Zur DFB-Strafe für Radioreporter Norbert Dickel

»Arschloch! Korinthenkacker!«

Jüngst wurden Norbert Dickel und Boris Rupert vom DFB mit einer Geldstrafe und Sperre belegt, weil sie im BVB-Netradio den Schiedsrichter beschimpften. Ein bisschen zu viel Aufregung um ein bisschen zu viel Emotionalität. Zur DFB-Strafe für Radioreporter Norbert Dickelimago

Vor großen Turnieren werden allenthalben Prominente aus Funk und Fernsehen vor Bildschirme und Mikrofone gezerrt. Sie sollen ihre Prognosen abgeben und diesem archaischen und ehedem proletenhaften Ding namens Fußball ein bisschen gegenwärtigen Glanz verleihen. Da gibt es dann solche, die mimen den Hardcore-Fan, beten jede WM-Statistik seit 1930 herunter, tragen Vintage-Trikots der deutschen Elf von 1990 und wünschen den Gegnern schon vor dem Turnierbeginn Schien-, Waden- und Rippenbrüche.

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Und da gibt es diejenigen, die sich aus Vermarktungsgründen – Wahlkampf, neue CD, neues Buch, neuer Film – für Expertisen allzu gerne zur Verfügung stellen. Sie sitzen unter der Woche bei Markus Lanz oder Reinhold Beckmann, am Wochenende besuchen sie Tennisturniere oder Charity-Galas. Sie kennen Fußball seit dem Sommermärchen und haben auch eine Meinung. Sie lautet: Möge der Bessere gewinnen.

Ist das erste Phänomen ein mitunter unangenehmes, ist das zweite unerträglich. Es ist eine Meinung, die vornehmlich von Menschen ausgesprochen wird, die Sport nur aus der Turnhalle (Geräteturnen, Brennball) oder dem Park (Federball, Boccia) kennen. Auch intensive Gespräche über magische Momente, große Siege, bittere Niederlagen, bringt diese Personen nicht zu der Erkenntnis, dass es im Fußball nicht darum geht, den Besseren siegen zu sehen, sondern ein Team, das Team, sein Team – und sei es durch ein Eigentor oder einen unberechtigten Elfmeter in der 94. Minute. 

»Wir waren vom Kriege einiges gewohnt«

Unparteilichkeit im Fußball fühlte sich nie gut an, doch wurde sie einst gewünscht. Bei der WM 1958 etwa verpönte man schwedische Einpeitscher, die mit Trommeln und ausdauerndem Organ Schlachtrufe wie diesen anstimmten: »Heja Sverige friskt humör, det är det som susen gör, Sverige, Sverige, Sverige«. Das heißt so viel wie: »Auf geht’s Schweden, mit frischem Mut immer voran, Schweden, Schweden, Schweden«. Es bedeutete damals für den turnvaterigen Deutschen einen großen Skandal. Das »Hamburger Abendblatt« empörte sich: »Wir waren vom Kriege einiges gewohnt. Die Heimat mit dem Inferno des Sirenengeheuls, die Front mit anderen Unfreundlichkeiten. Das alles war aber nichts gegen die Organisation der schwedischen Lärmkonstrukteure.«

Im Nachhinein liest sich das ebenso amüsant wie die manchmal etwas zu sachlichen Kommentare des Reporters Rolf Kramer, die er in bester Rudi-Michel-Tradition noch in den achtziger Jahre trug. Dabei hatten doch schon Herbert Zimmermann 1954 (»Rahn schießt – Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor!«) und spätestens Edi Finger 1978 (»I werd narrisch«) gezeigt, dass auch Reporter gelegentlich das Berufscredo umgehen dürfen. Im WM-Finale 1986 jubelte Kramer nach dem 1:2-Anschlusstreffer von Karl-Heinz Rummenigge ins Mikrofon: »Und jetzt eine Zugabe!« Erschrocken über seine Gefühlsregung korrigierte er sich umgehend: »Entschuldigen Sie, meine Damen und Herren, das klingt vermessen.« Nachfolgende Kommentatoren wie Heribert Faßbender (»Schick den Schiedsrichter in die Pampa!«) oder Jörg Dahlmann (»Lieber KSC, wir danken euch!«) verabschiedeten sich in der Praxis zwar immer wieder von dieser Sachlichkeit, betonten aber weiterhin das Credo der Unparteilichkeit.

Natürlich macht es einen großen Unterschied, ob ein Zuschauer oder ein Reporter die Contenance verliert; beide Seiten sind getrennt voneinander zu betrachten. Verzwickt wird es allerdings, wenn sich beide Seiten treffen – wie bei Boris Rupert und Norbert Dickel, die gemeinsam die Spiele von Borussia Dortmund im Radio kommentieren. Sie sind nämlich nicht nur Radioreporter, sie sind auch: Fans, Ex-BVB-Stürmer und Klub-Mitarbeiter. Dickel sagt in seiner Sendung manchmal Sachen wie: »Ey, leck mich doch am Arsch. 3:2 für uns!« Seine Kollege Rupert antwortet dann: »Ist das ein geiles Spiel.«

Hätte der DFB nicht souveräner reagieren müssen?

Momentan sagt Rupert gar nichts mehr, denn er hat vom DFB-Kontrollausschuss ein Redeverbot erhalten, weil die beiden Kommentatoren Ende August beim Spiel gegen Bayer Leverkusen Schiedsrichter Wolfgang Stark beleidigt haben. Dickel posaunte: »Lächerlich! Stark, du Blinder!« Rupert legte später nach: »Du Arschloch!« Und: »Ein Korinthenkacker vor dem Herrn!« Sie störten sich an der Roten Karte für Mario Götze und einem nicht gegebenen Tor für den BVB. Das Problem: Dickel und Rupert kommentieren nicht für irgendeinen Piratensender oder einen privaten Webäther, sondern für das BVB-Netradio, und sind somit eine offizielle Stimme des Klubs. Nun müssen beide eine Geldstrafe zahlen, im Fall von Dickel wurde diese auf 3000 Euro geschätzt. Rupert muss zudem zwei Spiele pausieren. Beide Kommentatoren entschuldigten sich in der Zwischenzeit. Dickel sagte: »Es tut mir leid.« Rupert sprach von »einem Fehler«.

Im Netz gehen bis heute die Meinungen darüber auseinander, ob diese Art der Kommentierung wirklich ein Fehler ist. In diversen Internetforen wird etwa betont, dass jeder Zuhörer des Netradios bereits nach den ersten zehn Minuten wüsste, was ihn bei der Sendung erwarte. Ein User schreibt: »Das ist doch Leidenschaft!« Oder: »Wenn der Schiedsrichter blind ist, dann wird man das doch noch sagen dürfen.« Ein anderer: »Die beiden sind permanent am provozieren und beleidigen, die Geldstrafe ist doch etwas zu hoch, aber die Spielsperre ist ok.«

Schließlich stellt sich trotz der berechtigten Kritik an den beiden Kommentatoren die Frage, ob der DFB nicht ein wenig souveräner hätte reagieren müssen. Eine Ermahnung im Stillen hätte es sicherlich auch getan. Also eine Erinnerung daran, dass die beiden Fans zwar ein Fanmedium betreiben, aber immer noch einen Fußballverein repräsentieren. Seltsam auch, dass der DFB erst jetzt reagiert, da Rupert und Dickel bereits seit mehreren Jahren kommentieren und übles Stammtischvokabular in ihren Berichten gang und gäbe ist. Ihr Fett bekamen unter anderem Tim Wiese (»Schwuchtel-Hemdchen«), der FC Bayern (»Scheiß Bauern-Dussel«), Schalke 04 (»Mein Gott, sind die doof«), die TSG Hoffenheim (»Jaaaa! Da werdet ihr endlich bestraft. Ihr habt's verdient!«) oder Markus Miller (»Miller kam etwas schwuchtelig heraus«) weg. Warum stand also gerade dieses Mal der DFB auf der Matte? Weil ein Arm des Verbandes direkt angegangen wurde? Je mehr man drüber nachdenkt, desto mehr wünscht man sich ein wenig die Gelassenheit, die Ulf Kirsten bei allzu negativer Kritik auszeichnete: »Wenn bei einem Auswärtsspiel keiner rief: ›Kirsten, du Arschloch‹, dann wusste ich, dass ich etwas falsch gemacht hatte.«

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