Zur Spielweise von Atletico Madrid

Ohrfeigen-Fußball

Die Spielweise von Champions-League-Finalist Atletico Madrid ist der Gegenentwurf zu allem, was das Land zur Weltmacht im Fußball werden ließ. Haben sich Ballbesitz und Kurzpassspiel als Erfolgsmodell überholt?

imago

Weil er ein Wunder benötigt, machte sich Diego Costa unter der Woche auf nach Belgrad. Zu Marijana Kovacevic. Die serbische Physiotherapeutin gilt in Sportlerkreisen als Wunderheilerin. Eine weibliche Doktor Müller-Wohlfahrt. Sie bekam in der Vergangenheit selbst aussichtslose Fälle hin. Diego Costa ist so ein aussichtsloser Fall. Der Stürmer von Atletico Madrid ist seit Wochen angeschlagen. Am letzten Sonnabend brach im meisterschaftsentscheidenden Spiel beim FC Barcelona eine Oberschenkelverletzung wieder auf. Sofort hieß es, Diego Costa werde das Finale der Champions League an diesem Sonnabend gegen Real Madrid ganz sicher verpassen. Mindestens vierzehn Tage Pause sind bei solch einer Verletzung üblich. Aber Costa kann so lange nicht warten. Atletico auch nicht. Täglich wurde über den Gesundheitszustand des Stürmers berichtet. Ob Costa tatsächlich spielen kann, wird sich wohl erst unmittelbar vor Spielbeginn entscheiden. 

So geradlinig. So unspanisch.

Was wäre Atletico Madrid in dieser Saison ohne Diego Costa? Ohne den Mann, der 27 Tore für den neuen spanischen Meister in der Primera Division erzielte und dazu acht Mal in der Champions League traf? Atleticos Erfolg basiert vor allem auf einem funktionierenden Kollektiv, viele verschiedene Personen sind dafür verantwortlich. Und doch war Diego Costa so etwas wie das Gesicht von Atleticos phänomenaler Saison. Seine Geschichte war Atleticos Geschichte. Aus der Versenkung ins Rampenlicht. Seine Spielweise war Atleticos Spielweise. Physisch stark, körperbetont, diszipliniert, mit Zug zum Tor, ohne viele Schnörkel. So geradlinig. So unspanisch.

Der inzwischen entlassene Trainer des FC Getafe, Luis Garcia, hatte Atleticos Stil während der Saison als »Ohrfeige für den spanischen Fußball« bezeichnet. Und damit eine Debatte entfacht. Garcia erntete alle möglichen Reaktionen. Von breiter Zustimmung über Ablehnung bis hin zu wüsten Beschimpfungen. Die heftigen Gefühlausbrüche zeigten, wie sehr Atleticos Stil in Spanien polarisiert. Weil er das genaue Gegenteil von dem ist, was Spanien in den vergangenen Jahren zur dominierenden Kraft im Weltfußball gemacht hat. Kurzpassspiel, Ballbesitz, die Schwächung der traditionellen Mittelstürmerposition – all das wird bei Atletico nicht praktiziert. Die Erfolge der Nationalmannschaft und die des FC Barcelona gründeten, vereinfacht gesagt, in erster Linie darauf, dass man den Gegner nicht an den Ball kommen ließ.

Identitätsstiftender Fußball
 
Posesión de pelota und el toque, Ballbesitz und die sanfte Berührung als Synonym für den gefühlvollen Pass sind inzwischen zu einem spanischen Kulturgut geworden. Sie haben die Nation von ihrem jahrzehntelangen, sportlichen Minderwertigkeitskomplex erlöst. Spanien hatte, abgesehen von der Europameisterschaft 1964, nie etwas gewonnen. Dann kamen posesión de pelota und el toque. Diese Spielweise ist vielen Spaniern inzwischen heilig. Weil sie Erfolg brachte und identitätsstiftend zugleich war.

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