«, sagt Jacobi. »Für meinen Hausarzt ist es nach wie vor ein Wunder, dass nichts Schlimmeres passiert ist.«



Aus Heft #74 01 / 2008


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