Zur Hysterie um Kevin-Prince Boateng

Das Leben des Anderen

Nach dem WM-Aus von Michael Ballack erzürnen sich Presse und Fans über das rüde Foul von Kevin-Prince Boateng. Seltsam allein, dass weniger seine Spielweise als vielmehr Herkunft und Image im Fokus der Diskussion stehen. Zur Hysterie um Kevin-Prince BoatengImago Kevin-Prince Boateng kam zu spät. Es war nicht das erste Mal und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass er mit der Gelben Karte, die er für sein Foul an Michael Ballack erhielt, mehr als glimpflich davonkam. Portsmouths Boateng grätschte den Kapitän der deutschen Nationalmannschaft im FA-Cup-Finale vom Rasen, als wollte er einen Holzpflock mit seiner Schuhsohle in den Erdboden kloppen. »Übermotiviert« nennen das einige, »brutal« die Bild.

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Kürzlich erst hatte Kevin-Prince Boateng betont, er spiele heute bedachter als zu Dortmunder Zeiten. Ein rüdes Einsteigen wie vor fast genau einem Jahr gegen den Wolfsburger Makoto Hasebe würde man in Zukunft nicht mehr von ihm sehen. Und jeder, der seine Saison beim FC Portsmouth verfolgte, konnte dieser Aussage nur zustimmen. Denn Boateng besann sich trotz der aussichtslosen sportlichen Situation seines Teams auf das Wesentliche: er spielte Fußball.

Und dies tat er ausgesprochen gut, mitunter brillierte er mit intelligentem Passspiel hinter den Spitzen, er ackerte, er gab sich lernwillig und er schoss Portsmouth mit einem Elfmeter und einer Torvorlage fast alleine ins Endspiel des FA-Cups. Spätestens da kümmerte sich auf der Insel niemand mehr um sein einstiges Image oder seine Herkunft, um die in England, trotz der hysterischen Yellowpress, sowieso nie so viel Wind gemacht wurde wie in den Jahren zuvor im deutschen Blätterwald.

Der unehrliche Weddinger

Kevin-Prince Boatengs Geschichte ist eine, die für den Boulevard wie gemalt ist. Es ist die Geschichte vom großen Aufstieg, von einem, der auszog, um Fußballprofi zu werden. Doch im Gegensatz zu Kindern von Malochern in Ruhrpottzechen oder Hafenarbeitern aus Hamburg rührt Boatengs Aufstieg aus einer Lebenswelt, die für viele, vor allem für die gutbürgerliche Mitte, nicht greifbar ist. Sie bietet keinerlei Identifikationspotenzial. Boateng war jedenfalls keiner, der die Wahl hatte zwischen einer (ehrlichen) Arbeit unter Tage und dem Dasein als Fußballprofi. Boateng war der Typ, der neulich noch die Drogendealer und Halbstarkengangs auf dem harten Asphalt grüßte, der aufwuchs im Berliner Stadtteil Wedding, wo es, so vermuteten die Kritiker jedenfalls, sehr schlimm zugeht. Denn dort, so wurde ihnen erzählt, warte an jeder zweiten Straßenecke der schnelle (unehrliche) Euro.

Boatengs frühere Lebenswelt und heutiger Lebensentwurf ist jedem Großstadtbewohner bekannt, doch nur den wenigsten vertraut. Ein exotisches und spannendes Paralleluniversum, etwas Fremdes, dem man sich nähert wie ein Feldforscher seinem Eingeborenenstamm. Damit das im Falle Boatengs so blieb, kolportierte der Boulevard gerne abenteuerliche Geschichten aus seinem Leben, etwa die von seiner Kaufsucht als Folge seines Tribünenplatzes bei Tottenham Hotspur. So soll er sich einst innerhalb von einem Tag einen Lamborghini, einen Hummer und einen Cadillac Oldtimer gekauft haben. Den Rest des Geldes legte er in 200 Baseballmützen, 20 Lederjacken und 160 Paar Schuhe an und ließ sich weitere Tätowierungen stechen. Und Boateng, naiv genug zu glauben, es würde seiner Karriere gut tun, ließ sich für die Storys über den ach so rebellischen Anderen gerne vor den Karren spannen. Ein Foto mit angespanntem Bizeps voller Tinte hier, ein Interview zum Weddinger Ghettoalltag dort. Er hatte es geschafft.

Vielleicht ahnte er damals noch nicht, dass er durch jeder seiner Fehltritte sein Negativ-Image fundieren würde. Dabei war es immer schon so, dass die breite Öffentlichkeit nach monokausalen Ketten dürstet. Sozialisation (Wedding) bestimmt Verhalten (rücksichtslos) bestimmt Image (Ghettokid) bestimmt Spiel (unfair). In kaum einem Artikel blieb unerwähnt, dass Boateng in einer unangenehmen Umgebung aufwuchs, dass Kevin-Prince der bad boy der zwei Boateng-Brüder war, dass er ein unbelehrbarer Junge sei. Sein Wesen sollte so fassbar gemacht werden, sein Spiel erklärt und letztlich der Mensch analyisiert werden. Dabei schwang durch die simple Erwähnung der genannten Parameter im Subtext stets ein »So einer ändert sich nie« mit.

Die Hamburger Morgenpost schreibt etwa heute: »Kevin-Prince wuchs in Wedding, einer Ghetto-Gegend Berlins auf. Bei seinem ersten Bundesliga-Klub Hertha BSC soll er mit ›Hey Opfer‹ etablierte Mitspieler nicht nur einmal angeherrscht haben.« Die Welt wird durch diese Schemen mit einem Mal wieder einfach und verstehbar. Das Foul indes wird so zu einem Politikum: Ein Kampf zwischen uns und den Anderen – zwischen den echten und ehrlichen Typen auf dem Fußballplatz, die auch gerne mal dazwischenhauen auf der einen Seite und den Jungs aus einem vermeintlichen Ghetto, die nicht anpassungsfähig den harten Max markieren und die Fouls auch mal begehen, um andere mutwillig zu verletzen auf der anderen Seite.

Abziehbild der Boatengschen Lebenswelt

Auch ein Mark van Bommel grätscht oftmals übel zwischen die Beine, doch als einer von uns tut er das, weil er das Team aufwecken will. So heißt es dann: Zeichen setzen. Auch ein Torsten Frings spielt hart und versucht sogar Hart-Max-mäßig auszusehen, doch wurde er noch nie gefragt, wo er herkommt oder mit welchen Kraftausdrücken er Gegenspieler beschimpft hat. Und Stefan Effenbergs Tätowierungen – ein Abziehbild der Boatengschen Ghettoromantik – werden deshalb nur Thema, um darüber zu schmunzeln, nicht aber um seine Lebenswelt per se in Frage zu stellen.

Kevin-Prince Boateng hat ein unnötiges und höchst unsportliches Foul begangen. Und er hat immer noch keinen neuen Verein. In die Bundesliga, so viel scheint sicher, wird er nicht zurückkehren. Tauchen wir also wieder auf, um Luft zu holen.

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