Die Geschichte der Fußballfans

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Schildbürgerstreiche im Main-Taunus-Kreis

Der Kommerz erreicht die Basis

Text: Tim Jürgens  Bild: Sabine Reitmaier

Der Kommerz erreicht die Basis

Die Bügelanweisung ist mit drin. Damit keiner sagen kann, er hätte nicht gewusst, wie er den Stofffetzen anbringen muss. Denn gerade Jerseys mit den drei legendären Streifen machen ein Beflocken auf dem Ärmel schwer. Plättet man nämlich nach Schema F, kommt es vor, dass sich die Strukturen der Textilien nicht miteinander verbinden. Die Folge: Am Sonntag landet der Großsponsor, genauer gesagt dessen Logo, nach der ersten Rangelei in der aufgeweichten Erde schlecht drainierter Kreisliga-Äcker. Und dort sieht sich der koreanische Autobauer, bei aller Liebe, dann doch nicht so gern.



Seit Anfang der Saison ist Kia, ein Tochterunternehmen des Autoriesen Hyundai, ein ehrgeiziges Joint Venture eingegangen. Für ein Spieljahr tritt das Unternehmen als Generalsponsor aller Fußball-Kreisligen im Bundesland Hessen auf. Was wie eine sarkastische Überspitzung der voranschreitenden Kommerzialisierung im Fußball klingt, ist Realität geworden. Damit wird auch der Breitensport zu einem Feld, auf dem sich Konzerne Marketingerfolge erhoffen. Die Globalisierung ist da angekommen, wo lange nur der örtliche Bäcker oder das Schuhgeschäft ihre kargen Erträge einem gemeinnützigen Zweck zuführten.

Kia hat rund eine Million Euro investiert, damit die 125 Kreisligen sich für ein Jahr »Kia-Kreisliga« nennen und alle Aktiven das Konzern-Logo auf dem Ärmel tragen. Zudem stattet der Sponsor alle 2100 Teams im Spielbetrieb auf Anfrage mit einem kostenlosen Trikotsatz mit dem Firmenlogo aus. Insgesamt 28?000 Multifunktionshemden, die es wahlweise in sieben Farben gibt, wurden an die Klubs ausgeliefert. Das sind 97 Prozent aller Kreisliga-Teams in Hessen.

»Weniger Awareness, mehr Kontakte«

Das Geld, das der Konzern für sein eigentümliches Engagement bezahlt, hätte gereicht, um für ein Jahr auf der Brust eines mittelmäßigen Bundesligisten zu werben. Aber statt dem VfL Bochum oder Hansa Rostock sind es jetzt die Kicker des 1. FC Viktoria 07 Kelsterbach oder vom SV »Frisch Auf« Berfa 1926, die in Kia-Trikots um Punkte kämpfen. Eine Statistik hat den Mutter-Konzern in Fernost bei seiner Entscheidung besonders begeistert: Zahlenmäßig sind im deutschen Fußball nirgends so viele Menschen aktiv am Sport beteiligt wie in der Kreisliga. Und wenn sich zu Leuten keine Kundennähe aufbauen lässt, die sich bei jedem Wetter in aller Herrgottsfrühe einen Grottenkick zu Gemüte führen oder dabei sogar noch mittun – zu wem dann?

»Weniger Awareness, mehr Kontakte«, erklärt Holger Wittenberg, Marketing Manager bei Kia Deutschland, das Engagement in der, wie er sie nennt, »Knochenbrecherliga«. Der Hessische Fußballverband (HFV) ging die Partnerschaft mit dem Autobauer gerne ein. »Wir wollten den Vereinen etwas Gutes tun«, erklärt Jens-Uwe Münker, Justiziar des HFV. Vielen Kreisligateams mangele es am Nötigsten, sogar ein neuer Trikotsatz sei für unterklassige Klubs in Ermangelung eines potenten Sponsors bereits eine große Hilfe. In der Tat stehen dem Kia-Engagement viele Vereine positiv gegenüber. Über die frische Oberbekleidung freute sich auch Patrick Schmücker vom FSV Rot-Weiß Wolfhagen, dessen Kreisligateam bereits sechs Jahre dieselben Jerseys aufträgt. Für viele Kicker von der Basis besitzt das Logo des Konzerns, der 2010 in Südafrika auch Hauptsponsor der WM sein wird, den Ruch der großen, weiten Fußballwelt. »Es macht einen professionelleren Eindruck und wertet das Image der Kreisliga auf«, findet Schmücker.
Aus dem Topf des Generalsponsors werden am Saisonende außerdem für alle Kreisliga-Meister jeweils 200 Euro ausgeschüttet. 7500 Euro fließen an den hessischen Frauenpokalsieger 2008 und je 100 Euro sollen die 125 Kreisliga-Klassenleiter für ihre erhöhten Aufwendungen im Zusammenhang mit den Auflagen des Sponsors erhalten. Denn so einfach, wie zunächst angenommen, ist die Einführung eines Generalsponsorings nicht. In Nordhessen hat sich auf Initiative des Tuspo Waldau ein Widerstand aus rund 30 Vereinen formiert, denen sich die Vorteile des Engagements nicht erschließen. 30 bis 40 weitere Klubs aus Hessen melden ebenfalls erhebliche Zweifel an dem Sponsoring an. Einer der Kritikpunkte: Um die lokale Sponsorenstruktur, die vielen Vereinen die Existenz sichert, nicht zu gefährden, spielen die Klubs weiter auch in den Trikots ihrer angestammten Partner. Die überarbeitete Kleiderordnung des HFV verpflichtet aber alle Teams dazu, das Ärmellogo des Liga-sponsors auf diesen Hemden anzubringen. »Eine Nichterfüllung dieser Verpflichtung wird nach § 65 Strafordnung bestraft.« Die Schiedsrichter sind angehalten, Verstöße bei den Klassenleitern zu melden. Läuft ein Klub dreimal ohne Logo auf, drohen ihm bis zu 250 Euro Strafe. Stephan Haarbusch, Fußball-Abteilungsleiter beim Tuspo Waldau, ist ratlos.



Aus Heft #71 10 / 2007


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