Erinnerungen an den Fußball (6)
Kreuz und quer durchs Oderbruch
Text: Tobias Börner Bild: Google-Earth

Ich war sieben Jahre alt, als mein Vater für mich entschied, dass ich fortan im Verein Fußball spielen sollte, statt weiter das heimische Garagentor zu malträtieren. Fußball war zwangsläufig die Wahl, dort unten, kurz vor der polnischen Grenze. Es existierten damals so gut wie keine anderen Sportarten. Was für mich nicht weiter schlimm sein sollte und mich noch bis heute stark beeinflusst, denn neben Fußball interessiere ich mich für keine Sportart.
Der Verein, für den ich fortan spielte, hörte damals noch auf den schönen Namen Traktor Gorgast (Foto). Und wie es sich für Dorfvereine gehörte, hatten wir in unserem nur einen Kilometer entfernten Nachbarort Manschnow den Erzrivalen. Selbst für uns D-Junioren waren die Derbys jedes Mal voller Brisanz und nicht selten flossen Tränen. Bei den Herren gehörte der Einsatz eines Krankenwagens beinahe zum Standard. Unvergessen die Kopfnüsse unseres Stürmeridols.
Was für Schalker und Dortmunder absolut unvorstellbar ist, war Jahre später für meinen Verein die letzte Chance überhaupt, weiter bestehen zu können: Aus Blau Weiß Manschnow und dem SV Gorgast wurde der SV Gorgast/Manschnow. Die Ressentiments beider Seiten konnten auch recht bald aus der Welt geschafft werden, und letztlich fand man in dem drei Kilometer entfernten Golzow einen neuen Hassgegner.
Angst in Golzow
Das Schönste an all den Jahren Dorffußball war die von Horst Eckel viel beschworene Kamerraaaaadschaft. Egal in welcher Spelunke man am Wochenende abhing, man erkannte immer ein paar Gesichter wieder und konnte herrlich über die aktuelle Tabellensituation in der Kreisklasse Ost sinnieren. Ärger gab es nur, wenn man sich im Feindesland, sprich auf dem Dorffest von Golzow bewegte. Hier war man kein gerngesehener Gast – und wurde dieses gewisse Kribbeln im Nacken den Abend über auch nicht los.
Das Wochenende gehörte bereits damals klar dem Fußball. In Juniorenzeiten verließ man zu früher Stunde das Elternhaus und fuhr im überfüllten Trabbi des Trainers kreuz und quer durchs wunderschöne Oderbruch. Spätestens als man A-Junior wurde, war das alles kein Zuckerschlecken mehr. Bruder Alkohol wurde zu einem heißen Thema für die Dorfjugend. Verkatert standen sich Horden von 18-Jährigen Woche für Woche gegenüber und hatten dennoch irgendwie ihren Spaß – schließlich war und ist Bewegung die Beste Katertherapie.
Die Landflucht hinterlässt Spuren
Als nach dem Abitur die Mehrzahl meiner Freunde die Region verließ, endete auch meine Fußballkarriere. Es waren einfach nicht mehr genügend Spieler vorhanden, um weiter am Spielbetrieb teilzunehmen. Die einsetzende Landflucht hinterließ ihre ersten Spuren auf den Sportplätzen der Dörfer.
Im vergangenen Jahr versuchte ich noch einmal, die gute alte Zeit wiederzubeleben, und trat einem Team der Berliner Uni-Liga bei. Es blieb bei einem Versuch. Möglicherweise war es das Fehlen meiner alten Freunde oder ganz einfach meine zunehmende Verweichlichung. Bei Wind und Wetter und in aller Herrgottes Frühe im kurzen Leibchen über einen blöden Kunstrasenplatz zu hecheln (auf dem Dorf hatten wir immer Rasen, ich kannte gar nichts anderes) war nicht mehr meine Welt. Den nächsten Anlauf werde ich mit 35 unternehmen, wenn ich dann endlich für die Altinternationalen spielberechtigt bin.
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In der nächsten Folge erzählt 11FREUNDE-Mitarbeiter Lukas Große Klönne wie es war, vom Schnaps trinkenden Onkel Willi zum Fußball gebracht zu werden.
In der der gestrigen Folge der "Erinnerungen an den Fußball" berichtete 11FREUNDE-Redakteur Tim Jürgens von den kontaminierten Bolzplätzen Ostfrieslands www.11freunde.de/ballkultur/101932 .
Ergänzung zu Heft #67 06 / 2007










