Zum Tod von Giorgio Chinaglia

Wie ein wilder Stier

Giorgio Chinaglia ist tot. Im Alter von nur 65 Jahren starb der ehemalige italienische Nationalstürmer und beste Angreifer in der Geschichte von Cosmos New York an einem Herzinfarkt. Eine Würdigung.

Man könnte Giorgio Chinaglia eine coole Sau nennen. Damit täte man ihm allerdings ein bisschen unrecht. Denn seine Statur mit dem überdimensionierten Brustkorb erinnert doch eher an einen Stier, denn an ein adipöses Schweinchen. Aber nicht nur sein kantig-bulliger Körperbau und die rabiate Spielweise konnten beeindrucken, Chinaglias Werdegang war beispiellos, zumindest für einen Fußball-Nationalspieler: vom geliebten Fußballidol zum Mafioso. Eine zutiefst italienische Geschichte.

Geboren wurde Chinaglia 1947 in Carrara, etwa eine Autostunde südlich von Genua; mit acht Jahren zog er nach Großbritannien, wo sein Vater in der walisischen Stadt Cardiff Arbeit fand. Sein erster Verein war ab 1962 der damalige englische Zweitligist aus Wales, Swansea City; dort unterschrieb er drei Jahre später seinen ersten Profivertrag. Sechsmal trug der Mittelstürmer das Trikot der Waliser, konnte sie aber nicht vor dem Abstieg bewahren. So wechselte er in die italienische Serie C zu Massese Calcio, ein Jahr später zum neapolitanischen Club Internapoli, bei dem der Angreifer den Durchbruch schaffte und 25 Tore in einer Saison erzielte.

Diese Torquote blieb den großen italienischen Klubs natürlich nicht verborgen, und so wechselte der damals 21-Jährige im Jahr 1968 zu Serie A Aufsteiger Lazio Rom. Dort machte ihn gleich sein zweites Spiel zum Publikumsliebling. Sein 1:0-Siegtor gegen den amtierenden Meister AC Mailand verzückte die Lazio-Tifosi. Unsterblich machte sich Chinaglia in der Saison 1973/74. Im Olympiastadion von Rom feierten ihn 90.000 begeisterte Anhänger am vorletzten Spieltag als er gegen US Foggia in der letzte Minute ein Elfmetertor erzielte und Lazio der »Scudetto« faktisch nicht mehr zu nehmen war; der erste Meistertitel der Römer überhaupt. Die Krone des besten Torschützen durfte sich Chinaglia nach dem letzten Spieltag auch noch aufsetzen. Doch Chinaglia blieb trotz seiner Erfolge kein Vorzeigeprofi. Einen Teamkollegen, der ihm den Ball nicht richtig zugespielt hatte, verprügelte er einmal noch auf dem Platz.

Erfolglose Karriere in der »Squadra Azzurra«

Trotz solcher Vorfälle blieb »der italienische Bomber« populär, und groß waren die Hoffnungen seiner Landsleute für einen guten Verlauf der WM 1974 in Deutschland. Chinaglia war gesetzt als Mittelstürmer, enttäuschte jedoch im ersten Spiel gegen Haiti; Trainer Ferruccio Valcareggi tauschte ihn nach 70 Spielminuten gegen Pietro Anastasi aus, dem damaligen Mittelstürmer von Juventus Turin. Beim Remis im zweiten Gruppenspiel gegen Argentinien saß Chinaglia nur auf der Bank. In der letzten Partie gegen Polen hätte der »Squadra Azzurra« ein Unentschieden gereicht. Chinaglia spielte wieder von Anfang an, konnte seine Chancen aber erneut nicht nutzen. Italien verlor mit 1:2 und schied wie schon 1966 überraschend nach der Vorrunde aus dem WM-Turnier. Der Emporkömmling war auf dem harten Boden der Realität gelandet. 

In der Nationalelf sollte es der 1,85-Meter-Mann insgesamt nur auf 14 Spiele (4 Tore) bringen. Hauptgrund war der Wechsel von Lazio zu Cosmos New York. Chinaglias Frau war US-Bürgerin und sehnte sich nach der Heimat. Der Ehemann tat ihr den Gefallen und so landete der Italiener mit der Löwenmähne und den übergroßen Koteletten im Jahre 1976 am Big Apple. 

Dort sollte er in der neu gegründeten »North American Soccer League« reichlich für Aufsehen sorgen. Denn was folgte, waren die sportlichen Höhepunkte einer Karriere in einer mitunter zu Recht belächelten »Retortenliga« des finanzstarken Fußballentwicklungslandes USA. Chinalgias Quote war beachtlich: In 213 Spielen erzielte der Mann aus der Toscana 193 Tore. Damit blieb er der erfolgreichste Schütze, der jemals seine Schuhe in der amerikanischen Profiliga schnürte. Zusammen mit Pele, Franz Beckenbauer und Carlos Alberto war er ein wichtiger Bestandteil der namhaften Legionäre von Cosmos. Aber nicht nur sportlich, sondern auch abseits des Platzes war »Long John«, wie ihn die Amerikaner fortan nannten, äußerst aktiv. 

1979 wurde Chinaglia amerikanischer Staatsbürger, was in der italienischen Gemeinde New Yorks eine Kontroverse auslöste. Während eines Cosmos-Spiels charterte ein verärgerter Fan ein kleines Flugzeug und drehte mit einem Banner, auf dem »Giorgio stinks« stand, seine Runden über dem Giants Stadium. Chinaglia nahm es gelassen. Ob Italiener oder nicht, ihm wurden bereits beste Kontakte zur ortsansässigen Mafia nachgesagt. 

Nach vier Meisterschaften mit Cosmos ging er 1983 zurück nach Italien. Er wollte seinem Ex-Klub Lazio wieder zu altem Glanz verhelfen und ließ sich zum Präsidenten wählen. Doch der Versuch, seiner alten Liebe wieder auf die Sprünge zu helfen, scheiterte. Zwei Jahre später stieg Lazio unter seiner Führung nach einem Korruptionsskandal und Punktabzug in die Serie B ab. Chinaglia kam erstmals vor Gericht – wegen betrügerischen Bankrotts und Bilanzfälschung. Es schien, als wäre er endgültig im kriminellen Millieu angekommen.


Verstrickt in die Machenschaften der Camorra

Nach einigen vergeblichen Versuchen, im amerikanischen Fußballgeschäft erneut Fuß zu fassen, brachte sich Chinaglia vor einigen Jahren erneut negativ in die Schlagzeilen. Wegen eines Skandals um mutmaßliche Kursmanipulationen von Lazio-Aktien war er im November 2007 schon zur Zahlung einer Geldstrafe von 4,2 Millionen Euro verurteilt worden. Chinaglia hatte 2005 italienischen Medien berichtet, ein ungarischer Pharmakonzern sei am Kauf von Lazio interessiert. Dies hatte die Aktien des seit dem Jahr 2000 an der Mailänder Börse notierten Klubs in die Höhe getrieben, obwohl sich die Informationen als haltlos erwiesen.

Dass Chinaglia nicht nur auf dem Platz ein Rauhbein war, unterstrich er im Jahr 2006. Er wurde beschuldigt, Lazio-Präsident Claudio Lotito bedroht und erpresst zu haben. »Long John« hatte versucht mit Hilfe der gewaltbereiten Lazio-Ultras »Irriducibili« – dem harten faschistischen Kern der Ultras von Lazio – Druck auf den Vereinsboss auszuüben, um ihn zum Verkauf des Klubs zu bewegen. Seit 2006 steht Lotito deshalb unter Polizeischutz. Im Anschluss verstrickte sich der ehemalige Spieler bei dem Versuch der Übernahme von Lazio immer tiefer in die Machenschaften der Camorra. Die neapolitanische Mafia wollte mit Hilfe von Strohmännern den Verein übernehmen. Zehn verdächtige Personen wurden in Rom im Juli 2008 wegen des Verdachts der Geldwäsche festgenommen. Auch gegen Chinaglia wurde erneut Haftbefehl erlassen. 

Die Paten wollten das Geld offenbar dort investieren, wo sie es noch nie gewagt hatten – in einen Traditionsverein der ersten Liga. Und sie benutzten Chinaglia als ihren Strohmann. Allerdings wurde der Stürmerstar, der in 209 Spielen für Lazio 98 Tore erzielen konnte, nie von einem italienischen Gericht verurteilt und lebt heute weitgehend unbehelligt in den USA.  

Ob man Chinaglia nun in erster Linie als genialen Stürmer oder als verruchten Kriminellen ansehen sollte, bleibt dem Betrachter selbst überlassen. Chinaglia war ein Grenzgänger zwischen Gut und Böse; in jeder Lebenslage zu allem fähig. Das verdeutlicht eines seiner schönsten Tore, welches er im Dress von Cosmos New York erzielte: Mit dem Rücken zum Tor stoppte er ein langes Zuspiel mit der Brust, drehte sich um die eigene Achse und feuerte den Ball mit einem Seitfallzieher unhaltbar in den oberen Winkel. Ein unglaublich dynamisches Tor für einen Mann mit seiner Statur. Ein Moment zum Zungeschnalzen. Unvergessen.

Gestern ist Giorgio Chinaglia im Alter von 65 Jahren an seinem Herzinfarkt gestorben.

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