Zum Personal-Pingpong in der Bundesliga

Der Geist von James Hunt

Fußballklubs verpflichten dieser Tage Trainer, als tauschten sie Paninibildchen auf dem Schulhof. Dabei scheinen die Vereine nur noch Lobbyarbeit im Sinne ihrer Großsponsoren zu betreiben. Wo ist die unkonventionelle Lösung? Wo ist Rolf Schafstall? Zum Personal-Pingpong in der Bundesliga

James Hunt nippte noch einmal am Mojito, drückte seine zweiundreißigste Zigarette an diesem Tag in den Ascher, verabschiedete sich per Zungenkuss bei der Blondine in seinem Arm – und begab sich in die Boxengasse. Die Legenden, die sich um den Lebensstil des Formel-1-Weltmeister von 1976 ranken, füllen ganze Buchregale. Hunt »the Shunt« hat wie kaum ein Rennfahrer das Image des Draufgängers geprägt. Er genoss La dolce vita in vollen Zügen, lebte so schnell wie er fuhr. Und als er 1978 in eine Massencarambolage verwickelt wurde, zog er seinen Kollege Ronnie Peterson mit letzter Kraft aus einem brennenden Autowrack, und hängte bald darauf den Job an den Nagel. Und obwohl er verglichen mit anderen Fahrern eher von seinem Mut zum Risiko als der sportlichen Präzision lebte, hat er den Grand-Prix-Zirkus nachhaltiger geprägt als viele erfolgreichere Piloten nach ihm.

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Er fuhr nicht für große Unternehmen, sondern für die Rennställe von abenteuerlustigen Garagisten wie Bruce McLaren oder Lord Alexander Fermor Hesketh. Männern, die selbst im Cockpit gesessen hatten und den Geruch von Benzin und Schmieröl im Gesicht zeitlebens nicht loswurden. Nach ihm kamen die Automobilkonzerne, kauften sich in diesen total verrückten Jahrmarkt ein und machten Bernie Ecclestone, ein Schlitzohr und einer von den Straßenkötern, der dieses Potenzial schon früh erkannte, unermesslich reich. Das verwegene Playboy-Image der Hunt-Generation waren eine nette Begleiterscheinung, die sich drögen Konzerne sich gerne überstülpten. Im Glamour der Boxengasse schien auch reele deutsche Wertarbeit cool zu flimmern. Die Firmen brauchten die Außenwirkung, den Mythos – bis heute.

Wolfsburg ließ sich von den Meriten der Bewerber blenden

Aber sie wollen schon lange keine gegen den Strich gebürsteten Protagonisten mehr. James Hunt würde heute mit seiner Art, auch mal Fünfe gerade sein zu lassen, schon am Pförtner eines Autokonzerns zurückgewiesen. Ein Daimler oder BMW verkauft sich deshalb, weil er wie ein Uhrwerk schnurrt und nicht, weil der Mann am Steuer dank eines Cocktails im Blut der schnellste ist. PR-Abteilungen schalten die Vermarktung gleich. Der Sport ist eine Ware und Formel-1-Fahrer sind keine Asphalt-Desperados mehr sondern Langweiler, die zu funktionieren haben. Dass Rennroboter wie Michael Schumacher oder Fernando Alonso trotz inhaltlosen Phrasengedresche und einem Ars Vivendi, der an Lustfeindlichkeit kaum zu überbieten ist, dennnoch wie Teufelskerle in heißen Öfen erscheinen, ist der DNA zu verdanken, die in der Hunt-Ära der Formel 1 implantiert wurde.

Eine Entwicklung, die sich auch im gegenwärtigen Personal-Pingpong in der Bundesliga widerspiegelt. Waren früher auch unkonventionelle Lösungen einer Trainerfrage noch möglich, scheint inzwischen jeder Klub nur noch im Sinne seiner Großsponsoren Lobbyarbeit zu betreiben. Beispiel VfL Wolfsburg: Der Klub hat sich bei seiner sportlichen Besetzung wie kaum ein anderer Verein von den Meriten der Bewerber blenden lassen. Nach der Meisterschaft lebte der Werksklub offenbar in der Überzeugung, nun zum erlauchten Kreis der Spitzenklubs zu gehören. In den Fluren von VW war klar: Der Nachfolger von Felix Magath braucht auf jeden Fall einen Titelgewinn im Lebenslauf. Armin Veh kam und erwies sich als Missverständnis. Ihn entließ der Manager Dieter Hoeneß, auch einer von diesen Charakteren, bei denen erstmal die Außenwirkung vielversprechend ist, schließlich trägt der bullige Sturmtank von einst schon im Namen einen Hauch von Weltfußball. Und Hoeneß ist gut im Geld ausgeben. Das hat er schon in Berlin bewiesen. Er kaufte also Diego ein – ebenfalls eine Personalie, die dem Weltkonzern gut zu Gesichte steht – und den gefühlten Weltmeister Arne Friedrich, mit dem Hoeneß seit Jahren ein enges Verhältnis hat. Zumindest auf dem Papier war der Klub aus der Autostadt auf einmal eine edle Adresse im europäischen Fußball. Doch das Ergebnis dieser simplen Gleichung ist bekannt – und spricht Bände.

Ideenarmut in den Entscheiderfluren

Auch in Hamburg schmückte sich das standesbewusste Präsidium um Bernd Hoffmann freudig mit den Meisterweihen des Armin Veh, nachdem es mit dem redegewandten und stets auf sein gutes Äußeres bedachten Bruno Labbadia nicht geklappt hatte. Dass der freundliche Veh schon vor Jahren mal bei Hansa Rostock in den Sack gehauen hat, weil ihm bestimmte Zwänge seitens des Vorstands nicht gepasst hatten, war den Funktionären geflissentlich entgangen. Auch dieses Experiment ging schnell daneben.

Stichwort: Bruno Labbadia, jetzt Trainer in Stuttgart. Nach seinem Engagement in Leverkusen wurde er übrigens in Hamburg Mirko Slomka vorgezogen, der ironischerweise auch als Wolfsburg-Coach gegenüber Armin Veh das Nachsehen hatte. Slomka ist inzwischen in Hannover recht erfolgreich. Den Job dort bekam er allerdings nicht, weil er der Wunschkandidat des Präsidiums war, sondern weil er a) in der Stadt lebte und dem Publikum leicht zu vermitteln war, b) ihm ein guter Draht zur Boulevardpresse nachgesagt wird, was Vorteile in der Außenwirkung bringt und c) weil er schlicht und einfach günstig zu haben war. Ihm war es während seiner Arbeitslosigkeit wie kaum einen zweiten Coach gelungen, bei fast jeder freien Stelle über die Medien als mögliche Option gehandelt zu werden.

Die Situation auf Schalke führt den Mangel an Risikofreude und die Ideenarmut in den Entscheiderfluren der arrivierten Klubs nun schon fast ad absurdum. Nochmal zum Mitschreiben: Da wurde vor Jahren der Trainer Ralf Rangnick vom Hof gejagd, weil er eine zu dicke Lippe riskierte und sich ein paar Niederlagen zu viel geleistet hatte. Zuletzt begab sich der klamme Klub dann in Abhängigkeit zum Sportminister Magath – warum auch nicht, die Papiere stimmen ja: Meisterschaften und Pokalsiege –, der ebenfalls bekannt ist für ein klares Wort und seine Interessen durchzusetzen weiß. Die Sponsoren sind happy, die Fans sind es auch. Als dieser sich dann aber als angeblich rücksichtloser Eigenbrötler entpuppt und ebenfalls ab und an mal verliert, wird er mit dem Vorwurf, Formfehler begangen zu haben, und infolge einer kaum zu überbietenden Aneinanderreihung von Stillosigkeiten zur Kündigung gedrängt. Und die paradoxe Konsequenz: Schalke holt Rangnick zurück?!

Ja, wir sind ein Chaosverein! Was macht denn Rolf Schafstall?

Bleibt nur die Frage: Kann die Verpflichtung des emeritierten Erfolgscoachs Rangnick die groben Verfehlungen in der Außendarstellung bei der Magath-Posse kompensieren? Oder wäre es nicht besser gewesen, in der allgemeinen Befriedigung von Klublobbys an dieser Stelle zu signalisieren: Ja, wir sind ein Chaosverein – und deswegen heißt unser neuer Coach, sagen wir, Rolf Schafstall? Noch nicht einmal Michael Büskens trauen sich die Schalker zu, weil er eher dem Typ Automechaniker entspricht als dem angesagten Trainer-Modell »Versicherungsvertreter mit abgeschlossenem Hochschulstudium«. Etwas mehr Innovation sollte der Konsument eigentlich erwarten dürfen.

Gibt es wirklich nur noch eine Handvoll Trainer in Deutschland, deren Rhetorik, deren Erfolgsstory und deren allgemeines optisches Erscheinungsbild mit der Interessenschablone in Einklang zu bringen ist, die durch sponsernde Großkonzerne, VIP-Ticket-Kunden und Kurvenfans entsteht? Der Fußball lebt wie die Formel 1 von ihren Mythen, ihren großen und kleinen Geschichten. Der Rennsport hat große Zuschauerrückgänge zu verzeichnen. Die Einschaltquoten orientieren sich hierzulande eng an den Erfolgen deutscher Piloten. Es reicht eben auf Dauer nicht, wenn Autos nur schnell, präzise und reibungslos im Kreis fahren. Eine gewisse Eintönigkeit haftem dem gegenwärtigen Trainerkarussel ebenfalls an. Mitunter muss der Fan aufpassen, dass er überhaupt noch mitkommt, wer gerade wo unter Vertrag ist. Was ist nur der Grund, dass die Vereine so mutlos sind?

Jürgen Klopp: Solitär in der europäischen Trainergilde

Beweist aktuell nicht Borussia Dortmund, welche Chancen sich bieten, wenn sich ein Klub von seinem Standesdünkel befreit. Die Fast-Pleite 2003 hat den Verein zur Genügsamkeit erzogen, weg von der Lobbyarbeit, hin zur Experimentierfreude. Beim BVB stehen die sportliche Geschichte und die handelnden Personen in einem gesunden Verhältnis zueinander. Keine Frage, die vielen Faccetten des Jürgen Klopp machen ihn zu einem Solitär in der europäischen Trainergilde. Den würden sich viele Vereine gerne schnitzen. Aber das geht ja nun mal nicht. Dennoch sei an dieser Stelle noch mal daran erinnert: Bei Bayern München hat man sich mal mit ihm unterhalten – und den kantigen Dreitagebartträger für nicht passend befunden. Klopp sagte: »Nicht ich habe entschieden, dass ich nicht Bayern-Trainer werde, sondern das dortige Präsidium.« In diesem Sinne.

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