Zwei Spiele, zwölf Gegentore: Jürgen Rynios Negativ-Rekord

»Ich war das Abstiegsgespenst«

Saison 1985/86: Obwohl schon längst in Rente, stellt sich Jürgen Rynio für Hannover 96 noch einmal in den Kasten. Es wird ein Desaster. Hier spricht er über seinen Bundesliga-Negativrekord für die Ewigkeit und die »Unglückskatze«. Zwei Spiele, zwölf Gegentore: Jürgen Rynios Negativ-RekordIllustration: Mario Wagner
Heft#118 09/2011
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Ich musste nicht lange überredet werden: Als sich Stammtorwart Ralf Raps im Januar 1986 verletzte, sprang ich sofort ein. Ich hatte meine Karriere eigentlich im Mai 1984 in der zweiten Liga bei Hannover beendet, war in der Saison danach Manager bei 96, und wir stiegen sensationell in die Bundesliga auf. Dann gab es unterschiedliche Auffassungen, etwa über die Zusammenstellung des Kaders, so dass ich weg wollte. Aber als die Vereinsführung anbot, mir die Trainerlizenz zu finanzieren, stieg ich als Torwarttrainer ein.

Mit 36 Jahren wieder im Tor – gegen die Bayern

Doch dabei sollte es nicht bleiben: Im Laufe der Saison gerieten wir in den Abstiegskampf, und nachdem Werner Biskup im November 1985 entlassen worden war, arbeitete ich zunächst knapp zwei Monate als Cheftrainer, bevor Jörg Berger Mitte Januar übernahm. Nur ein paar Tage danach, am 1. Februar 1986, stand ich mit 36 Jahren bei einem Bundesligaspiel wieder im Kasten – daheim gegen die Bayern. Angst hatte ich nicht, das Torwartspiel verlernst du ja nicht. Aber mir fehlte natürlich die Spielpraxis, und in der Woche achteten wir darauf, dass ich nicht zu hart trainierte, um nicht mit Muskelkater aufzulaufen. Es nützte alles nichts, die Mannschaft steckte in der Krise, und wir verloren 0:5. Eine Woche später, bei meinem zweiten und allerletzten von mehr als 450 Profi­einsätzen, kam es richtig knüppeldick: Auf hartgefrorenem Boden verloren wir in Stuttgart mit 0:7! Eine historische Partie: Michael Nushöhr vom VfB verwandelte als erster und bisher einziger Spieler drei Elfmeter in einer Bundesligapartie – und das gegen mich!

Was für eine Schreckensbilanz bei meinem Kurzcomeback: zwei Spiele, zwei Pleiten, zwölf Gegentore. Am Ende der Saison schrieb ich noch mal Geschichte: Hannover wurde Tabellenletzter, was für mich den fünften Bundesliga-Abstieg mit fünf verschiedenen Klubs bedeutete. Vorher ging es für mich schon mit Karlsruhe 1968 runter, es folgte der legendäre Absturz mit den Nürnbergern 1969, die noch ein Jahr vorher Deutscher Meister geworden waren, anschließend erlebte ich den Gang in die zweite Liga noch mal 1972 in Dortmund und 1978 beim FC St. Pauli. Nun war ich also für alle Zeit das Abstiegsgespenst Nummer eins. Immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Dabei weiß ich, dass ich ein überdurchschnittlicher Torhüter war, nicht umsonst stand ich zweimal im Kader der Nationalmannschaft, ohne allerdings eingewechselt worden zu sein. Deshalb fühlte ich mich tatsächlich für keinen Abstieg verantwortlich, schon gar nicht für den letzten mit Hannover in der Chaossaison 1985/86, als der Klub vier verschiedene Trainer verschliss.

Die »Unglückskatze«

Aber es hat ja auch seine gute Seite: So bin ich immer im Gespräch geblieben. Andere werden mit Weltmeistertiteln in Verbindung gebracht, ich bin eben der Rekordabsteiger. Und jetzt lasse ich mir diesen Rekord auch nicht mehr nehmen. Andreas Keim und Stephan Paßlack sind, wie man hört, ebenfalls fünfmal aus der Bundesliga abgestiegen, die haben dieses Kunststück aber nicht mit fünf verschiedenen Vereinen geschafft, das zählt also nicht. Ich habe jetzt sogar ein Buch über mein Leben als Rekordabsteiger verfasst, das in ein paar Wochen rauskommt. Mittlerweile kann ich ganz locker mit meiner Bilanz umgehen. Aber zu meiner aktiven Zeit war ich immer stinksauer, wenn mich jemand darauf ansprach oder mich als »Unglückskatze« bezeichnete. Seit ich in Bergen bei Celle ein Heim für körperlich und geistig Behinderte leite, weiß ich erst, was wirklich wichtig ist. Bei dieser Arbeit geht es jeden Tag um Leben und Tod, Fußball verkommt dabei zur Nebensache. Für die Tränen, die bei uns nach einem Abstieg flossen, gäbe es dort kein Mitleid.

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