Zum Prozess nach Sprengstoff-Anschlag im Drittliga-Derby

»Sehr geehrter Herr Richter, ich bin der große Idiot...«

Kann man eine Bombe gezielt werfen, wenn man unter Drogen steht? Muss man milder urteilen, weil der Werfer in Neapels Fankultur sozialisiert wurde? Das Landgericht Osnabrück verhandelt zur Zeit den Fall von Juri C., der beim Derby Osnabrück gegen Münster 33 Menschen verletzt hat. Zum Prozess nach Sprengstoff-Anschlag im Drittliga-DerbyHendrik Steinkuhl

Manchmal ist es einfach schade, dass man vor Gericht nicht klatschen darf. Als der Hannoveraner Professor Gunter Pilz nach seinem Gutachten den Saal verlässt, weiß jeder Prozessbeobachter genau, wer diese Ultras sind. Kein unnützes Fremdwort, keine Eitelkeit, kein Geschwafel: Der renommierte Fanforscher Pilz hat sich mit 67 Jahren die Bodenständigkeit bewahrt, die andere schon zu Beginn ihrer akademischen Laufbahn verloren haben.

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Bevor er die deutsche Ultraszene seziert, soll Pilz über das Original berichten. Denn auf der Anklagebank sitzt ein 24-Jähriger, der laut seinem Anwalt auch deshalb mitten in einem Stadion eine Bombe gezündet hat, weil er das aus seiner italienischen Heimat nicht anders kennt.

Ein Sprengkörper im Spielertunnel

Vor zwei Jahren ist Juri C. aus Neapel nach Münster gezogen. Er arbeitet in schlecht bezahlten Jobs, lebt in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Schnell schließt er sich den Preußen-Ultras »Curva Monasteria« an. Am 10. September 2011, beim Derby VfL Osnabrück gegen Preußen Münster, wirft er einen Sprengkörper auf den ehemaligen Spielertunnel der Osnatel-Arena. Die Bombe rutscht durch einen Spalt und fällt einer Menschengruppe vor die Füße. Polizisten, Erwachsene und Kinder verletzten sich teilweise schwer. Einige Polizisten sind stark traumatisiert und noch immer dienstunfähig. Viele Opfer behalten von der Explosion vermutlich lebenslang einen Tinnitus.

»So einen Knall habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört«, sagt vor Gericht ein Polizist, der seit Jahren Problemfans ins Stadion begleitet. »VfL Osnabrück gegen Preußen Münster – das ist wie Dortmund gegen Schalke in klein. Wenn die beiden Fangruppen unkontrolliert aufeinandertreffen, dann kommt es zu Gewalt.«

Sechs Joints und eine Ladung Speed zum Aufwärmen

Bei diesem völlig überhitzten Drittliga-Spiel schmuggelte der 24-jährige Juri C. eine Bombe ins Stadion. In seiner Unterhose. Zu diesem Zeitpunkt ist er laut eigenen Angaben bis oben hin voll mit Drogen. Seit sieben Uhr morgens hat er eine Flasche Wodka getrunken, fünf oder sechs Joints geraucht und Speed geschnupft. Um 13.30 Uhr wirft er die geschmuggelte Bombe von der Größe einer Cola-Dose auf den Spielertunnel. Es soll eine Art Weckruf für seine Mannschaft sein, sagt Juri C. Er habe niemanden verletzen wollen und absichtlich auf den stillgelegten Tunnel gezielt. Er sei immer ein guter Werfer gewesen. Schon als Jugendlicher habe er mit Freunden im Stadion des SSC Neapel auf Masten geworfen und immer getroffen. Die meisten Prozessbeobachter schütteln darüber den Kopf: ein gezielter Wurf über 20 Meter, aus einem vollen Fanblock, der Werfer ist außerdem besoffen, bekifft und auf Speed – das soll möglich sein? Ein nüchterner Polizist hat den Wurf im leeren Stadion simuliert. Nächste Woche wird er davon berichten, und schon jetzt hört man auf den Gerichtsfluren, was sich jeder denken kann: Der Polizist hat einige Würfe gebraucht, bis er sein Ziel zum ersten Mal getroffen hat.

Neben seinem angeblichen Wurftalent und der drogenbedingten »verminderten Steuerungsfähigkeit« baut der Anwalt von Juri C. die Verteidigung vor allem auf einem Argument auf: Sein Mandant sei in einer ganz anderen Fankultur aufgewachsen. In Italien habe das Hantieren mit gefährlicher Pyrotechnik Tradition, verfolgt würden die Zündler und Bombenleger kaum.
»Die italienische Fan-Seele war tatsächlich von jeher eine andere. Böller haben immer dazugehört«, sagt Fan-Forscher Gunter Pilz. 2001 habe die italienische Regierung die Gesetzte verschärft, 2005 nochmal; Milan-Torwart Dida war gerade von einer Rakete getroffen worden. Wie man aber in Italien tatsächlich mit Gewalt umgehe, das zeigt laut Pilz eine Aussage, über die er sich bis heute aufregt: »Nachdem in Catania ein Polizist von einem Ultra ermordet worden ist, war sich der Präsident der italienischen Liga nicht zu blöd zu sagen: ‚Warum die Aufregung? Der Tod gehört zu unserem Geschäft!‘«

Albernheit ist nicht die Ausnahme – es ist der Grundton

Danach ist Pilz klug genug, nicht den Küchenpsychologen zu spielen. »Wie stark muss die Verwurzelung des Angeklagten in italienischen Verhältnissen sein, um hier in Deutschland so mit Sprengkörpern zu hantieren?«, fragt ihn der Vorsitzende Richter. »Sie zwingen mich zu spekulieren. Das ist eigentlich nicht meine Aufgabe«, antwortet Pilz. Der renommierte Professor behandelt das Thema mit der Seriosität, die es verdient. Der Vorsitzende Richter und eine Beisitzerin stellen dagegen oft eigenartige Fragen, hampeln auf ihrem Stuhl herum und machen Witzchen über nicht funktionierende Technik oder die Belehrung von Zeugen. Albernheit ist an diesem Prozesstag nicht die Ausnahme – es ist eher der Grundton. Dabei geht es nicht um Wildpinkler oder Schwarzfahrer, sondern um 33 Verletzte. Vielleicht wird es bald neue Opfer geben. Und das nicht, weil der DFB Feuerwerkskörper toleriert, sondern weil er sie vor kurzem strikt verboten hat.

»Jetzt hat man als Ultra schon sein erstes Erfolgserlebnis, wenn man solche Gegenstände trotz schärferer Kontrollen mit ins Stadion bringt«, sagt Gunter Pilz. Dieser Ehrgeiz erkläre sich auch durch die besondere Haltung der Ultras. »Anders als die Hooligans, die die Polizei als sportlichen Gegner betrachtet haben, sehen die Ultras die Polizisten und Wachleute als Feind, der sie am Ausleben ihrer kreativen Bedürfnisse hindern will.« Für wen die Ultras ihre Bedürfnisse tatsächlich ausleben, ist schon häufig geschrieben worden. Der Fanforscher bringt es aber noch einmal auf den Punkt: »Es wundert mich, dass Spieler manchmal über die Ultras sagen ‚Wir haben die tollsten Fans.‘« Würden die Spieler genau hinschauen, dann müssten sie laut Pilz erkennen, dass die Ultras oft nur sich selber feiern. »Und die Unterstützung der Kurve ist dann am geringsten, wenn die Mannschaft sie am meisten braucht.« Das mag nach Pauschalisierung klingen. Doch davon ist Pilz weit entfernt.

30 Entschuldigungsbriefe für die Opfer

Wie differenziert er denkt, zeigt sich spätestens, als er den Ersatzfamilien-Charakter der Ultras analysiert. »Wenn 50 Ultras gewalttätig sind, finden das 2000 bis 3000 andere wirklich nicht gut. Aber die Ultras haben nun mal ein enges Treue- und Familienverständnis. Deshalb nehmen die friedlichen Fans hin, was ihre Brüder da machen.«

Nach rund einer Stunde bedankt sich der Vorsitzende Richter bei Pilz. Durch ihn sei man schlauer geworden. Am nächsten Dienstag wird der Prozess fortgesetzt. Der Polizist, der die Probewürfe im leeren Stadion gemacht hat, sagt aus. Außerdem kommt ein Sprengstoffexperte, und ein Psychiater äußert sich zu der Frage, wie sehr die Steuerungsfähigkeit von Juri C. durch seinen Alkohol- und Drogencocktail gelitten hat.

Zum Schluss der heutigen Sitzung liest der Vorsitzende Richter noch zwei von insgesamt über 30 Entschuldigungs-Briefen vor, die Juri C. aus der Untersuchungshaft an seine Opfer und den Vorsitzenden geschickt hat. »Sehr geehrter Herr Richter, ich bin der große Idiot, der am 10. September 33 Leute verletzt hat«, beginnt einer von ihnen. Der Angeklagte schreibt, er wolle notfalls 20 Jahre arbeiten, um seine Schuld wieder gutzumachen.

Ab wann er damit beginnen kann, wird das Gericht voraussichtlich am kommenden Mittwoch entscheiden. 

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