16.06.2014

Zwischen Magie und Abwesenheit: Mesut Özil

Kunst statt Härte

Mesut Özil ist sehr oft ein genialer Ästhet am Ball. Aber es scheint so, als ob ihm die Wettkampfhärte abfgeht. Ein Anführer wird er vermutlich nie sein. Dennoch ist er für das DFB-Team unverzichtbar.

Text:
Michael Rosentritt
Bild:
imago

Da ist nun plötzlich dieses Foto über Instagram aufgetaucht. Es zeigt Lukas Podolski und Mesut Özil in Reih und Glied mit bulligen Militärpolizisten. Die Arme vor der Brust verschränkt, Beine und Rücken stramm durchgedrückt. Eine heikle Motivwahl, die Podolski da in die digitale Welt gepostet hat. Weswegen der Schuss bei vielen nicht so gut ankam, wo doch die Polizei durch die Straßen Rios und Sao Paulos gegen Demonstranten rollt. Selbst hier im entschleunigten Fischerdorf Santo André, dem Ort des deutschen WM-Quartiers, kommen die vielen Maschinenpistolen nicht gut an.

Doch dieses Foto hat noch eine zweite Ebene. Zu gern würden die deutschen Fußballfans auf dem Spielfeld einen Özil mit gerecktem Kinn sehen. Zuletzt hat Mesut Özil, dieser kunstvolle Kicker, oft ein anderes Bild abgegeben. Es ist ein Bild, das im Entstehen wohl immer den gleichen Auslöser hat. Wenn dem jungen Mann mit dem fast schon überirdischen Geschick im Fuß wieder etwas nicht gelungen ist. Es sind Szenen wie im Champions-League-Viertelfinale seines FC Arsenal gegen Bayern München, als er einen Elfmeter verschießt. Oder neulich im WM-Test gegen Kamerun, als er noch in der ersten Spielminute eine für ihn eigentlich todsichere Torchance versiebt. Es sind Szenen, die dem jungen Mann zu schaffen machen, die ihn fortan förmlich zu verschlucken scheinen und für den Rest des Spiels unsichtbar werden lassen.

Will Deutschland den Titel holen, braucht es einen großen Özil

In seinen großen Momenten, und davon gab es zu Genüge, lässt Özil den Ball für den Gegner unsichtbar werden. Solche Szenen haben etwas Magisches, wenn er mal wieder einen Pass aus seinem linken Gelenk schüttelt, wie andere in der Manege Menschen verschwinden lassen. Für diesen Zauber sind schon Menschenmassen im Tempel des Fußballs von ihren Sitzen aufgesprungen, im Bernabeu, wo Real Madrid spielt und die verwöhntesten Zuschauer der Welt unterhalten werden wollen. Gleich zweimal in drei Jahren ist Özil bester Vorlagengeber in der Primera Divison geworden, bevor er für 50 Millionen Euro zum FC Arsenal musste.

Doch dieses erste englische Jahr, das jetzt hinter ihm liegt, war nicht seins. Özil startete famos, bis er müde wurde und sein Spiel zerfiel. Özil verletzte sich, sechs Wochen Pause. Anschließend kam er langsam in Tritt, holte kurz vor der WM noch den FA-Cup, es war sein dritter Pokalsieg im dritten Land nach Deutschland (mit Bremen) und Spanien (Real Madrid). Nun ist er wieder geladen, wie er sagt, und will Deutschland zum Titel führen. Das heißt: Wenn Deutschland mitreden will bei der Vergabe des Weltpokals, braucht es einen großen Özil. Und er braucht dafür unbedingt ein großes Spiel.

 
 
 
 
 
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