Die Frage bleibt: Hätten wir es ahnen können? Als wir am Ende des Gesprächs mit Schalke-Boss Clemens Tönnies die Frage nach der Zukunft von Huub Stevens stellten, atmete der Fleischfabrikant das erste Mal in gut eineinhalb Stunden durch, überlegte lange und fabulierte schließlich davon, dass der Niederländer nach seiner Laufbahn als Chefcoach doch in anderer Funktion in Gelsenkirchen bleiben könne. Es bestand nie ein Zweifel daran, dass das zweite Engagement von Stevens nach 2002 keine unendliche Geschichte sein würde. Im nächsten Frühjahr wollten sich die Verantwortlichen mit dem Trainer zusammensetzen und über die weitere Zusammenarbeit entscheiden. Diese Verfahrensweise war auch in Stevens‘ Sinne. Und so nahm niemand ernsthaft an, dass der Niederländer noch vor der Winterpause aus dem Amt scheiden würde.
Das große Risiko beim Erstellen von 11 FREUNDE besteht darin, dass ein Beitrag im überhitzen Milieu des Profifußballs von der Wirklichkeit überholt werden kann. Zwischen Redaktionsschluss und Hefterscheinen liegen rund zehn Tage. Vom Entwurf einer Geschichte über die umfassende Recherche bis zu dem Zeitpunkt, an dem 11 FREUNDE in die Läden kommt, können manchmal bis zu sechs Wochen vergehen. Wenn wir uns in der Redaktion für ein Thema entscheiden, das Bezug zur Aktualität hat, stellen wir uns stets die Frage, inwieweit die Rasanz der Ereignisse im Fußball die Nachhaltigkeit unserer Berichterstattung beeinträchtigen könnte. Es gehört zum Berufsrisiko, dass ein interviewter Trainer entlassen werden kann oder ein porträtierter Spieler sich noch vor Hefterscheinen längfristig verletzt. Und es gehört zweifellos in unseren Verantwortungsbereich, diese Risiken abzuwägen und damit die Relevanz unserer Beiträge, unserer Arbeit und letztlich auch unseres Magazins sicherzustellen.
Hätte uns die Ruhe verdächtig vorkommen müssen?
Am 12. November 2012 diskutierten wir in der Chefredaktion erstmals, ob die zweite Ära Stevens, seine besondere Bindung zum Schalker Umfeld und die besondere Gemengelage, die zur Rückkehr des »Jahrhunderttrainers« geführt hatten, nicht Stoff für eine interessante Reportage sein könnte. Der FC Schalke 04 lag zu diesem Zeitpunkt auf Platz zwei der Tabelle, spielte im DFB-Pokal und nahm das Achtelfinale in der Champions League ins Visier.
Die Resonanz vom Verein, als wir unser Vorhaben präsentierten und um Interviews mit Clemens Tönnies, Horst Heldt, Huub Stevens und einige Führungsspieler anfragten, war einhellig positiv. Warum auch nicht? Die Turbulenzen des Jahres 2011, als der FC Schalke 04 drei unterschiedliche Cheftrainer beschäftigte, hatten sich in Wohlgefallen aufgelöst.
Huub Stevens hatte die Fans und das Team befriedet und mit Co-Trainern, die er von seinen Vorgängern übernahm, den Klub zurück in die Erfolgsspur geführt. Horst Heldt hatte das Managerzepter reibungslos von Felix Magath übernommen, den Kader eingedampft und den Etat heruntergefahren. Der erfolgsgewohnte Klubboss, Clemens Tönnies, stellte sich demonstrativ hinter seine sportliche Leitung und formulierte ausnahmsweise mal keine festen Saisonziele. Der Laden lief ja. Heute fragen wir uns: Hätte uns die Ruhe, die den Verein umgab, verdächtig vorkommen müssen?
Wir reisten am 28. und 29. November 2012 ins Ruhrgebiet, verfolgten Trainingseinheiten, bei denen es nicht unbedingt überschäumend gut gelaunt, aber durchaus freundlich zuging. Während die Co-Trainer Seppo Eichkorn und Markus Gisdol die Übungen leiteten, beobachtete Stevens seine Spieler, scherzte mit Jefferson Farfan, als diesem ein Direktpass versprang, und hielt ein, zwei kurze Ansprachen. Schalke hatte zuvor beim HSV mit 1:3 verloren und war auf Platz vier der Tabelle abgerutscht. Die Erfolgskurve stagnierte, auch wenn der Klub in der Zwischenzeit das Achtelfinale zur Champions League erreicht hatte.
Als wir Huub Stevens am Abend des 28. November in der Gaststätte »Ess Null Vier« am Stadion trafen, vermochte er seinen Ärger über die Niederlage gut zu kaschieren. Offenbar freute er sich über zwei Journalisten, die ausnahmsweise mal keine Fragen zur aktuellen sportlichen Situation stellten, sondern mit ihm über das Phänomen »Schalke« und die Details seiner Rückkehr zu dem Verein sprechen wollten, den er eine »Herzensangelegenheit« nennt.
>> Interview mit Huub Stevens für Ausgabe #134
Stevens berichtete, wie groß die Freude war, als Horst Heldt ihn im September 2011 anrief. Dem Hamburger SV, der ihn damals haben wollte, erteilte er eine Abfuhr. In den gut 80 Minuten des Gesprächs wurde viel gelacht – nichts deutete darauf hin, dass ihm die bis dato drei Spiele ohne Sieg irgendwie aufs Gemüt geschlagen waren. Auf die Frage, ob er tatsächlich erwäge, nach seiner Laufbahn als Trainer auf Schalke zu bleiben, wie von Clemens Tönnies prophezeit, reagierte er allerdings für einen Augenblick verwundert. Dann fügte er laut lachend hinzu: »Wie bitte, ich bleibe für immer auf Schalke wohnen?«
Disziplin mit Spaß verbinden
Nur wenige Stunden zuvor hatten wir den Fleisch-Tycoon in seiner Fabrik in Rheda-Wiedenbrück getroffen. Tönnies hatte in dem Gespräch unmissverständlich dargestellt, wie zerrüttet das Verhältnis zu Felix Magath am Ende gewesen war. Er hatte mit ebenso viel Verve berichtet, wie rührend die Versöhnung mit Huub Stevens vor dem Pokalfinale 2011 in Berlin ausgefallen war. Von Anfang an hatte er den Vorschlag von Horst Heldt überzeugend gefunden, den einstigen »Knurrer von Kerkrade« nach den Enttäuschungen mit Fred Rutten und Felix Magath, sowie dem krankheitsbedingten Abgang von Ralf Rangnick zurückzuholen. Wiederholt bekräftigte Tönnies, was für ein »toller Kerl« der Niederländer sei.
>> Interview mit Clemens Tönnies für Ausgabe #134
Am Vormittag des 29. November 2012 saßen wir bei Horst Heldt in seinem Büro im dritten Stock der Geschäftsstelle. Stevens hatte uns schon vorgewarnt, dass der Manager kein Frühaufsteher sei. Und tatsächlich traf Heldt erst mit einigen Minuten Verspätung und sichtbar zerknittert ein. Seiner Gewohnheit entsprechend eröffnete er das Interview mit einer Marlboro Filter und nahm sich dann viel Zeit, teilweise durchaus auch selbstkritisch, seine bisherige Zeit auf Schalke Revue passieren zu lassen.
Gegenwärtig wird darüber spekuliert, was in den vergangenen Wochen zwischen Stevens und der Mannschaft passiert sei. Horst Heldt konnte Ende November noch keine Verstimmungen feststellen: »Ich denke, es ist ein großer Vorteil, dass er (Huub Stevens, d. Red.) Diskussionen zulässt, sehr teambezogen denkt und seinen Mitarbeitern viel Freiraum gibt«.
>> Interview mit Horst Heldt für Ausgabe #134
Trotz der sich anbahnenden Krise ließen auch die Spieler, die wir an den Tagen unserer Recherche in Gelsenkirchen sprachen, keinen Zweifel an der Akzeptanz von Stevens im Kader aufkommen. Kapitän Benedikt Höwedes ächzte gedanklich noch spürbar, wenn er sich an die Zeit unter Felix Magath erinnerte. Das Verhältnis zum Niederländer mutete im Vergleich dazu fast paradiesisch an: »Der aktuelle Trainer (Stevens, d. Red.) legt eine Leidenschaft an den Tag, die zu Schalke passt, und er ist in der Lage, Disziplin mit Spaß zu verbinden.«
>> Interview mit Benedikt Höwedes für Ausgabe #134
Selbst Christoph Metzelder, der von Stevens nach dessen Amtsübernahme in eine Statistenrolle gedrängt worden war, schien überzeugt von der guten Zusammenarbeit in der Klubführung: »Horst Heldt und Clemens Tönnies haben meines Erachtens ein sehr enges Verhältnis. Auch mit dem Trainer verstehen sich beide gut. Und auch, wenn es hinter den Kulissen mal hitzig wird, schaffen es die Drei, dass nichts davon nach außen dringt.« Für den 47-maligen Nationalspieler Metzelder war Stevens zweifellos der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort: »Es gibt Trainer, die in einem bestimmten Umfeld, einfach gut zurecht kommen. Er passt hierher nach Schalke.«
>> Interview mit Christoph Metzelder für Ausgabe #134
Seitdem hat der FC Schalke 04 zwei weitere Spiele verloren und ist in der Tabelle auf Rang sieben abgerutscht – mit nunmehr fünf Punkten Rückstand zu einer Champions-League-Platzierung. Die Serie von sechs Spielen ohne Sieg hat die Veranwortlichen am Sonntagmorgen dazu bewogen, Huub Stevens von seinen Aufgaben zu entbinden. Trotz seiner großen Akzeptanz bei den Zuschauern, trotz durchaus zählbarer Erfolge und seines uneitlen Umgangs mit den Gegegenheiten. Es heißt, er habe die Mannschaft nicht mehr erreicht und man habe vor dem wichtigen Pokalspiel gegen den FSV Mainz 05 Schlimmeres verhindern wollen. Der scheidende Coach kommentierte seine Demission mit dem augenzwinkernden Hinweis, er hätte am Sonntagmorgen gleich Schlimmeres befürchtet, als er Horst Heldt um 7.45 Uhr auf der Anlage antraf: »So früh war er sonst nie da.«
So wie Angela Merkel nur wenige Monate nach ihrer Entscheidung für die Kernenergie im Angesicht der Katastrophe von Fukushima eine fundamentale Kehrtwende in der Energiepolitik ausrufen konnte, erweisen sich nun im Pott auch alle Lippenbekenntnisse zum »Jahrhunderttrainer« als obsolet. Und der FC Schalke 04 präsentiert sich wie ein Atomkraftwerk, das immer nur so lange als absolut sicher gilt, bis es das zweifelsfrei eben nicht mehr ist.
Für 11FREUNDE und die Leser der Ausgabe #134 hat dies den negativen Effekt, das die Analyse in der großen Reportage »Eine schrecklich nette Familie. Das neue Gesicht des FC Schalke 04« noch vor ihrem Erscheinen zumindest in Teilen ad absurdum geführt wird. Dafür möchten wir uns an dieser Stelle in aller Form entschuldigen. Die Geschichte zeigt, wie rasch sich die Realitäten im Tagesgeschäft des Profifußballs heutzutage verschieben können. Jedenfalls sind selten Recherchen schneller von der Wirklichkeit eingeholt worden. Hätten wir es also ahnen können? Vielleicht hätten wir einfach genauer hinhören sollen, als Huub Stevens sagte: »Ich weiß wie das Profigeschäft funktioniert. In Salzburg habe ich es selbst erlebt: Wir wurden Meister, die Profis der Liga wählten mich zum ›Trainer des Jahres‹ und drei Monate später war ich entlassen. Im Fußball kann es manchmal sehr schnell gehen.«