Zur Entlassung von HSV-Trainer Michael Oenning

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Nach der Entlassung von Michael Oenning gerät auch HSV-Sportchef Frank Arnesen in die Kritik. Vor allem, weil sich die Hamburger von ihm eine Zäsur erhofften. Nun aber steht der Klub vor einem ähnlichen Scherbenhaufen wie vergangene Saison. Zur Entlassung von HSV-Trainer Michael Oenningimago

Es gibt ein Wort von Friedrich Nietzsche, das irgendwann seinen Weg auf Federtaschen und T-Shirts fand und so etwas wie die Diddlmaus unter den Aphorismen ist. Es lautet: »Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.« Unentwegte HSV-Optimisten halten dieses Wort seit 1987, seit dem letzten Titelgewinn und dem Weggang von Ernst Happel, ganz fest umklammert. Seht her, hier herrscht Chaos, rufen sie, wenn sich wieder mal ein Trainer verabschiedet hat und tippen dann auf den zweiten Teil des schlauen Satzes. Und auch wenn die Sterne nicht geboren wurden, konnten sie gut auf einen anderen Kalenderspruch verweisen: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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Wer hatte sich hier nicht alles schon am großen Umbruch versucht: Einmal übernahm Uwe Seeler das Steuer, ein anderes Mal Rolf Mares, eine Zeitlang jubelten sie hier dem sensiblen Frank Pagelsdorf oder dem kühlen Kurt Jara zu, dann dem aufbrausenden Thomas Doll oder dem trockenen Armin Veh. Michael Oenning, dem 18. Trainer seit Ernst Happel, jubelten sie nie zu. Michael Oenning war einfach nur da. Smart nannten ihn zwar die meisten, doch auch unverstehbar und profillos. Vielleicht glaubte er »ein Stück weit« zu sehr daran, an einen wie auch immer gearteten Plan festhalten zu müssen – trotz eines viel zu fragilen Spielergerüstes. Er wollte sich als das etablieren, was der moderne Fußball einen »Konzepttrainer« nennt.

Der schwammige Begriff »Konsolidierung«

Das klang zumindest im April 2011 ziemlich großartig. Denn kaum ein Bundesligaklub, so schien es, hatte Konzepte damals nötiger als der HSV. Gerade nach dem Ende der vergangenen Saison, als sich der HSV wie ein hölzernes Schiffswrack in den Zielhafen manövrierte, brauchte man endlich mal klar formulierte Ideen eines intelligenten Akademiker-Kopfes, Etappenziele etwa, vielleicht auch Tabellen, Powerpoint-Präsentationen, Handouts, Dossiers, irgendetwas, woran man sich festhalten konnte. Etwas, womit man das große fusselige Wollknäuel entknoten konnte. Es wurde gebrütet, diskutiert, es wurden Personalentscheidungen gefällt. Schließlich stand an einem irgendeinem Flipchart der schwammige Begriff »Konsolidierung«, die Fans sprachen derweil von einer »Übergangssaison«. Keine Europapokalträume, kein Meisterschaftsgerede mehr – und, oh Wunder, in Hamburg arrangierte man sich damit.  

Bernd Hoffmann hatte sich zu dem Zeitpunkt schon verabschiedet, Armin Veh war entlassen, und Bastian Reinhardt, der wenige Monate zuvor als Sportchef installiert wurde, wieder ins zweite Glied degradiert worden. In diesen Frühlingswirren überzeugte Oenning den neuen Sportdirektor Frank Arnesen, nicht Stale Solbakken als Coach zu verpflichten, sondern ihn, den »Mad aus Münster«, den freundlichen Lehramtstudenten von nebenan. Seine Referenzen: Ein Aufstieg mit dem 1. FC Nürnberg, Tätigkeiten als Co-Trainer in Wolfsburg, Hamburg oder Mönchengladbach. Arnesen reichte das.

Und die Männer im Aufsichtsrat und die Fans auf den Tribünen vertrauten dem neuen Sportdirektor. Wenngleich ihn kaum jemand kannte, strahlte der Mann schon vor seiner Ankunft greller über den Volkspark als alle HSV-Manager nach Günter Netzer zusammen. Er, Frank Arnesen, der Heilsbringer, er, der ehemalige Chefscout und Sportdirektor vom FC Chelsea, er würde alles ändern, würde endlich Professionalität in diese verdammte Unordnung bringen. Vor allem erhoffte man sich, dass er als Außenminister des Klubs die Vielzahl der Stimmen, die Rufe des Aufsichtsrates, das Begehren der Fans, die Wünsche des Trainers, richtig kanalisieren würde. Selten klang ein Name so sehr nach Neuanfang wie der von Frank Arnesen im Frühjahr 2011. Kaum vorstellbar, dass ein paar Wochen zuvor noch Bastian Reinhardt, der einst direkt vom Praktikanten zum Sportchef aufgestiegen war, hier gewirkt haben sollte.

Kein adäquater Ersatz für Joris Mathijsen oder Frank Rost

Arnesen unterschrieb beim HSV auch in der Annahme, viele gute Transfers tätigen zu können. Doch als er in Hamburg ankam, musste er realisieren, dass nicht mal genügend finanzielle Mittel für einen besseren Zweitligaspieler zu Verfügung standen. »Ich hätte gedacht, dass ein bisschen mehr Geld da sei«, sagte er kürzlich. Und: »Es gab zu viele Spieler mit auslaufenden Verträge.« Aus der Not heraus verpflichtete Arnesen fünf Spieler aus der Chelsea-Reserve und einen Spieler aus Norwegen. Wegmarkierungen haben die Spieler bisher nicht hinterlassen. Stattdessen wurde bald deutlich, dass der HSV keinen adäquaten Ersatz für Joris Mathijsen oder Frank Rost gefunden hatte, und, wie in den Jahren zuvor, immer noch keinen fähigen Mittelfeldregisseur.

Dass die Mittel für neue Supertransfers begrenzt waren, wurde fortan gerne mal übersehen. Wo bleibt der neue Ruud van Nistelrooy? Warum kehrt Rafael van der Vaart nicht zurück? Konsolidierung, Übergangssaison – alles schön und gut, aber doch nicht mit Reservespielern und doch nicht im unteren Drittel der Tabelle. Sogar Jens Lehmann fühlte sich berufen, einen Kommentar zur Lage in Hamburg abzugeben. Er sagte: »Arnesen holt nur Leute vom FC Chelsea und aus Skandinavien, weil er die deutschen Spieler gar nicht so richtig kennt.« Zur Trainerdiskussion, die wenig später begann, fügte er dann noch hinzu: »Wenn die Negativserie anhalten sollte, ist es vielleicht ein Vorteil für Oenning, dass Arnesen keine deutschen Trainer kennt. Er müsste auch da erst einmal seine Recherche betreiben.« Der Gegenwind für die Protagonisten war hart geworden. Für Michael Oenning, der bis dato nie so stark im Mittelpunkt eines Bundesligaklubs gestanden hatte und sich nun von allen Seiten seine negative Statistik vorrechnen lassen musste (vier Siege in 31 Bundesligaspielen). Für Frank Arnesen, der die Bundesliga, die Hamburger Medienlandschaft und diese Sache namens »Konsolidierung« vielleicht doch ein wenig anders eingeschätzt hatte.

Dennoch zog sich Arnesen nicht aus der Verantwortung. Er sagte: »Ich stehe zu allen Verpflichtungen.« Und er stand zu Michael Oenning. Wohl weniger, weil er keinen deutschen Trainer kennt, sondern weil eine zu frühe Entlassung einem Eingeständnis gleichgekommen wäre. Er hätte einräumen müssen, sich in seiner ersten Entscheidung – nämlich in der Personalie Michael Oenning – geirrt zu haben. Und Arnesen wusste, dass es eine Sache gab, die man einem neuen Sportchef in Hamburg nach all den Fehlern in der jüngeren Vergangenheit auf keinen Fall nachsehen würde: einen Irrtum.

Der neue HSV-Trainer müsste ein Zauberer sein

Und doch zieht Arnesen nun die Reißleine, früher als gedacht, auch weil es keinen anderen Weg mehr zu geben scheint. Michael Oenning wurde am Montag als Trainer des HSV entlassen. Vielleicht war es ein Fehler, keine Ziele auszugeben. Vielleicht war es ein Fehler, die jungen Spieler Tunay Torun oder Änis Ben-Hatira und die alten Profis Joris Mathjisen und Frank Rost ziehen zu lassen. Vielleicht war es eine Fehleinschätzung, ein neues Team in Hamburg langsam aufbauen zu können. Und, ja, vielleicht wird wieder einmal alles viel zu hoch gekocht und der HSV steht in drei Wochen wieder im Mittelfeld der Tabelle. Aktuell jedoch wirkt das Wollknäuel verknoteter als je zuvor. Gestern resignierte selbst Franz Beckenbauer: »Ich kenne keinen Trainer auf der Welt, der dem HSV helfen könnte. Er müsste ein Zauberer sein.«

Oennings Interims-Nachfolger heißt Rodolfo Esteban Cardoso. Der Argentinier trainierte bislang die zweite Mannschaft des HSV. Früher war er ein großartiger Fußballspieler, ein Mittelfeldregisseur. Manche haben ihn auf dem Platz Magier gerufen, andere sogar Zauberer. Die meisten aber nennen ihn bis heute nur »Pelu«, das bedeutet: Fussel.

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