Zum Tod von Hermann Rieger

Der Mann mit der Ledertasche

Uwe Seeler, Charly Dörfel, Horst Hrubesch – die Hall of Fame beim HSV ist groß. Das größte Idol der Fans war dennoch ein anderer: Masseur Hermann Rieger. Heute ist er im Alter von 72 Jahren verstorben.

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Meine erste Erinnerung an Hermann Rieger datiert auf den 20. September 1989, das Spiel gegen Werder Bremen, nur 14.000 Zuschauer im Volksparkstadion. Ditmar Jakobs’ Schrei hallte durch die Betonschüssel, während Hermann Rieger über den halben Platz rannte, seine braune Adidas-Ledertasche in der Hand, die Beine unterm Arm. Einigen Fans stockte der Atem, ein paar schrien wie immer »Heeeermann, Heeeermann!«, doch Hermann winkte dieses Mal nicht zurück.
 
»Wir mussten quasi im Tor operieren«, sagte der Physiotherapeut später, denn Jakobs hatte sich bei einem Rettungsversuch in einem Karabinerhaken des Tores verfangen. Das Metall hatte sich in seinen Rücken gebohrt. Es sah nicht gut aus.
 
Wenige Tage später lag Ditmar Jakobs wieder bei Hermann Rieger im Zimmer. »In ein paar Tagen stehe ich wieder auf dem Platz«, sagte der Spieler. Rieger lächelte. Und auch wenn nach weiteren Besuchen beide ahnten, dass er nie mehr auf dem Platz stehen würde, kam Jakobs wieder und wieder. Die Männer saßen dann in Riegers Zimmer und sprachen. Übers Leben. Über den Fußball. Vielleicht auch über die Angst vor dem, was nun kommen würde. »Er macht unsere Spieler auch seelisch wieder fit«, hat der damalige HSV-Manager Günter Netzer mal gesagt. »Er war nicht nur der Masseur.«
 
Die Spieler vertrauten ihm, weil er ein Freund war. Einer, der in dem ganzen Fußball-Zirkus herrlich normal geblieben war. Der es zwar liebte zu erzählen, doch dem nichts daran lag, Geheimnisse oder Probleme in der Öffentlichkeit auszubreiten. »Bei mir können die Jungs alles abladen«, sagte Rieger mal. »Ich halte dicht.«

Als sich Rieger auf den Weg nach Hamburg machte
 
Hermann Rieger war 1978 zum HSV gekommen. Manni Kaltz hatte den Bajuwaren überredet, dabei lagen ihm einige lukrativere Angebote vor. Als Rieger in jenem Jahr seiner Mutter eröffnete, dass er vielleicht nach Hamburg gehen werde, sagte diese: »Mach das, Burschi, da gibt es viele nette Leute.« Rieger sah sie verdutzt an: »Du warst doch noch nie dort.« Doch sie beruhigte ihn: »Die Hamburger in unserer Pension sind immer so freundlich.«
 
Also machte sich Rieger auf den Weg gen Norden. Er erlebte die großen Triumphe des HSV mit, die Meisterschaften 1979, 1982, 1983, das 1:0 im Finale des Europapokal der Landesmeister 1983 gegen Juventus Turin. Den DFB-Pokal-Sieg 1987. Günter Netzer findet noch heute, dass Hermann Rieger genauso viel Anteil an diesen Erfolgen hatte wie die  Spieler. »Hermann«, sagt er gerne. »war mein bester Transfer.«
 
Doch nicht nur Netzer wurde während der goldenen Ära einer der Vertrauten Riegers, sondern vor allem Ernst Happel. Mit dem Trainer-Dämon verband ihn eine Vater-Sohn-Beziehung. Dafür brauchte man die beiden nicht mal in trauter Zweisamkeit sehen. Schon wenn Happel mal wieder die Journalisten abkanzelte, grinste Rieger in sich hinein, als wollte er sagen: »Ach, der Alte, wieder schlecht geschlafen letzte Nacht!«

Happel war für Rieger wie ein Vater
 
Auch für Ernst Happel war Rieger einer, der ihn auf dem Boden hielt. Er sprach mit ihm über den letzten Urlaub mit der Familie und die nächste Flanke von Manni Kaltz. Und er mochte es, wenn Rieger ihn zu seinen Casino-Ausflügen im Trainingslager begleitete. Denn Rieger sollte dort sein Geld bewachen, immer eng am Körper, immer in der Hosentasche. »Ich musste stets die Hand auf die Tasche legen, sonst hat der Ernstl böse geguckt«, sagte Rieger in seinem letzten großen Interview, das er vor ein paar Tagen dem »Hamburger Abendblatt« gegeben hat.
 
Als Happel den HSV 1987 verließ, dachte auch Rieger häufiger an seinen Abschied aus Hamburg. Allzu lange könnte ein Bayer es nicht in einer Hafenstadt aushalten, sagte er, der doch das Bergsteigen, das Jodeln und vor allem das Skifahren so liebte. Zwischen 1970 und 1976 war Rieger Trainer beim Deutschen Ski-Verband gewesen. In jenen Jahren gründete er auch eine Skischule in Mittenwald. Und um die wollte er sich wieder kümmern.

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