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Die Religion verschwindet aus dem Stadion

Was macht Gott jetzt?

Text: Prof. Dr. Klaus Hansen  Bild: Imago

Was macht Gott jetzt?

„Jeder sollte an irgendetwas glauben, und wenn es nur Fortuna Düsseldorf ist.“
(Campino, Sänger der Toten Hosen)

Vor zehn Jahren sahen wir junge Männer in den Kutten, Schals und Mützen des einheimischen Clubs über die Seitenumrandung des Stadioninnenraums klettern und mit wehender Flagge, auf der ein rot gehörnter Teufel zu erkennen war, dem Mittelpunkt des Platzes zustreben, wo sie die Fahne ausbreiteten, vor ihr nieder knieten, sich mehrmals mit erhobenen Armen über sie beugten und dabei ein Gebet murmelten, das einem Messias namens „Otto“ huldigte, das „Otto Unser“: „Otto Unser auf dem Betze, / Geheiligt werden deine Erfolge, / Der Europacup komme, / Deine Siege geschehen, / Wie zuhause, so auch auswärts. / Unsere wöchentlichen drei Punkte gib uns heute, / Und vergib Friedel Rausch, / Wie auch wir vergeben den Erfolglosen. / Und führe uns nie mehr in die Zweite Liga, / Sondern erlöse uns von den Bayern. / Denn Dein ist der Betzenberg / Und der Pokal / Und die Meisterschaft / In Ewigkeit / Amen.“

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Wo sind die bunten Messdiener geblieben? Es gibt sie nicht mehr. Vaterunser-Variationen gibt es nach wie vor, aber die Gläubigen dürfen sie nicht mehr auf dem Platz zelebrieren, sondern nur noch im Internet verbreiten. Schön, wie jüngst Hannover-Fans den umstrittenen 96er-Spieler Jiri Stajner anbeteten: „Unseren spieltäglichen Hackentrick gib uns heute / Und vergib uns unsere Zweifel / Wie auch wir vergeben Deinem Ballverlust / Und führe uns nicht in den Wahnsinn / Sondern erlöse uns vom Mittelmaß.“

„Nicht ich, Gott hat ihn gehalten!“

Was es noch gibt, und zwar dutzendweise, das sind die Nachfahren der nachhaltig missionierten Eingeborenen ferner Landstriche. Brasilianische Torhüter zum Beispiel. Nach gehaltenem Elfmeter bestreiten sie ganz einfach die Glanztat: „Nicht ich, Gott hat ihn gehalten!“ Kein Wunder. „In Brasilien gibt es 22 Sportarten und eine Religion – Fußball“, sagt Carlos Alberto Parreira, Ex-Nationaltrainer der Selecao. Brasilianische Spieler bekreuzigen sich auf Schritt und Tritt, vor dem Betreten des Rasens, nach dem Schlusspfiff, zwischendurch, nach vergebenen Chancen oder persönlichen Fehlern, die folgenlos blieben. Alle großen Torschützen bedanken sich höheren Orts – Ronaldo, Ronaldinho, Kaka. Und manchmal heben sie im Freudentaumel ihr Trikot, um der Fernsehöffentlichkeit Filzstift-Bekenntnisse wie dieses zu offenbaren: „100% Jesus!“
Deutsche Torschützen sind da viel zurückhaltender. Sie besitzen Mittlere Reife oder entstammen dem Marxismus des untergegangenen Staates, sind also gelernte Atheisten, die ihr Leibchen allenfalls mit Sprüchen in der Tradition der abendländischer Aufklärung verzieren: „Der Kopf denkt, der Fuß versenkt.“ Einige unter ihnen, die als besonders sensibel gelten, spüren offenbar, dass es da noch etwas Höheres geben muss und küssen nach jedem Torerfolg das fatale Schlüsselglied einer lebenslangen Häftlingskette - ihren Ehering.

Das Thema „Fußball und Religion“ ist derzeit dabei, einen leicht nekrophilen Zug anzunehmen: Wie kann der Fan auch nach seinem Ableben noch weiter seine Liebe zum Verein bekunden? Das ist eine viel diskutierte Frage, und das Bestattungsgewerbe fühlt sich herausgefordert. Inzwischen bietet man Urnen in Fußballform an und Särge in den Farben und Emblemen des Lieblingsclubs. In England kann man seine Asche auf dem Rasen des Stadions ausstreuen lassen. In Deutschland planen die Vereine nach dem Vorbild der Boca Juniors aus Buenos Aires eigene Fan-Friedhöfe im Dunstkreis des Stadions. „Ein Quantensprung in der Bestattungskultur“, lobt eine „Agentur für Trauerbegleitung“ aus Bergisch Gladbach, die gestern noch schlicht „Beerdigungsinstitut“ hieß. Das Eingangsportal der Fan-Friedhöfe dürfte aus einem 7,32 m breiten und 2,44 m hohen Tor mit angemessener Inschrift bestehen. Vielleicht dieser hier: „Auf dem grünen Rasen und unter dem grünen Rasen sind alle Menschen gleich“. Eine Parole des Westdeutschen Spielverbandes aus dem Jahr 1914. Für die Grabmale in Form von Fußbällen, Stollenschuhen und dergleichen schlagen wir einen Katalog von Musterinschriften vor, die so oder ähnlich lauten könnten:

Hier ruht
mit der Raute im Herzen
HSV-Fan Rudolf Müller
eingewechselt am 12. 1. 1935
ausgewechselt am 3. 6. 2007
Der letzte Pass
war zu steil für ihn


Spieler haben es da viel einfacher. Sie brauchen nicht viele Worte zu machen. „Hamburg 74“, soll Jürgen Sparwasser gesagt haben, das genüge als Inschrift für seinen Grabstein. Dann wisse jeder, wer hier die Radieschen von unten betrachte. Denn der 22. Juni 1974, als Deutschland gegen Deutschland im Volksparkstadion durch ein Sparwasser-Tor mit 0:1 unterlag, ist auf alle Zeit ins Gedächtnis der Nation eingebrannt.

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Bis dass der Tod uns scheidet – HSV-Fans können sich nun im Vereinssarg beerdigen lassen www.11freunde.de/ballkultur/104316 .





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