28.11.2012

Zur Renaissance eines echten Klassikers

Der Fall Rückzieher

Nein, gestern gelang den Pöhlern aus der Bundesliga zwar kein Fallrückzieher-Tor, aber der König der Lüfte hat im Herbst 2012 trotzdem ein beeindruckendes Comeback gefeiert. Zlatan Ibrahimovic und Philippe Mexés sei Dank. Unser Autor fragt sich: Warum fallen solche Tor nicht öfter und warum eigentlich nur so selten in der Bundesliga?

Text:
Sebastian Knoth
Bild:
Imago

Endlich, im November 2012 ist er wieder in aller Munde. Nach den Traumtoren von Zlatan Ibrahimovic und Philippe Mexès erlebt der schönste Kunstschuss im Fußball, der Fallrückzieher, seine längst überfällige Renaissance. Fans, Spieler, Trainer, Verantwortliche. Alle zeigen sich nach dem Comeback zufrieden. Und sparen nicht an Lobeshymnen. So schwärmte Milan-Boss Adriano Galliano nach dem zwischenzeitlichen 2:0 seines französischen Abwehrrecken Mexès im Gruppenspiel der Champions League gegen Anderlecht: »Das Tor war eines der besten, das ich jemals gesehen habe«. Und die Sportjournalisten produzierten dank des Zaubertreffers von Ibrahimovic gegen England bedenkenlos wie nie zuvor Superlativen am Fließband.

»Super, einzigartig, spektakulär. Es fehlen die Worte, um die Darbietung von Super-Ibra zu beschreiben«, titelte die »Marca« in Spanien. Die Italiener fragten sich: »Ibracadabra. Was war denn das für ein Tor?«. Und die französischen Kollegen der »L´équipe« setzten noch einen drauf: »Ibrahimagisch! Zlatan holt zehn von zehn möglichen Punkten. Mit seinen Toren katapultiert er sich in die vierte Dimension«.

In deutschen Stadien kommen die Zuschauer leider nur selten in den Genuss, solche Flugeinlagen zu bewundern. Einheimische Ballkünstler, die zum Fahrradtritt, wie die Brasilianer ihn nennen, ansetzen, sind eher Mangelware. Zu kompliziert scheint der Fallrückzieher, oftmals uneffektiv und nicht den einheimischen, nach pragmatischen Richtlinien funktionierenden Tugenden entsprechend. Vielleicht ein amüsantes Schauspiel einiger verspielter Südamerikaner, aber nicht das Instrument für zielstrebige Wertarbeit. Daher stiegen in jüngster Vergangenheit nur die Mutigsten in die Lüfte, um, was pro Dekade nur ein Mal zu passieren scheint, dank des akrobatischen Kunstschusses als Held vom Rasen getragen und in den Vereinschroniken verewigt zu werden. Die Gewinnchancen gleichen denen eines zweimaligen Lotto-Gewinns. Der mögliche Misserfolg, verbunden mit einer Bruchlandung, schreckt ab. Die Gefahr, als Größenwahnsinniger von den eigenen Fans geschmäht oder von Gegnern verhöhnt zu werden, einfach zu hoch.

Klaus Fischer, dessen 1977 in einem Länderspiel gegen die Schweiz erzielter Treffer per Fallrückzieher zum Tor des Jahres, Jahrzehnts und Jahrhunderts gekürt wurde, ein Experte für komplizierte Schussmanöver, trotzte dieser Gefahr des Hohngelächters und verewigte sich gleich mehrfach. Er fand dennoch nur wenige Nachahmer.

 
 
 
 
 
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