Zum Status quo von »Kein Zwanni für 'nen Steher«

»Für Bayern ist Freiburg kein Topspiel!«

Seit August 2010 protestiert die Initiative »Kein Zwanni für 'nen Steher« gegen zu teure Stehplätze. Der hat als erster Klub  Gesprächsbereitschaft signalisiert und zeigt, wie notwendig das Finden einer generellen Lösung ist. Zum Status quo von »Kein Zwanni für 'nen Steher«imago

Die moderne Fußballkultur hat für jeden Anhänger die passende Protestform. Es gibt: Initiativen gegen Rassismus, gegen Diskriminierung, gegen Kommerzialisierung, gegen Eventisierung, gegen die Kriminalisierung von Fans, gegen Stadionverbote, pro Pyrotechnik, pro Sozialromantik, pro 15:30 Uhr, pro Stehplätze. Dazu die passenden Ventile: Plena, Kolloquien, Klausurtagungen, Demonstrationen, Diskussionsabende, Sitzblockaden, Stehproteste. Welche andere Subkultur kann gegen dieses mannigfaltige Angebot anstinken?

Alle diese Initiativen sind zweifelsohne wichtig, und dennoch darf zumindest leise bezweifelt werden, inwiefern etwa die Sozialromantiker oder die Pyrotechniker in der heutigen Ligalandschaft Erfolg haben werden. Der Fußball mitsamt seinen Verbänden scheint zu weit vorausgeeilt, er hat keine Zeit mehr zu pausieren und zu fragen, ob der strikt geplante Eventzirkus unter Umständen das Spiel und die Fankultur kaputt macht. Und er wird auch in der kommenden Saison kein Interesse daran haben, die für ihn anarchisch anmutende Pyrotechnik zu erlauben. Warum auch? Die geordnete Fan-Emotion, quasi die Stimmung für die ganze Familie, sehen wir an jedem Spieltag in Form von Choreos und bunten Bannern. Sie tut niemandem weh und kann von den Klubs guten Gewissens als atmosphärische Größe in die Gesamtidee »Arena« einkalkuliert werden.

Anders verhält es sich da bei »Kein Zwanni für 'nen Steher«, einer Initiative, die bislang eher im Kleinen und im Hintergrund wirkte und die im Grunde die Basis für alle genannten Interessengruppen bildet. Denn so banal es klingt: Auch wenn sich all die Initiativen als so etwas wie eine außerparlamentarische Opposition verstehen, brauchen ihre Anliegen Präsens. Und was nützt das Plenum im dunklen Vereinsheim oder der Fanstand in der Innenstadt, wenn man dort nur von einem verschwindend kleinen Teil der Fußballschaffenden gesehen wird? Der Weg zur Verbesserung der Fan- und Fußballkultur führt immer noch über, genau, das Stadion.

Boykottempfehlung für das Spiel BVB gegen den HSV

Ins Leben gerufen von zwei BVB-Fanklubs vor dem Revierderby im September 2010, haftete »Kein Zwanni für 'nen Steher« einige Wochen das Image an, dem verhassten Rivalen ans Bein pinkeln zu wollen (das Spiel auf Schalke wurde damals aufgrund der zu hohen Stehplatzpreisen von mehreren tausend BVB-Fans boykottiert). Dabei versteht sich »Kein Zwanni für 'nen Steher« ausdrücklich als vereinsübergreifende Initiative und vor allem – und das ist der springende Punkt – als lösungs- und nicht konfliktorientierter Ansatz. Hieß es also bei den anonym auftretenden Sozialromantikern auf St. Pauli zuletzt »Die Zeit der Gespräch ist vorbei«, wünscht man hier ausdrücklich den Dialog. Wie der aussieht, deutete sich vor einer Woche an, als die Initiative eine Boykottempfehlung für das Auswärtsspiel von Borussia Dortmund beim Hamburger SV aussprechen wollte, weil das Spiel in die Kategorie A eingestuft wurde, und der billigste Stehplatz somit 19 Euro zuzüglich Gebühren kosten sollte. Doch die Initiative sieht nun von einem Boykott ab. 

»Wir verzichteten auf die Boykottempfehlung, weil der Vorstand des HSV das Signal zum Dialog gab«, sagt Daniel Lörcher, einer der Initiatoren von »Kein Zwanni für 'nen Steher«. »Es ist ein erster großer Erfolg, dass wir von den Vereinen als Initiative anerkannt werden.« Das Signal heißt: Der Vorstand des HSV erklärte sich bereit, vor dem besagten Spiel mit Daniel Lörcher und seinen Mitstreitern zu sprechen.

HSV-Vorstandsmitglied Oliver Scheel, früher selbst führendes Mitglied der Fanorganisation HSV-Supporters, weist dennoch darauf hin, dass man die Eintrittspreise in dieser Saison nicht mehr senken könne, schließlich hätten bereits Anhänger von anderen Klubs die festgesetzten Preise gezahlt – eine Gleichbehandlung wäre demnach nicht mehr gegeben –, zudem hätte der HSV mit bestimmten Preisen kalkuliert. Dennoch sei man gesprächsbereit. »Den Ansatz kann ich nachvollziehen und halte ihn auch für überdenkenswert«, sagt Scheel. »Wir sind als Verein jedenfalls daran interessiert, dass die Kartenpreise für Fans, insbesondere für Gästefans, sensibel gestaltet werden. Natürlich auch, weil wir selbst eine große Auswärtsfangemeinde haben.«

Bayern-Fans müssen immer Topzuschlag zahlen – auch in Freiburg

Scheel spricht damit das große Dilemma von Zuschauern an, die als Fans von sogenannten Bundesliga-Topklubs durch die Republik tingeln. Anhänger von Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen oder dem HSV müssen überwiegend Zuschläge für ihre Tickets zahlen, und die Bayern-Supporter, ganz egal, wo ihr Klub gerade steht, werden bei 17 von 17 Auswärtsspielen geschröpft. »Dabei ist für sie eine Partie in Freiburg alles andere als ein Topspiel«, erklärt Marc Quambusch, ebenfalls Initiator von »Kein Zwanni für nen Steher«.

Dass auch der HSV von den Fans gelegentlich ein bisschen mehr als Mehr verlangt, ist kein Geheimnis. »Vor etwa zwei Jahren führten wir vor dem Spiel gegen Werder Bremen die Kategorie A+ ein. Damals mussten die Fans knapp 100 Euro für die teuerste Karte zahlen. Das Spiel war nicht ausverkauft und es gab massig Kritik. Wir mussten einsehen: Der Preis war überzogen«, sagt Scheel. Für die Partie gegen den FC Bayern im Oktober 2010 wurde die Kategorie dennoch reaktiviert. Und die Zahlen gaben den Ökonomen im Klub recht: Das Spiel war ausverkauft. Heißt ein Klub die Preise vor dem Hintergrund der guten Einnahmen ohne Wimpernzucken richtig? Es werden zumindest Alternativen angesprochen. »Eine Idee wäre es tatsächlich zu sagen: Bei einem Kategorie-A-Spiel zahlen Auswärtsfans fortan den Preis für Kategorie B. Allerdings bedarf so eine Entscheidung einen gewissen Vorlauf. Das heißt: Gespräche mit den eigenen Anhängern, ob so eine Lösung akzeptabel wäre, und natürlich auch im Vorstand«, sagt Scheel.

Die positiven Zeichen vonseiten eines Bundesligavorstands nehmen Lörcher und Quambusch sowohl mit in die heutige Partie des BVB beim FC Bayern, bei dem es einen Infostand fern jeder sportlichen Rivalität geben wird, als auch in das Gespräch mit DFL-Chef Rainhard Rauball, das demnächst stattfinden soll. Dass solcherlei Öffentlichkeit und ein wirklich stattfindender Austausch und das Handeln auf hohen Ebenen – fern von Lippenbekenntnissen – dringend notwendig sind, zeigen die Entwicklungen in Italien und England. Tom Bender von der DFL sagte zwar vor der Saison 2010/11, dass es in Deutschland eine Entwicklung wie in England nicht geben würde und man »den Bundesliga-Klubs zu ihrer moderaten Preispolitik nur gratulieren« könne, doch hat es auch hier seit 2000 de facto eine Preissteigerung von etwa 50 Prozent gegeben. Auch birgt der ewige Blick auf die großen europäischen Ligen die Gefahr, jedes Preisniveau mit einem Verweis auf jene Ligen zu legimitieren. Getreu dem Motto: Solange man stets ein wenig unter den Levels der Premier League bleibt, ist alles in Ordnung.

Arsenal sprengte im November 2010 die 100-Pfund-Marke

Die italienische und die englische Liga gleichen in punkto Fankultur Wanderungen durch trostlose Siedlungen. In der Serie A hat man etwa kürzlich einen Zuschauerschwund von über 25 Prozent seit 1996 festgestellt, nach außen wird dies an den Skandalen und dem wenig attraktiven Fußball festgemacht. Dass man in Mailand allerdings kaum noch ein Ticket unter 50 Euro bekommt und auf den guten Rängen gerne mal über 100 Euro pro Partie blechen muss, wird unter den Tisch gekehrt.

In England haben wir ein ähnliches Bild. Dort gab es zwar 2007 die Kampagne »Cut the price of Footie«, die gegen die hohen Preise von Einzeltickets protestierte (die damals mitunter vier mal so hoch waren wie auf dem Rest des Kontinents) und von etlichen Fangruppen verschiedener Vereine getragen wurde. Nachdem die Zeitung »Sun« das Anliegen aufgriff, lenkten einige Vereine sogar kurzzeitig ein. Doch was ist geblieben? Im November 2010 konnte der FC Arsenal verkünden, dass erstmals in der Geschichte des englischen Fußballs die 100-Pfund-Marke (115 Euro) für ein Spiel gesprengt wurde. Und vier Monate zuvor musste Manchester United eingestehen, seit langer Zeit nicht alle Dauerkarten verkauft zu haben. Einige sahen den Protest gegen die Klubbesitzer als Grund, andere führen aber auch die jährlich steigenden Ticketpreise an.

Fußball ist in der Premier League kein Spiel mehr für Alle


Eine Folge der Preistreiberei, die von Vereinen und Verbänden bis dato scheinbar nicht als Problem gesehen wurde, wäre die Überalterung der Fanstruktur. Nun könnte man meinen, die Klubs hätten eh nur Interesse an gediegenen Fans, bringen sie doch das Geld ins Stadion und geben sich meist weniger kritisch als die Jungen – einen organisierten Protest pro Pyrotechnik von Ü-40-Herren mag man sich nicht richtig vorstellen können. Doch was ist mit der kalkulierten Stimmung im Rahmen des Konzepts »Arena«? Selbst die würde wegbrechen. Und am Ende gliche die Bundesliga nicht mal mehr einer trostlosen Siedlung, sie wäre Brachland. »Eines ist gewiss«, sagt Quambusch, »ein 20-Jähriger, der nicht zum Fußball geht, wird nicht mit 40 Jahren sagen: ›Jetzt habe ich wieder Geld und gehe hin.‹«

In England stellte Malcolm Clarke, Geschäftsführer der Football Supporters' Federation, übrigens kürzlich mal wieder fest: »Fußball ist kein Spiel mehr für Alle.« Kein Geheimnis, keine große Erkenntnis – und doch schwebt der Satz dieser Tage, da sich die Bundesligavereine Gedanken über die Preisgestaltung für die kommende Saison machen müssen, wie ein Mahnmal über den Taschenrechnern.



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