In diesen Tagen ist Redknapp übrigens sehr leicht zu erkennen: Er ist der Mann, dessen Gesicht immer durch ein geöffnetes Autofenster eingerahmt wird, durch das er beim Verlassen des Trainingsgeländes seinen nach Geschichten lechzenden Journalisten-Kumpels ein bisschen Klatsch und Tratsch in die Blöcke diktiert. Weil er als mysteriöses Transfer-Tratschweib gilt, drohte ihm einst sogar Trainerkollege Brian Fry an, ihm die Kniescheibe zu brechen. Dennoch wird Redknapp der Kumpanei mit den Medien nicht müde. Er weiß, dass er so seinen Ruf als beliebtester Trainer Englands weiter festigen kann. Dabei sollte man einfach mal die Fans des FC Portsmouth fragen, was sie von Redknapps fragwürdigem Geschäftssinn halten, der ihren Klub letztendlich mit in den Bankrott trieb. Wahrscheinlich würde man eine ziemlich dreckige Hasstirade zu hören bekommen über den Mann, der um ein Haar Englands Nationaltrainer geworden wäre.
Derweil sitzt Tottenhams Boss Daniel Levy bereits in den Startlöchern und wartet darauf, endlich die Schlagzeilen zu erobern. Das macht er mit Vorliebe, in dem er Klubs das letzte bisschen lebendes Fleisch vom Körper reißt, egal wie hoch der Preis dafür und wie groß der Streit darüber auch sein mag, solange seine Spurs am Ende als strahlender Sieger dastehen (man erinnere sich nur an die langwierige Luka-Modric-Saga oder die schmerzhaft-zähe Adebayor-Verpflichtung). Dabei hat er selbst seinen eigenen Trend widerlegt, als er für Lewis Holtby mehr bezahlte, als er eigentlich wollte (1,75 Millionen Euro statt 0 Euro), was aber sicher auch am sanften Druck seines Trainers Andres Villas Boas gelegen haben könnte. Aber vergessen wir diesen Fakt und hoffen, dass Levy auch im diesjährigen Transfer-Blockbuster wieder die Rolle spielt, die ihm angedacht ist: Die des rücksichtslosen Jägers, der einst Emanuel Adebayor und Jermaine Defoe als Last-Minute-Schnäppchen in Stellung brachte. Levy ist sicherlich ein furchterregender Verhandlungsführer – dabei scheint es niemanden zu stören, dass er von der britischen Presse als typischer Pfennigfuchser dargestellt wird – so ist er aber eben auch das perfekte Gegenstück zum geliebten Schlingel, dem harmlosen Cockney-Gauner Harry Redknapp.
Balotelli verkommt zur Comic-Figur
Das Transferfenster wird also in ein paar Stunden laut zuschlagen, wahrscheinlich sehr zur Freude der Fans, die immerhin ganz privat auf eine nie dagewesene Rezession zu taumeln. Und auch wenn Sky Sport News und die Drehbuchautoren es vielleicht niemals erkennen: In diesen schwierigen Zeiten ist das grelle, seelenlose Geprahle der Premier-League-Klubs bis zur Erschöpfung vorhersehbar und schlichtweg geschmacklos. Selbst der zur Comicfigur verkommene Mario Balotelli hat sich ohne große Show verabschiedet. Vielleicht hat auch er gemerkt, dass seine Posen schon vor langer Zeit ihren Witz verloren haben.
Und während der einzige Klub, der wirklich dringend neue Spieler braucht (Aston Villa), nicht mehr aktiv wird und Newcastle die Rolle als Arsenal-Tribute akzeptiert hat und so viele französische Spieler wie möglich verpflichtet, behalten sich die Champions-League-Klubs in diesem Winter die Krönung dieses Possenspiels vor und halten ihr Geld brav für den kommenden Sommer zusammen.
Vielleicht wird das Financial Fairplay der Uefa eines Tages diesem ganzen Unsinn ein Ende setzen. Vielleicht kommt Hochmut wirklich vor dem Fall. Aber so langweilig die Transfers auch sein mögen, so spürt man doch, dass die Akteure in diesem Geschäft dem Reiz nicht widerstehen können, mit einem neuen Gerücht, einer neuen Verhandlung, einem neuen Coup ihre tragende Rolle im ewigen Premier-League-Melodram zu verewigen Selbst dann, wenn alle Zuschauer sich lieber wieder auf das Wichtigste konzentrieren würden: 90 Minuten am Samstag. Drei Punkte. Alles, bloß keine Schauspielerei.