Zum Rücktritt von Steven Gerrard in der englischen Nationalelf

Der unvollendete Skipper

14 Jahre lang spielte Steven Gerrard für England. Häufig wurden Wunderdinge von ihm erwartet, häufig scheiterte er. Nach 114 Spielen geht der Kapitän von Bord – auch für seine große Liebe, den FC Liverpool.

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Seine erste Einladung zur Nationalmannschaft wird er wohl nie vergessen. Als Anfang 2000 das Handy des damals 19-jährigen Steven Gerrard klingelte und er eine unterdrückte Nummer sah, dachte er zunächst an einen Scherz. »Kevin Keegan hier, hallo Steven«, sagte eine Stimme. Am anderen Ende der Leitung prustete Gerrard laut los: »Kevin Keegan? Das kann doch gar nicht sein.«

Wenn er an die Anekdote mit dem damaligen Nationaltrainer Keegan zurückdenkt, muss Steven Gerrard immer noch schmunzeln. »Nach ein paar Sekunden habe ich seine Stimme endlich erkannt, ein Traum ging in Erfüllung«, erklärte er im vergangenen Jahr bei einem Pressetermin. Ende Mai 2000 feierte der Mittelfeldspieler sein Nationalelf-Debüt, gegen die Ukraine, einen Tag nach seinem 20. Geburtstag.

Nun, knapp 14 Jahre später, erklärte Gerrard seinen Rücktritt. Schluss mit den »Three Lions«, das plötzliche Ende einer komplizierten Beziehung

»Irgendwo unter diesem Spielerhaufen, da liegt Steven Gerrard«

Wer an Steven Gerrard denkt, denkt an den FC Liverpool. Seit er sieben ist, spielt er an der »Anfield Road«, sein Cousin starb bei der tragischen Hillsborough-Katastrophe. Gerrard identifiziert sich wie kein Zweiter mit dem Klub, führt die »Reds« seit 2003 als Kapitän auf den Platz. Zwei Jahre zuvor hatte er das kleine Pokal-Triple, bestehend aus Ligapokal, FA-Cup und UEFA-Pokal gewonnen, 2005 führte den Verein zum spektakulären Triumph in der Champions League. Doch in der Nationalelf setzte Gerrard immer nur vereinzelte Ausrufezeichen.

Zum Beispiel im September 2001. Beim WM-Qualifikationsspiel im Münchener Olympiastadion machte Gerrard eines seiner besten Spiele für die »Three Lions«. Es endete mit einem 5:1-Sieg.

Überbleibsel und Hoffnung

»Irgendwo unter diesem Spielerhaufen, da liegt Steven Gerrard!« Der ekstatische BBC-Kommentar ist in England Kult geworden. Gerrard hatte gegen Deutschland, den ewigen Rivalen, ein Tor erzielt und ein weiteres von Michael Owen vorbereitet. Die englische Presse feierte den aufstrebenden Newcomer. Ein neuer Stern ging auf.

Das 5:1 von München wirkt heute wie ein Spiel aus einer vergangenen Zeit. Englands goldene Generation um Michael Owen, Paul Scholes, David Beckham oder »Teddy« Sheringham konnte die Sehnsucht nach dem nächsten Titel nicht stillen. Als Überbleibsel und Hoffnung blieb der fußballverrückten Nation lange Zeit Steven Gerrard.

Sinnbild des englischen Scheiterns

Im Mittelfeldspieler sahen Experten wie Fans den »Box-to-Box-Midfielder«. Ein Spieler, der überall präsent ist, von Strafraum zu Strafraum. Gerrard, so die einhellige Meinung, solle England wieder zu größeren Erfolgen führen. Das Dilemma war jedoch immer dasselbe: Obwohl sich Gerrard in den Qualifikationen für die großen Turniere, ähnlich wie beim 5:1 von München, häufig im Top-Form präsentierte, enttäuschte er bei den Welt- und Europameisterschaften zumeist.

So auch 2004, als er es trotz einer starken Gruppenphase nicht vermochte, die englische Mannschaft im engen Viertelfinale gegen Portugal mitzureißen und vorzeitig ausgewechselt wurde. So war es auch 2006, als er eigentlich ein starkes Turnier spielte, ihm wiederum im Viertelfinale – und wieder gegen Portugal – im Elfmeterschießen die Nerven versagten. Und so war es auch im entscheidenden Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft 2008.

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