In der Liste der Tore des Jahres befinden sich neben Fischer noch Stefan Kohn (1986) und Jürgen Klinsmann (1987) mit sehenswerten Fallrückziehern. Daneben dominieren eher fulminante Fernschüsse und trickreiche Soli. Wie kommt´s? Fehlt deutschen Spielern das gewisse Maß an geschmeidiger Akrobatik? Wer erinnert sich in diesem Zusammenhang nicht an den Lattentreffer von Carsten Jancker im CL-Finale 1999, als der bullige Stürmer den Ball mit dem Rücken zum Tor stehend mehr an den Querbalken hebelte, als ihn mittels eines gekonnten Scherenschlags im Winkel zu versenken? Tut man effektiven und erfolgreichen Stürmern wie Klose und Gomez unrecht, ihnen trotz ihrer hohen Trefferquote mangelnde Show beim Abschluss vorzuwerfen? Und vor allem: Was macht einen perfekten Fallrückzieher überhaupt aus, ist es möglich, ihn zu erlernen? Fragen wir den Spezialisten.
Ibrahimovic, sonst nicht gerade der schlichteste Zeitgenosse, gab sich nach seinem Jahrhunderttreffer ungewöhnlich bescheiden. Der Star von Paris St. Germain erkannte rückblickend zwei Faktoren: »Als ich gesehen habe, dass der Keeper aus dem Tor raus war, habe ich einfach versucht, den Ball irgendwie in die Richtung zu bringen und dann war er drin. Man braucht dazu beides: Glück und Können.«
Ob Ibrahimovic und Mexès wissen, dass sie ihren momentanen Ruhm nicht nur »Glück und Können« verdanken, sondern vor allem dem Pioniergeist eines Brasilianers? Eher unwahrscheinlich. Liegt die Premiere dieses fußballerischen Kunstwerks doch bereits über 80 Jahre zurück. Geschehen am 24. November 1932 in Rio de Janeiro, so heißt es. Denn die Fakten über den ersten Fallrückzieher auf Gottes grünem Rasen beruhen auf den Aussagen seines Erfinders. Eines gewissen Leônidas da Silva, der aufgrund seiner dunklen Hautfarbe sowie seiner extremen Beweglichkeit vor allem als »Schwarzer Diamant« oder »Gummimann« in die Geschichtsbücher einging ist. Und als Torschützenkönig und bester Spieler der WM 1938; wobei er beim 6:5-Sieg über Polen zeitweise sogar barfuß gespielt haben soll.
Leider hielt sich auch Leônidas in Bezug auf seine Wundertat Zeit seines Lebens sehr bedeckt. Denn wer glaubt, der vermeintliche Fallrückzieher-Erschaffer habe mehr Bestandteile als Fortune und Talent für eine hilfreiche Anleitung preisgegeben, wird enttäuscht. Auf die Frage, wie es zu diesem Geniestreich kam, antwortete der 2004 verstorbene Stürmer geheimnisvoll: »Keine Ahnung. Absprung, Schuss, der Fallrückzieher passierte einfach. Es geschah alles in einer Bewegung, wie aus einem Guss.«