Zur neuen Saison: Regelschule mit Fifa-Schiri Felix Zwayer

Nicht alles ist schwarz oder weiß

Zur neuen Saison wurde so manche Regelauslegung nachjustiert. Im 11FREUNDE-Bundesliga-Sonderheft nahmen wir uns Zeit für eine kleine Schulung in Sachen Handspiel und Ellenbogenschläge mit FIFA-Schiedsrichter Felix Zwayer.

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Was Handspiel ist und was nicht, versteht niemand mehr. Woran können wir uns orientieren, Herr Zwayer?

Eigentlich sind die Kriterien klar festgelegt, und im Mittelpunkt steht die Absicht. Zugleich muss man immer den Geist der Regel im Auge behalten. Nehmen wir mal eine Situation, in der ein Stürmer im Strafraum am Verteidiger vorbeischießen oder -flanken will. Streckt der Verteidiger die Arme aus, schränkt er die Möglichkeit des Angreifers zum Flanken und Schießen ein. Er nimmt damit in Kauf, dass der Ball an die Hand geht. Passiert das, wird das als strafbares Handspiel gewertet und mit direktem Freistoß oder Elfmeter bestraft. Dieser Fall ist gemeint, wenn man sagt: »Er vergrößert die Körperfläche.«

Im 11FREUNDE-Bundesliga-Sonderheft klärt Felix Zwayer über weitere Regeln auf!

Ich hatte in der letzten Saison einen Fall, der es erfordert hat, die Regel noch etwas klarer zu fassen und für uns Schiedsrichter zu präzisieren. Beim Spiel Nürnberg gegen Freiburg hatte ein Freiburger Verteidiger eine Flanke nicht erreicht. Sein Kollege dahinter hatte ihm den Ball an den Arm geköpft, den er weit über dem Kopf hatte. Das war kurz nach der Winterpause, in der wir Schiedsrichter das Thema besprochen und eine Art von Schablone erarbeitet hatten, wo die Arme sein dürfen und wo nicht. Nach dieser Schablone war das für mich eindeutig eine unnatürliche Handbewegung. Allerdings geht es vordergründig immer noch um die Absicht, und die war in dem Fall nicht gegeben. Der Freiburger hatte den Ball von hinten an den Arm bekommen. Also konnte es keine Absicht sein, deshalb war meine Entscheidung leider falsch.

Eine »Schutzhand« gibt es nicht

Anders wäre es jedoch, wenn beim Freistoß ein Spieler in der Abwehrmauer dem Schützen den Rücken zudrehen und die Arme hochstrecken würde. Dann hätten wir wieder den Fall der unnatürlichen Handhaltung und vergrößerten Körperfläche, bei der er das Handspiel in Kauf nimmt. Also würde gepfiffen. Es gibt auch häufig Szenen, bei denen Spieler in der Mauer hochspringen, sich wegdrehen und die Arme zum Schutz vor das Gesicht halten. Das bewerten wir als eine bewusste Bewegung des Arms – die sogenannte »Schutzhand« gibt es ja nicht – und pfeifen das als Handspiel.

Im 11FREUNDE-Bundesliga-Sonderheft klärt Felix Zwayer über weitere Regeln auf!

Bei der Frage, welche persönlichen Strafen daraus resultieren, gibt es eine Anpassung der Regelauslegung: Wenn ein Torschuss per Hand abgewehrt wird und das Handspiel vom Schiedsrichter als absichtlich bewertet, also entsprechend der Kriterien als strafbar geahndet wird, müssen wir den Spieler verwarnen. Das war vorher schon bei internationalen Spielen so und gilt jetzt auch in Deutschland verbindlich. Bei der Verhinderung eines sicheren Tors durch ein Handspiel gibt es natürlich weiterhin die Rote Karte.

Ellenbogenschläge und rohes Spiel

Was gibt's Neues im Kampf gegen Ellenbogenschläge und rohes Spiel?

Wir haben den Eindruck, dass der übermäßige und manchmal brutale Einsatz von Ellbogen, wie er vor ungefähr zwei Jahren in Mode gekommen war, inzwischen zurückgegangen ist. Das ist eine Folge davon, dass wir Schiedsrichter dieses Vergehen konsequent geahndet haben. So einen ähnlichen Effekt gab es schon nach der Weltmeisterschaft 1994, als die Grätsche von hinten mit Roter Karte bestraft werden sollte. Damals hat man das konsequent durchgezogen und diese Grätschen weitgehend aus dem Spiel bekommen. Das sind Erziehungsprozesse, wie wir sie aktuell auch bei den übermäßigen Angriffen mit offener Sohle erleben. Sie werden mit einem Platzverweis bestraft, seitdem sie sich in neuer Qualität gehäuft hatten, sowohl von vorne als auch von der Seite. Da musste man schnell reagieren, und das ist auch passiert.

Diese Fälle liegen allerdings klarer als die Schläge mit den Ellbogen. Wir Schiedsrichter hören immer noch, dass man beim Hochspringen doch die Arme automatisch oben hat. Schwierig ist deshalb auch die Frage nach der persönlichen Strafe in solchen Situationen. Es wird immer wieder Szenen geben, bei denen sich selbst die 20 besten Experten nicht sicher auf ein Strafmaß festlegen könnten. Es muss allen Spielern und Fans klar sein: Es gibt immer wieder Interpretationsspielräume, in denen es nicht schwarz oder weiß, richtig oder falsch ist. Aber wie ist es, wenn ein Spieler seinen Gegner nicht sieht und mit dem Ellbogen so trifft, dass er im Gesicht verletzt ist, wie entscheidet man da? Einerseits gibt das Regelwerk die Gelbe Karte her, weil es nicht vorsätzlich, sondern rücksichtslos ist. Aber schwerwiegende Folgen legen die Rote Karte nahe. Ich hatte in der vergangenen Saison eine entsprechende Szene, als Raphael Holzhauser vom VfB Stuttgart beim Hochspringen Sebastian Kehl mit seinem Ellbogen im Gesicht traf und dessen Nasenbein brach. Ich habe Gelb gezeigt, hätte ihm aber eine Rote Karte zeigen müssen, weil die Aktion gesundheitsgefährdend war, obwohl ich kein bewusstes Schlagen von Holzhauser unterstellen konnte. Weil der Fall damals umstritten war, haben wir ihn in unser aktuelles Lehrvideo aufgenommen, um allen Schiedsrichtern, aber auch Spielern und Beteiligten das richtige Strafmaß in solchen Szenen noch einmal zu verdeutlichen.

Rücklage, Beine nach oben: Achtung!

Bei der Bewertung von Tacklings kann man übrigens schon an der Körperhaltung gut erkennen, ob ein Spieler unkontrolliert in einen Zweikampf geht. Gerät der Körper weit in Rücklage nach hinten, gehen fast immer die Beine nach oben. In solchen Situationen sage ich zu meinen Assistenten sofort: »Achtung!« Da müssen wir besonders aufmerksam sein. Wenn jemand den Gegner dann knapp unter der Kniescheibe trifft, fällt es schon sehr schwer zu glauben, dass er den Ball spielen wollte. Oder vielleicht wollte er es, aber er konnte das nicht mehr. Und dann steht außer Frage: Rote Karte!

Bei den persönlichen Strafen haben wir zur neuen Saison eine deutsche Sonderauslegung abgeschafft, von der man gar nicht mehr so genau wusste, woher sie kam. Wenn der Torhüter durch eine Notbremse in »torwarttypischer Manier« eine Torchance verhinderte, gab es neben dem Strafstoß meistens lediglich Gelb. Der Begriff des »torwarttypischen Verhaltens«, mit dem wir hatten operieren müssen, spielt jetzt keine Rolle mehr. Die Torhüter werden in solchen Situationen ab sofort genauso behandelt wie bislang schon die Feldspieler. Verhindern sie durch ein Foulspiel eine eindeutige Torchance, wird dies mit einem Feldverweis geahndet. Für uns Schiedsrichter macht es das einfacher, weil ein Ermessensspielraum wegfällt.

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