Zur Transferpolitik von Juventus Turin

Wunderliche Greisin statt Alter Dame

Früher war alles besser. In den Neunziger Jahren dominierte Juventus den europäischen Vereinfußball und lockte Stars nach Turin. Heute versinkt der Verein im Mittelmaß – und die großen Namen machen einen Bogen um die Alte Dame. Zur Transferpolitik von Juventus Turin

Es war ein Freitag im Juli, als Juventus Turin die Verpflichtung von Stephan Lichtsteiner verkündete. 10 Millionen Euro war man nach Rom an Lazio zu überweisen bereit für den schweizerischen Rechtsverteidiger. Das Ja zu Lichtsteiner bedeutete zugleich ein Nein zu Andreas Beck von der TSG Hoffenheim. Man wähnte sich jetzt gut bestückt im Defensivbereich, zumal vorher auch schon Reto Ziegler von Sampdoria Genua und Andrea Pirlo aus Mailand gekommen waren. Warum diese Namensjonglage? Weil sie noch mehr als alle verpassten internationalen Plätze und Trainerwechsel zeigt, dass Juventus Turin schon längst nicht mehr zu den Großen gehört.

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Natürlich ist es nicht per se schlimm, wenn ein Verein dazu übergeht, kleinere Brötchen zu backen. Vor allem im heruntergewirtschafteten Calcio könnte man das als neue Bescheidenheit begrüßen. Bei Juventus Turin allerdings geht diese Annahme ins Leere. Der Verein will mitnichten bescheiden sein oder kleine Brötchen backen. Nach der verkorksten letzten Saison kündigte Andrea Agnelli mit lautem Getöse an, viel Geld in die Hand nehmen und an die goldenen Zeiten anknüpfen zu wollen. »Einige Spieler, die dieses Jahr gekommen sind, haben nicht kapiert, was Juventus bedeutet, und die, die es schon wussten, haben es anscheinend vergessen«, zürnte der Präsident nach Platz sieben im Mai 2011.

Vorbei die Zeit der Zidanes und Trezeguets

Ein Narr aber, wer vermuetete, nun würde internationale Weltklasse im Stadio Olympico einziehen. Lichtsteiner, Ziegler und Beck bilden die Spielerkategorie, die in der Sommerpause überhaupt noch Interesse an einem Engagement beim Traditionsverein hat. Im letzten Sommer waren es Simone Pepe, Milos Krasic, Andrea Barzagli und Luca Toni, die ins schwarz-weiße Trikot schlüpften. Vorbei ist die Zeit, da die Zidanes, Trezeguets und Davids' zu den Bianconeri wechselten. Wenn sich das Management in dieser Sommerpause, aber auch schon im letzten Winter, dann doch mal an klingenden Namen versuchte, kam die Absage so schnell wie ein Return von Roger Federer: Klaas-Jan Huntelaar, Frank Ribéry und Sergio Aguero waren unter denen, die dem 27-fachen Meister einen Korb gaben.

Dass Juventus Turin überhaupt noch bei Akteuren dieser Dimension anklopft und jedes Jahr eine neue Ära beschwört, lässt ein schlimmes Dilemma vermuten, einen Alterskomplex – das verzweifelte Klammern an die Vergangenheit. Man klammert, ohne zu merken, dass man klammert, und merkt man es doch, sperrt man sich umso heftiger gegen die unliebsame Erkenntnis. Juventus Turin will nicht wahrhaben, was schon lange Wahrheit ist. Der Klub wirkt so wie ein Boxer, der seinen Rücktritt verpasst hat, wie ein Literat, dem nichts Gescheites mehr einfallen will. Wie eine alte Dame.

Wunderliche Greisin statt stolzer Dame

Als solche galt man zwar auch vorher, über Dekaden hinweg, nur war das noch eine Vecchia Signora mit Stolz und Pose, eine, vor der man den Hut zog, die Respekt gemahnte. Eine alte Dame, der man die Jahre nicht ansah. Aber jetzt, jetzt sieht man ihr die Jahre nicht nur an, man tuschelt auch. Die sportlichen Abstürze, sechs Trainerwechsel binnen vier Jahren und nicht zuletzt eben das Transfergebahren haben die Dame wunderlich werden lassen. Die Signora, sie ist gestrig. Nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Sie streichelt versonnen über alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die den jungen Zinédine Zidane am Anfang seiner Weltkarriere in Turin zeigen. Und sie bemüht sich, betrachtet man die Aktivität auf dem Transfermarkt, für ihre dritten Zähne immer noch um hochwertiges Gold, kriegt aber letztlich nur billiges Amalgam.

Die fetten Jahre sind vorbei

»Früher war alles besser!« Mit dem Kampfschrei aller Nostalgiker versuchte Juventus Turin zuletzt auch vor Gericht die Reise in die Vergangenheit und klagte auf Wiedereinsetzung als Titelträger 2006. Die Meisterschaft war den Zebras damals wegen Spielmanipulationen aberkannt worden. Der italienische Verband schmetterte die Klage ab, Inter Mailand bleibt Campione. Der Prozess und vor allem das Urteil des FIGC beschreiben die Situation des Traditionsvereins aus Norditalien sehr gut. Die fetten Jahre sind vorbei. Inter statt Juve. Lichtsteiner statt Aguero. Amalgam statt Gold. Die Dame ist nicht mehr als nur alt. Sie ist vergreist.

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