Swanguard Stadium, 23. Juli 2004
Vancouver Whitecaps – Milwaukee Wave United 4:0
Text: Steffen Rössel Bild: Steffan Rössel

Er ist nicht lang, der kanadische Sommer, aber heute dürften es locker über 35 Grad sein, es ist kaum auszuhalten. Touristen und Einheimische kühlen sich beim Kajakfahren ab und verbrennen sich dennoch die Schultern. Von der Station Patterson des Skytrains, einer Art vollautomatischer Metro ohne Fahrer, kraxeln Tom und Else, ein rüstiges älteres Paar aus Holland, die hier schon seit Ewigkeiten leben, den Hügel zum Stadion hinauf. Tom trägt ein Shirt der portugiesischen Nationalmannschaft, erst im Juni war er drüben in Europa. Fünf Spiele der EM hatte der Reiseveranstalter versprochen, drei waren es am Ende.
Hier draußen im Vorort Burnaby ist die Welt noch in Ordnung, der Central Park liegt direkt nebenan und die frische Waldluft vermischt sich mit einer Meeresbrise. Ein paar ganz Schlaue haben sich bereits einen der anliegenden Baumstümpfe reserviert und sparen das Eintrittsgeld. Dabei sind 12, 18, und 22 Dollar nicht wirklich teuer, wenn man sie mit den Preisen für ein Eishockey-Spiel vergleicht. Eigentlich ist das Swanguard ein gewöhnliches kleines Stadion mit einer einzigen Haupttribüne und einer ungeliebten Laufbahn, doch die Macher haben die Tribünen geschickt verschoben, damit sich die Zuschauer hier wohl fühlen. Auf dem Grandstand sitzt das Gros der Zuschauer, insgesamt sind knapp 6000 im Stadion, die wenigen Sitzreihen der Eaststands sind an die Seitenauslinie verschoben und mit weißen Pavillonzelten versehen, Picknickfeeling macht sich breit. Hinter dem nördlichen Tor sitzen die VIPs, denen Steaks vom Grill serviert werden, auf Plastikstühlen. Die Southside dagegen ist einem Dutzend Halbstarken vorbehalten. Nur wenige Meter hinter der Torauslinie stehen sie, die Schals um den Hals gewickelt, das Bier in der Linken und beschimpfen den gegnerischen Torhüter. Mit der rechten Hand schlagen sie lautstark gegen die Werbebande, doch niemand stört sich daran.
Die heutige Partie ist ein A-League-Game, eine Art zweite Liga Nordamerikas. Sechzehn Mannschaften, zehn aus den USA, fünf aus Kanada und eins aus Puerto Rico, spielen, aufgeteilt in Eastern und Western Conference, um den Einzug in die Playoffs. Dreißig Jahre gibt es die Whitecaps bereits, von 1986 bis 2000 firmierten sie als Vancouver 86ers. Nachdem beide Mannschaften das Spielfeld betreten haben, werden beide Hymnen gespielt. Die Beteiligten schauen andächtig zu ihrer jeweiligen Landesfahne. Danach turnt Winger wild vor der Haupttribüne herum. Winger ist ein wilder Vogel und das Maskottchen der Whitecaps. Pressechef Ben Brown gibt zu, „that nobody has a clue what kind of bird he is“. Nachdem Steve Kindel den frühen Führungstreffer für die Gastgeber erzielt, hat Winger seinen großen Auftritt. Jubelnd entrollt er eine über 50 Meter lange Fahne mit der Aufschrift „Gooooool“ und noch ein paar „O“s mehr. Dabei ist das Stadion noch gar nicht richtig gefüllt, obwohl an den Kassenhäuschen das Schild „Sold out“ zu lesen war. Die Plätze füllen sich erst langsam, denn der Nordamerikaner steht erst noch geduldig nach Hot Dogs, Coke und Popcorn an. An der Eckfahne sorgt eine falsche Samba-Band für gute Laune. Wer sich in der zweiten Hälfte noch ein Bier kaufen möchte, kommt ab der 56. Minute zu spät, laut Hausrecht ist dann nämlich Schluss. Trotzdem torkelt der ein oder andere mit glasigen Augen vorbei und bekommt die Tore, welche in der 60., 70. und 90. Minute fallen, nur am Rande mit. Zumindest fällt er ins weiche Gras, die Knie und Klamotten voller grüner Flecken. Else hat sich inzwischen bei Tom untergehakt, mit der Decke unter dem Arm laufen sie zur Bahn. Man möchte ihnen gratulieren, sie haben sich einen wunderbaren Flecken zum Leben ausgesucht.




