Zum Todestag von Robert Enke: Florian Fromlowitz erinnert sich

Robert und ich

Heute vor fünf Jahren nahm sich Robert Enke das Leben. Sein Mannschaftskamerad, Nachfolger und Freund Florian Fromlowitz erinnert sich.

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Ich stand am Grab von Robert und hörte eine Stimme. Es war der 15. November 2009, der Tag der Beerdigung. Jemand hielt eine Rede, dann Stille; es regnete in Strömen. Später erzählte ein Mitspieler, dass mein Name gefallen sei. Ich nickte, dabei hatte ich nichts mitbekommen. Alles war leer, ich fühlte mich wie in Trance. Erst als Teresas Mutter vor mir stand, wurde ich für wenige Sekunden klar. »Du wirst alle Kraft brauchen, um die nächsten Monate zu bewältigen«, sagte sie. »Doch sei sicher: Wir stehen voll hinter dir.« Es war ein kurzer guter Moment an diesem traurigen Tag.

Als ich Robert zum ersten Mal traf, waren wir mit Hannover 96 im Trainingslager. Es war der Sommer nach der EM 2008, und er stieß etwas später zur Mannschaft. »Hallo, ich bin Robert.« – »Hallo, ich bin Flo.« Da stand er also. Dieser Mann, der selbst in den wildesten Abwehrschlachten eine Ruhe wie ein Kapitän auf hoher See ausstrahlte. Robert, das war mir klar, würde in Südafrika Jens Lehmann beerben. Ich verstand nie die Diskussion, die nach dem Spiel gegen Russland aufkam. René Adler hielt sehr gut, kein Zweifel. Doch mussten ihn die Medien deswegen zur neuen Nummer eins für die WM erklären? Robert war und blieb für mich der beste, denn er war der kompletteste Torhüter.

Als ich vom 1. FC Kaiserslautern nach Hannover wechselte, waren die Rollen daher klar verteilt. Robert war der Stammtorwart, ich war seine Vertretung. Das war okay für mich, denn ich war lange verletzt gewesen und wollte nun von einem gestandenen Keeper lernen, mich verbessern, hart trainieren, und da sein, wenn man mich brauchte. Vielleicht würde ich irgendwann mal der Nachfolger von Robert werden. Vielleicht könnte ich mich so auch für andere Klubs interessant machen.

Robert sprach nie viel. Er wirkte oft in sich gekehrt, nachdenklich. Ich sah ihn auch selten lachen, dabei waren die Momente, wenn er mal fröhlich war, wirklich schön. Ich mochte es, wenn wir zusammen beim Italiener saßen und Robert und Hanno Balitsch aus ihrer Lieblingsserie „Stromberg“ zitierten. Später fragte ich mich oft: Was habe ich überhaupt von ihm gewusst? Er liebte Tiere. Er wohnte auf einem Bauernhof mit seinen Hunden und seiner Frau Teresa. Sie hatten eine Tochter verloren und später ein Mädchen adoptiert. Als ich zur Beerdigung fuhr, sah ich das Haus zum ersten Mal. Das muss sein Rückzugsort gewesen sein, dachte ich, fern vom ganzen Rummel, dem großen Fußballzirkus.

Ich war damals 23 Jahre alt und hatte bei Gerry Ehrmann gelernt. Eigentlich war ich das totale Gegenteil von Robert. Ich war emotional, laut, manchmal aufbrausend. Ich jubelte oft exzessiv, wenn wir ein Tor schossen, ich ballte die Faust, wenn mir eine besonders gute Parade gelang. Weiter, immer weiter. Robert sagte mir einmal, dass ich mich nicht verstellen solle, mir aber ein wenig mehr Ruhe guttun könnte. Ich probierte es aus und verzichtete auf die großen Jubelgesten – es half mir tatsächlich, ich wurde ausgeglichener und mein Spiel besser.


Als ich Robert zum letzten Mal sah, saßen wir in der Kabine des Niedersachsenstadions. Es war der 8. November 2009. Wir hatten gerade 2:2 gegen den HSV gespielt, und Robert hatte ordentlich gehalten. Er warf seine Tasche über die Schulter und verließ den Raum. »Tschüs, Flo« – »Tschüs, Robert!« Wir hatten am Montag und Dienstag trainingsfrei, denn es war Länderspielpause. Ich wollte die Tage mit meiner Frau verbringen. Robert wollte sterben. Am Dienstag. Das wusste er schon, als er die Kabine verließ. Vielleicht sogar lange davor.

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