Das schlimmste Unwort aller Zeiten
Ausgerechnet...
Text: Philipp Köster Bild: Imago
Was wäre der Fußball-Journalismus ohne routinierte Floskeln? Die allerliebste Vokabel des Sportreporters ist und bleibt ein kleines, universell einsetzbares Wörtchen aus dem Bereich der niederen Mathematik: »Ausgerechnet«. Eine Abrechnung.
So viel war klar, der Reporter der ARD-Sportschau würde gleich künstlich beatmet werden müssen. Im Zusammenschnitt des Bundesligaspiels Hertha BSC Berlin – VfL Wolfsburg hatte sich nämlich gerade Unerhörtes ereignet, Alexander Madlung hatte das 1:0 für die Wolfsburger erzielt. Ja, kaum zu fassen, nicht zu glauben, der Alexander Madlung, bis kürzlich noch selbst unter Vertrag bei der Hertha, hatte nun bei Hertha gegen Hertha getroffen. Aber lassen wir es den Sportschau-Reporter, der sein EKG mühsam wieder unter Kontrolle bekommen hatte, selbst verkünden: »Ausgerechnet Madlung.«

Da war sie wieder, die Allzweckwaffe des deutschen Sportjournalismus. Kaum ein Spieltag, an dem sich nicht mindestens zwei, drei, viele Spielberichte mit ausgerechnet einleiten oder beschließen lassen. Das Schöne ist nämlich: Ausgerechnet ist immer und überall einsetzbar, auch ohne erkennbaren Sinn und Zweck, besonders gerne aber anlässlich der Rückkehr eines Spielers mit seinem neuen Verein an die alte Wirkungsstätte. So etwas kommt in der Bundesliga durchaus häufiger vor, schließlich wickelt die Bundesliga jährlich 200 Transfers ab, und in nahezu jedem Spiel hat ein Spieler irgendwann schon mal in der anderen Mannschaft gekickt.
Ist aber egal, wenn ein kleines ausgerechnet einen müden Kick zur großen Abrechnung macht. Da kehrt Marcelinho in die Bundesliga zurück und muss gleich wo antreten? Na klar, »ausgerechnet bei seinem ehemaligen Klub Hertha BSC« (Netzeitung). Schalke spielt in Stuttgart und wer ist, Sackzement, mit dabei? »Ausgerechnet Marcelo Bordon, vergangene Saison noch in Diensten der Gastgeber« (Zeit). Und wenn Bremen gegen Hannover kickt, kommt der »Kicker« aus dem Staunen nicht mehr raus, denn wer macht die Bude? »Ausgerechnet Per Mertesacker mit einem Abstaubertor gegen seine alten Teamkollegen«. Was ganz eventuell Sinn ergeben hätte, wäre Mertesacker bei 96 mit fiesen Tricks und übler Nachrede herausgemobbt worden und hätte sich nun kalt lächelnd gerächt. »Nehmt das von mir, ihr Schweine, ein Abstaubertor!«
Tore gegen den Ex-Klub sind aber keine unabdingbare Voraussetzung, ganz im Gegenteil, einfach überhaupt nicht dabei zu sein, reicht auch schon. »Ausgerechnet zum Rückrunden-Auftakt bei Werder Bremen muss Hannover 96 auf Steven Cherundolo verzichten« meldet fiebrig »Sportgate« und hat noch nicht genug, einer geht nämlich noch: »Ausgerechnet um den Einsatz von Top-Stürmer Miroslav Klose bangt Werder Bremen vor dem Rückrundenstart gegen Hannover.«
Sind nun aber weder Top-Stürmer verletzt noch dürsten Ex-Spieler nach Rache, muss zur Not der tückische Spielplan herhalten. »Die Königsblauen mussten ausgerechnet beim VfB Stuttgart, dem derzeit konstantesten Team in der Bundesliga, antreten«, staunt die »Zeit«. Das Portal »sport.de« verkündet einen verblüffenden Geheimplan des seit sieben Spielen sieglosen FSV Mainz 05: »Ausgerechnet gegen den Tabellenführer aus Bremen soll die Wende eingeleitet werden.« Was vermuten lässt, dass sich die Mainzer in den vorangegangenen Spielen bereits vor dem Spiel kampflos ergaben. Wende? Nein danke! Umschwung? Ohne uns! Und schließlich der »Stern«: »Seiner Heimpremiere fiebert Neuling FSV Mainz 05 ausgerechnet gegen den Liga-Dinosaurier Hamburger SV entgegen.« Eine zeitlos schöne Feststellung, die auch zu jedem anderen Gegner, ob nun gerade Rekordmeister, Mitaufsteiger, graue Maus oder Lokalrivale gepasst hätte. Apropos Lokalrivale, dachte sich »aol.com« und schrieb: »In seinem ersten Spiel als neuer Bayern-Trainer muss Ottmar Hitzfeld ausgerechnet nach Nürnberg«.









