12.12.2012

Zum Tod von Manfred Amerell

Ein Kind der Bundesliga

Am Dienstag wurde Ex-Schiedsrichter Manfred Amerell tot in seiner Wohnung gefunden. Die Ursache seines Todes ist bislang unklar – ein Suizid wird allerdings ausgeschlossen. Ein Nachruf.

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Am 1. Februar 2010 erhielt Manfred Amerell eine Nachricht von Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach. Der DFB-Präsident und sein Generalsekretär informierten den Schiedsrichtersprecher über Vorwürfe, die Michael Kempter gegen ihn erhoben hatte. Amerell sollte seinem jüngeren Schiedsrichterkollegen nach einem Spiel zwischen Werder Bremen und Borussia Dortmund im Oktober 2009 sexuelle Avancen gemacht haben. Am 9. Februar verkündete der Verband Amerells Rücktritt. Es begann eine öffentliche Schlammschlacht, in der das Private das Öffentliche so stark überlagerte, dass es körperliche Schmerzen bereitete.
 
Zunächst fragte die »Bild«-Zeitung am 10. Februar, ob sich Amerell Kempter »genähert« habe. Es ging weiter mit einem »Sex-Skandal«, mit Verstrickungen anderer Schiedsrichter, mit der Ehefrau von Amerell und den SMS, die Michael Kempter an Manfred Amerell geschickt hatte.

Die SMS und der Prozess
 
In einer Talkshow präsentierte Amerell diese Kurznachrichten. In einer steht: »Ich ziehe für dich die weiße Hose an, damit mein schwarzer Tanga vorleuchtet.« In einer zweiten: »Ich liebe dich!« In einer dritten: »Ich freue mich aufs Bayern-Spiel. Hoffentlich fliegen sie gleich raus. Und dann stoßen wir darauf an.«
 
Kempter und Amerell trafen sich vor Gericht wieder. Der Prozess endete am 7. Dezember 2011 mit einem Vergleich. Kempter räumte ein, dass seine Ablehnung der Annäherungsversuche Amerell nicht deutlich genug erschienen sein könnten. Amerell verzichtete auf eine Schadenersatzforderung. Davor war es zu Hausdurchsuchungen bei verschiedenen Schiedsrichtern gekommen, es ging um Steuerhinterziehung. Auch Michael Kempter war ins Visier der Fahnder geraten – durch eine anonyme Anzeige. Die »Welt« schrieb von »Amerells Rache«.
 
Ein Mann am Boden. Ein Mann, dessen Züge einem Spielsüchtigen glichen, der immer weiter Geld in den Schlitz wirft, in der Hoffnung, dass eines Tages all seine Verluste amortisiert werden. »Ich bin kein Psychopath«, sagte Amerell einmal. Doch es konnte nichts mehr ungeschehen gemacht werden. Es konnte nichts vergessen gemacht werden. Es konnte niemand rehabilitiert werden. Das ist die eine Geschichte. Sie wird bleiben.
 
Doch es gibt auch eine andere Geschichte, und die ist heute nahezu vergessen. Sie erzählt die Geschichte von einem Kind der Bundesliga.
 
Im Gegensatz zu vielen Kollegen kam Amerell nicht von Außen ins deutsche Fußballgeschäft. Er war nicht zuerst Zahnarzt oder Anwalt, der seine Bundesligakarriere sukzessive und nebenbei aufbaute. Er war immer schon Teil des Ganzen. 1970, Amerell war damals gerade mal 23 Jahre alt, heuerte er 1970 bei 1860 München an und wurde dort Geschäftsführer. Danach arbeitete er beim FC Augsburg. Mit 32 Jahren, als viele aus seiner Generation gerade ihr Betriebswirtschaftsstudium beendet hatten, trat er seine dritte Stelle als Fußballfunktionär an: Er wurde Manager beim Karlsruher SC.

Spitznamen »Aquarell«
 
Die Presse jubelte ihm zu. Damals. Er sei ein »Goldjunge«, schrieb der »Express« einmal, denn Amerell verringerte in kürzester Zeit die Schulden der Badener, er tütete lukrative Werbe-Deals ein und war der Verantwortliche eines großen Coups. Was vier Jahre lang keinem Manager gelungen war, schaffte Amerell in einer halben Stunde: Er überredete Trainer-Legende Max Merkel in dessen Wohnzimmer zu einem Comeback auf der Trainerbank des KSC. Die »Bild« feierte Amerell als »Erfolgsmanager der Bundesliga«, er sei »redegewandt und selbstsicher wie Dr. Peter Krohn früher beim HSV«. Sein Kollege Bernd Heynemann nannte ihn später mal »geradlinig und korrekt«. Amerell – ein Manager vom Typ Schiedsrichter. Dennoch erscheint es sonderbar, dass ein Fußballfunktionär eine zweite Karriere als Referee beginnt. »Sind Sie masochistisch?«, fragte ein Reporter ihn damals. Amerell sagte: »Ich suche die größte Herausforderung. Ich will ganz oben dabei sein!«
 
Am 28. März 1987 pfiff er sein erstes Bundesliga-Spiel: Borussia Mönchengladbach gewann 2:1 gegen den VfL Bochum. Amerell gab einen Elfmeter und zeigte drei Gelbe Karten. Später bekam er den Spitznamen »Aquarell« – wegen der vielen Karten, die er zeigte.

 
 
 
 
 
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