Zur Transfer-Causa Lewis Holtby

Sexwitze auf Baustellenklos

Lewis Holtby wechselt spätestens im Sommer 2013 vom FC Schalke zu Tottenham Hotspur. Alltag, möchte man meinen, doch mittlerweile entwickelt sich der Fall zu einer echten Transfer-Soap. Warum eigentlich?

Ein Spieler verlängert seinen auslaufenden Vertrag nicht und gibt bereits im Winter seinen Wechsel zum Saisonende bekannt. Alltag in der Bundesliga. So weit, so langweilig. Es sei denn, dieser Spieler heißt Lewis Holtby und spielt noch beim FC Schalke 04. Denn was sich derzeit rund um den 22-jährigen Mittelfeldmann abspielt, ist ein Lehrstück über die Wirkungskräfte im aufgeheizten Spieltbetrieb Bundesliga.

Halten wir uns deswegen zuerst an schlichte Fakten: Lewis Holtby steht seit 2009 beim FC Schalke unter Vertrag. In drei Jahren hat er 53 Spiele für Königsblau bestritten, auch weil er in dieser Zeit an den VfL Bochum und den FSV Mainz 05 verliehen worden war. Man kann also ruhigen Gewissens behaupten, dass Lewis Holtby nicht gerade eine Schalke-Legende ist. Vielmehr war er bis zu dieser Spielzeit einer von vielen, die kamen und gingen und manchmal spielten.

Sein Talent ist unbestritten, sein sportlicher Wert unklar

Zum Start dieser Saison legten die Klubverantwortlichen dann ein paar Kilos Verantwortung auf die Schultern des U21-Nationalmannschaftskapitäns, als sie ihm die Aufgabe zusprachen, den Abgang von Superstar Raul kompensieren zu müssen. Lewis Holtby hat sich dieser durchaus hohen Bürde gestellt, spielte in der Folge eigentlich immer, dabei oft gut, manchmal aber auch bestenfalls unauffällig. Sein sportlicher Wert für Schalke ist bis heute völlig unklar, sein Talent hingegen unbestritten. Doch mit der gestiegenen Verantwortung wuchs auch das Selbstverständnis Holtbys. So erzählt man intern, dass Holtby sich noch vor einem Jahr sogar ins Tor gestellt hätte, um überhaupt spielen zu dürfen. In dieser Saison verweigerte er dann schon Mal eine Aufstellung im defensiven Mittelfeld, weil er sich in der Rolle des Spielmachers sieht. Das sorgte nicht unbedingt für Ruhe und als Trainer Huub Stevens Mitte November beim Spiel gegen Leverkusen Holtby und Jefferson Farfan nach ihrer Auswechslung wutentbrannt in die Kabine jagte, spürte manch einer schon einen schwelenden Konflikt. Holtby, sonst als lebenslustiger Jungspund mit Hang zu sozialen Netzwerken bekannt, zeigte Zähne. Und biss bei Stevens auf Granit.

Ist Holtby der Funken, der Schalke explodieren lässt?

In den chaotischen Wintertagen am Ernst-Kuzorra-Weg, die schließlich im Rauswurf von Stevens mündeten, heizte sich dann auch die Personaldebatte um Lewis Holtby täglich weiter auf. Bleibt er? Geht er? Plötzlich brannten die Fragen, die Wochen zuvor allenfalls geglimmt hatten. Langjährige Beobachter der Boulevards ahnten da längst, dass wieder Mal eine Kampagne auf Königsblau zurollte. Und so kam es: Aus den langwierigen Vertragsgesprächen mit Holtby wurde ein »Poker«, plötzlich wurden Gesprächsdetails öffentlich (»Holtby forderte 300 Prozent mehr Gehalt« Bild,15.11.2012), angeblich lagen Angebote von Bayern und dem FC Arsenal vor und Holtby »zockt weiter auf mehr Millionen in der Premier League« (Bild, 27.12.2012). Als man dann auch noch in den hinterletzten Ecken diverser Internetforen übelste Beschimpfungen gegen Holtby fand, stand die Frage im Raum: »Wird Holtby zum Schalke-Buhmann?« (28.12.2012, Bild). Dass Transfers in 99,99 Prozent der Fälle nach dem gleichen Schema ablaufen (Gespräch mit Vereinen, Verhandlungen, Einigung  oder Trennung, Unruhe), ist dabei genauso nebensächlich wie die Tatsache, dass einem Großteil der Schalke-Anhänger der Abgang Holtbys – ob nun um Winter oder im Sommer – ziemlich egal ist.

Mittlerweile bietet Schalke Holtby seinem neuen Klub an wie Sauerbier. Trotz eines Marktwertes von 11 Millionen Euro, will S04 ihn offenbar schon im Winter für zwei Millionen gehen lassen. Holtby, so wirkt es auf einmal, ist der Funken, der das Pulverfass Schalke zur Explosion bringen könnte. Aber ist er das wirklich? Oder wurde er nur dazu gemacht? Mitunter scheint es, als haben zumindest die Fans die Regeln des Geschäfts längst akzeptiert. Fast schon nüchtern akzeptieren viele, dass Profis Wandervögel sind. Dass der Transfermarkt eben zum Winter gehört. Der Boulevard indes skandalisiert munter weiter.

Und so ist die Transfer-Causa Holtby auch ein Lehrstück über die Wirkungskraft des Fußballs. Themen, die so normal sind wie Sexwitze auf Baustellenklos, werden zum Mittelpunkt des Weltgeschehens stilisiert. Fußball ist alles. Auch wenn er einfach mal nichts ist.

Noch mal: Ein Spieler verlängert seinen auslaufenden Vertrag nicht und gibt bereits im Winter seinen Wechsel zum Saisonende bekannt. Alltag in der Bundesliga. So weit, so langweilig.

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