Zur Kader-Nominierung von Joachim Löw

Kein Platz für Experimente

23 und ein paar Zerquetschte – in einer unnötig aufgeblasenen Pressevorführung hat die DFB-Spitze in Stuttgart den vorläufigen WM-Kader bekannt geben. Wirkliche Überraschungen sind nicht dabei. Schade eigentlich. Zur Kader-Nominierung von Joachim Löw Ob sich David Odonkor tatsächlich Hoffnungen auf eine Blitz-Nominierung gemacht hat? Der kleine schnelle Mann mit dem Hundeblick gilt ja seit der WM 2006 als personifiziertes Überraschungsei. Damals ließ Trainer Jürgen Klinsmann kurz vor der medial aufgepimpten Nominierungsveranstaltung in Berlin noch fix einen Clip mit den schönsten Szenen des wieselflinken Außenstürmers zusammenstellen – was die bedauernswerten Techniker vor arge Probleme stellte: So viel Material hatte sich der damalige Dortmunder noch gar nicht zusammen gespielt.

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Klinsmann ließ sich auch davon nicht beeindruckten und diktierte den verwirrten Pressevertretern den Namen David Odonkor in die Blöcke. Bei der WM hatte der Rechtsfuß genau einen guten Auftritt, als er im entscheidenden Gruppenspiel gegen Polen in der Nachspielzeit auf der rechten Seite auf und davon sprintete, im Fallen (wie auch sonst?) eine Flanke auf den Fuß von Oliver Neuville gab. Auftrag erledigt, Geheimwaffe ausgespielt. Dass Odonkor bis heute spanischen Gerüchten zu Folge kein einziges gutes Spiel mehr gemacht hat – geschenkt. Seinen Platz in der deutschen Turniergeschichte hat er sicher.

»Nominierung ist Ergebnis jahrelanger Analysen«

Odonkor war heute Mittag in Stuttgart ganz sicher keine Option für Joachim Löw, auch wenn der bei Betis Sevilla unter Vertrag stehende Offensivmann die 100 Meter vermutlich immer noch in unter acht Sekunden läuft. Löw hat Odonkor nicht nominiert. Und auch sonst keine Überraschungen aus dem Hut gezaubert. Für große Experimente ist in der deutschen Nationalmannschaft von Joachim Löw kein Platz. Wer das nicht einsehen wollte, wurde spätestens dann überzeugt, als ein übertragender Nachrichtensender zeitgleich mit Löws Ausführungen einen Kommentar durch den Ticker am unteren Bildrand rauschen ließ: »Löw: Nominierung Ergebnis jahrelanger Analysen«.

Das mag die deutsche Auswahl für Südafrika vielleicht zu einer statistisch ziemlich starken deutschen Auswahl machen, aufregender macht es sie allerdings nicht. Löw besteht hartnäckig auf die alten Löwen aus dem 2006er-Kader (Klose, Podolski), auch an seiner offenkundigen Vorliebe für Fußballer aus der VfB-Stuttgart-Nachwuchsakademie (Khedira, Beck) hat sich über Nacht nichts geändert. Im Gegenteil: Als einzige halbwegs anständige Überraschung präsentierte Löw einen passablen Mittelfeldmann namens Christian Träsch. Heimatverein? Der VfB Stuttgart.

Wo sind die Ecken, Kanten, Querköpfe?

Jetzt liegt es an Löw und seinem Team aus einer Mannschaft von Musterprofis eine wettbewerbsfähige Turnierauswahl zu formen. Und wie die deutsche WM-Geschichte zeigt: Eine erfolgreiche Nationalmannschaft braucht Ecken, Kanten und Querköpfe. Vielleicht sollte Joachim Löw also so schnell wie möglich damit anfangen, seine Mannschaft auch mal gegen die Wand laufen zu lassen. Das Experiment wäre es wert.  

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