Zur großen Schalke-Reportage in 11FREUNDE #134

Das Ende einer Dienstfahrt

In der neuen Ausgabe von 11FREUNDE erzählt die Reportage »Eine schreckliche nette Familie«, wie der FC Schalke 04 nach dem turbulenten Jahr 2011 unter Trainer Huub Stevens wieder zur Einheit wurde. Nun zeigt dessen Entlassung, wie rasant sich Realitäten im Profifußball verschieben können.

Robert Eikelpoth

Die Frage bleibt: Hätten wir es ahnen können? Als wir am Ende des Gesprächs mit Schalke-Boss Clemens Tönnies die Frage nach der Zukunft von Huub Stevens stellten, atmete der Fleischfabrikant das erste Mal in gut eineinhalb Stunden durch, überlegte lange und fabulierte schließlich davon, dass der Niederländer nach seiner Laufbahn als Chefcoach doch in anderer Funktion in Gelsenkirchen bleiben könne. Es bestand nie ein Zweifel daran, dass das zweite Engagement von Stevens nach 2002 keine unendliche Geschichte sein würde. Im nächsten Frühjahr wollten sich die Verantwortlichen mit dem Trainer zusammensetzen und über die weitere Zusammenarbeit entscheiden. Diese Verfahrensweise war auch in Stevens‘ Sinne. Und so nahm niemand ernsthaft an, dass der Niederländer noch vor der Winterpause aus dem Amt scheiden würde.

Das große Risiko beim Erstellen von 11 FREUNDE besteht darin, dass ein Beitrag im überhitzen Milieu des Profifußballs von der Wirklichkeit überholt werden kann. Zwischen Redaktionsschluss und Hefterscheinen liegen rund zehn Tage. Vom Entwurf einer Geschichte über die umfassende Recherche bis zu dem Zeitpunkt, an dem 11 FREUNDE in die Läden kommt, können manchmal bis zu sechs Wochen vergehen. Wenn wir uns in der Redaktion für ein Thema entscheiden, das Bezug zur Aktualität hat, stellen wir uns stets die Frage, inwieweit die Rasanz der Ereignisse im Fußball die Nachhaltigkeit unserer Berichterstattung beeinträchtigen könnte. Es gehört zum Berufsrisiko, dass ein interviewter Trainer entlassen werden kann oder ein porträtierter Spieler sich noch vor Hefterscheinen längfristig verletzt. Und es gehört zweifellos in unseren Verantwortungsbereich, diese Risiken abzuwägen und damit die Relevanz unserer Beiträge, unserer Arbeit und letztlich auch unseres Magazins sicherzustellen.

Hätte uns die Ruhe verdächtig vorkommen müssen?

Am 12. November 2012 diskutierten wir in der Chefredaktion erstmals, ob die zweite Ära Stevens, seine besondere Bindung zum Schalker Umfeld und die besondere Gemengelage, die zur Rückkehr des »Jahrhunderttrainers« geführt hatten, nicht Stoff für eine interessante Reportage sein könnte. Der FC Schalke 04 lag zu diesem Zeitpunkt auf Platz zwei der Tabelle, spielte im DFB-Pokal und nahm das Achtelfinale in der Champions League ins Visier.
Die Resonanz vom Verein, als wir unser Vorhaben präsentierten und um Interviews mit Clemens Tönnies, Horst Heldt, Huub Stevens und einige Führungsspieler anfragten, war einhellig positiv. Warum auch nicht? Die Turbulenzen des Jahres 2011, als der FC Schalke 04 drei unterschiedliche Cheftrainer beschäftigte, hatten sich in Wohlgefallen aufgelöst.

Huub Stevens hatte die Fans und das Team befriedet und mit Co-Trainern, die er von seinen Vorgängern übernahm, den Klub zurück in die Erfolgsspur geführt. Horst Heldt hatte das Managerzepter reibungslos von Felix Magath übernommen, den Kader eingedampft und den Etat heruntergefahren. Der erfolgsgewohnte Klubboss, Clemens Tönnies, stellte sich demonstrativ hinter seine sportliche Leitung und formulierte ausnahmsweise mal keine festen Saisonziele. Der Laden lief ja. Heute fragen wir uns: Hätte uns die Ruhe, die den Verein umgab, verdächtig vorkommen müssen?

Wir reisten am 28. und 29. November 2012 ins Ruhrgebiet, verfolgten Trainingseinheiten, bei denen es nicht unbedingt überschäumend gut gelaunt, aber durchaus freundlich zuging. Während die Co-Trainer Seppo Eichkorn und Markus Gisdol die Übungen leiteten, beobachtete Stevens seine Spieler, scherzte mit Jefferson Farfan, als diesem ein Direktpass versprang, und hielt ein, zwei kurze Ansprachen. Schalke hatte zuvor beim HSV mit 1:3 verloren und war auf Platz vier der Tabelle abgerutscht. Die Erfolgskurve stagnierte, auch wenn der Klub in der Zwischenzeit das Achtelfinale zur Champions League erreicht hatte.

Als wir Huub Stevens am Abend des 28. November in der Gaststätte »Ess Null Vier« am Stadion trafen, vermochte er seinen Ärger über die Niederlage gut zu kaschieren. Offenbar freute er sich über zwei Journalisten, die ausnahmsweise mal keine Fragen zur aktuellen sportlichen Situation stellten, sondern mit ihm über das Phänomen »Schalke« und die Details seiner Rückkehr zu dem Verein sprechen wollten, den er eine »Herzensangelegenheit« nennt.

>> Interview mit Huub Stevens für Ausgabe #134

Stevens berichtete, wie groß die Freude war, als Horst Heldt ihn im September 2011 anrief. Dem Hamburger SV, der ihn damals haben wollte, erteilte er eine Abfuhr. In den gut 80 Minuten des Gesprächs wurde viel gelacht – nichts deutete darauf hin, dass ihm die bis dato drei Spiele ohne Sieg irgendwie aufs Gemüt geschlagen waren. Auf die Frage, ob er tatsächlich erwäge, nach seiner Laufbahn als Trainer auf Schalke zu bleiben, wie von Clemens Tönnies prophezeit, reagierte er allerdings für einen Augenblick verwundert. Dann fügte er laut lachend hinzu: »Wie bitte, ich bleibe für immer auf Schalke wohnen?«

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