Zur großen Hamburger Lösung

Der HSV buhlt um Matthias Sammer

Der DFB weiß von nichts, der HSV hofft auf viel: Matthias Sammer soll neuer HSV-Sportchef werden und den schlafenden Riesen endlich wecken. Für Bernd Hoffmann wäre eine Verpflichtung die große Chance seiner Ära Glanz zu verleihen. Zur großen Hamburger Lösungimago

Es heißt, der Hamburger liebe das Understatement. Wer allerdings mal einen Hamburger getroffen hat, wird feststellen, dass niemand so gerne seine Heimat herauskehrt wie er. Es gibt da etwa die Geschichte von der schönsten Stadt der Welt, die man alle paar Monate in der lokalen Presse nachlesen kann. Alle paar Monaten wiederholen C- oder D-Prominente dann ihre Oden auf ihr weltoffenes und prachtvolles Hamburg. Das klingt manchmal ein bisschen wie Durchhalte-Rhetorik, weil es irgendwann sehr en vogue wurde, doch mal 280 Kilometer gen Osten zu ziehen, doch soll es eigentlich eine Hommage an eine Stadt sein, die nicht müde wird, große Lösungen für ihre Bewohner zu finden: Die Elbphilharmonie, die Hafencity, den Umbau des Schanzenviertels, die geputzten Fassaden im innerstädtischen Bereich. In Hamburg wird nicht gekleckert, es wird seit jeher geklotzt.

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Wie wenig passt es da ins Bild, dass der größte Fußballverein in dieser Vorzeigestadt seit Mitte der achtziger Jahre, seit dem Weggang von Trainer Ernst Happel und Manager Günter Netzer, verzweifelt nach der adäquaten Dekoration und Weltgewandtheit für diese Szenerie sucht. Nach der großen Lösung, wie man so sagt, einer Lösung, die den anderen Bundesligisten Schweiß und Anerkennung auf das Gesicht treibt. Zwar hatte der HSV in den letzten 25 Jahren immer mal wieder fähige Trainer und Funktionäre, doch war der Glanz von Frank Pagelsdorf, Thomas Doll, Bernd Wehmeyer oder Dietmar Beiersdorfer stets nur von kurzer Dauer. Zumal diese Männer trotz mitunter gelungenen Transfers und guten Platzierungen nie eine irgend geartete hanseatische Großmannsart verinnerlichten. Sie waren da – und doch hinterließen sie kein episches Werk, keine Spuren wie Happel oder Netzer. 

2,5 Mio Euro im Jahr für Matthias Sammer


Nun soll Matthias Sammer als Sportdirektor dem HSV neues Leben einhauchen. Denn dieser HSV, so heißt es immer wieder, sei ein schlafender Riese, der nur die angemessene Behandlung benötige. Sammer bekäme für diese Behandlung angeblich 2,5 Millionen Euro pro Jahr – das sind etwa 600.000 Euro mehr als der gesamte HSV-Vorstand (Katja Kraus, Bernd Hoffmann, Oliver Scheel) in der vergangenen Saison kassierte. Doch auch wenn Sammer der Job gutes Geld in die Tasche spülte und eine Entscheidung pro HSV vermutlich auch mit fehlenden Perspektiven beim DFB einherginge, müsste man bei einer Zusage zunächst auch den Hut vor ihm ziehen: Matthias Sammer manövrierte sich freiwillig in eine Situation, die keine schnellen Auswege aufzeigt, er käme zu einem Verein, dessen Strukturen nach außen fragiler denn je wirken.

Gerade deshalb erscheint er Bernd Hoffmann und dem Aufsichtsrat nicht nur als große, sondern vornehmlich als passende Lösung. Sammer liebt die Aufgabe an sich, und er hat für sein Alter so viel Erfahrung wie kaum ein Zweiter im Fußball-Geschäft: Er war Spieler bei Dynamo Dresden, Inter Mailand, Borussia Dortmund und beim VfB Stuttgart. Mit dem BVB gewann er als jüngster Trainer der Bundesliga-Geschichte 2002 die Meisterschaft. Seit dem 1. April 2006 arbeitet Sammer als DFB-Sportdirektor. Kaum jemand verfüge über so viele Kontakte wie Matthias Sammer, heißt es. Kaum jemand sei kompetenter in Sachen Nachwuchsarbeit und konzeptioneller Planung. Kaum jemand versprühe eine so hohe Autorität und trete so stark für seine Visionen und Strategien ein. Kaum jemand nörgele allerdings auch so ausdauernd und besserwisserisch, werfen einige Fans ein. Sie monieren, dass Sammer nie der Sympathieträger gewesen sei, keiner von ihnen. Andere weisen derweil darauf hin, dass ein Manager genau dieses nicht sein darf: zu lieb und zu sehr Duz-Kumpel.

Matthias Sammer als Nachfolger von Bastian Reinhardt

Das war Bastian Reinhardt zweifelsohne. Seit seinem Start als HSV-Sportchef im Sommer 2010 hatte Reinhardt mit einem Gegenwind zu kämpfen, den er sich selbst vermutlich nicht erträumt hatte, der aber auch mit der öffentlichen Darstellung seiner Person von Dritten zusammenhing. So hatte der Ex-Profi kurz vor seinem Amtsantritt als Sportdirektor noch ein Praktikum auf der Geschäftsstelle absolviert und dort nebenher ein Tagebuch auf der Vereins-Homepage verfasst.

Als Reinhardt eines Tages auf eben dieser Webseite als neuer Sportchef angekündigt wurde, prangte neben dem Artikel dummerweise immer noch ein Banner mit dem Slogan: »Basti Backstage: Die Praktikantenkolumne.« Dieser Mann sollte also die Alternative zu Urs Siegenthaler sein, der kurz vor knapp von einem Engagement beim HSV absprang? Im Aufsichtsrat und in der Öffentlichkeit war Reinhardt nicht nur hinter vorgehaltener Hand der Ex-Prakti, der Lehrling. Er war die »kleine Lösung«, wie der Aufsichtsrat ohne Umschweife mitteilte.

Für Bernd Hoffmann bedeutet Matthias Sammer die große Chance

Dass auch der in Hamburg so beliebte Dietmar Beiersdorfer ähnlich anfing und mitunter Transferflops landete (Juan Pablo Sorin, Thiago Neves, Alex Silva), wurde in jenen Tagen verwischt. Selbst ein heute so eloquent und erfahren wirkender Manager wie Klaus Allofs konnte vor seiner Zeit als Werder-Sportchef lediglich auf eine Profikarriere zurückblicken – er hatte bis zu seinem Amtsantritt im Jahr 1999 nie einen Klub als Funktionär geführt. Bastian Reinhardt bekam keine Zeit, zuletzt wurde sogar über einen Aufpasser diskutiert. Was man da schon wusste: Im Geduld üben war der HSV nie Klassenbester. Was neu war: In Sachen Vertrauen schaffen, schien er gänzlich durchzufallen.

Für Bernd Hoffmann, dem aufgrund der Reinhardt-Inthronisierung immer wieder fehlendes Fußball-Fachwissen vorgeworfen wurde, wäre die Verpflichtung von Matthias Sammer demnach auch eine Flucht nach vorne. Zwar holte er sich einen starken Mann an seine Seite, der schon vom ersten Tag an fordernder, lauter und mit größerer Lobby im Verein antreten würde, als es Bastian Reinhardt jemals getan hat. Nach Ruhe klingt das im Übrigen nicht. Indes ist es für Hoffmann, dessen Vertrag im Dezember dieses Jahres ausläuft, die einzige Chance, seine Position als Vorstandsvorsitzender weiter zu rechtfertigen. Und es ist vielleicht die letzte große Chance, einen Coup zu landen und glänzende Spuren in seiner Ära zu hinterlassen. 

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