Zum Nationalelf-Abschied von Philipp Lahm

»Danke, lieber Fugenkitt«

Och menno, gerade war doch alles so super und jetzt das: Philipp Lahm tritt aus der Nationalelf zurück. Unser Abschiedsbrief.

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Lieber Philipp Lahm,

jetzt bist Du weg. Aus der Nationalmannschaft. Noch vor Tagen sahen wir Dich mit dem Goldpokal in der Hand über die Berliner Fanmeile tanzen. Du sahst glücklich aus. Irgendwie befreit. Natürlich, schließlich warst Du Weltmeister und hast all Deine Kritiker endgültig zum Schweigen gebracht. Was so ein Goldpokal alles bewirken kann. Du hast nahezu alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Das ist wertvoll für den Briefkopf. Doch Dein Wert für die Nationalmannschaft war noch viel größer. Denn Du warst über Jahre der Fugenkitt im Dress der Nationalelf. Wo sich Lücken auftaten, sprangst Du ein. Fülltest sie aus, als hättest Du nie etwas anderes getan. Du warst Linksverteidiger, Rechtsverteidiger, Sechser und erledigtest alle diese Aufgaben mit Bestnoten. Und Sternchen. Du bist der Fußballer gewordene Streber. Aber keiner konnte Dich je kopfüber in die Toilette stopfen. Was für eine Leistung.

Wir haben Dich auch konsterniert im Sechzehner herumirren sehen, etwa als sich Mario Balotelli vor zwei Jahren sein Trikot vom Leib riss. Oder als Dir Fernando Torres 2008 im Finale von Wien entwischt war. Es waren historische Bilder, die Dich auch zu einer fußballhistorischen Figur machten.

Was wir Dir allerdings niemals verzeihen können, sind Deine immer gleichen Interviews nach Spielschluss. Sätze aus dem Phrasenbaukasten, Griff ans Ohr, rot geschwollene Augenhöhlen. Da würden wir Dich schon gern mal schütteln und Dir zurufen: »Philipp, sag doch mal, was Du wirklich denkst.« Wahrscheinlich war das zu viel verlangt. Egal. Immer weiter.

Der Erfinder der Klemmgrätsche

Denn meist hinterließt Du bei uns ohnehin nur andächtiges Staunen. Als Du Dir kurz vor der Weltmeisterschaft 2006 in einem unsinnigen Vorbereitungsspiel den Arm brachst, sahen viele Dich vom Krankenbett aus das Turnier verfolgen. Du ließt Dir jedoch einfach einen Gips anlegen und eröffnetest wenige Tage später das Sommermärchen mit einem Schuss in den Winkel. Du entwickeltest notgedrungen Deinen eigenen Signature Move: die Klemmgrätsche, diese Mischung aus Zweikampf und Kontereinleitung, für die wir Dich immer bewundert haben. Du spieltest Fußball wie eine Maschine. Immer korrekt, immer auf Weltklasseniveau. Und als Du bei dieser WM ein, zwei unverständliche Fehlpässe eingestreut hast, war die Nation in Aufruhr. Denn Fehler, die kannte man nicht von Dir. Genauso wenig wie ernsthafte Verletzungen. Wenn Du uns in einer ruhigen Minute mal erklären willst, wie Du all das gemacht, dann sag Bescheid. Wir stellen schon Mal die Apfelschorle kalt.

Und so bleibt uns nichts weiter übrig als Danke zu sagen. Danke, dass Du in der Nationalmannschaft immer funktioniert hast, wie wir das nun mal von Fußballspielern verlangen, obwohl wir selbst alle paar Tage mal heftig verpennen oder einfach keinen Bock auf gar nichts haben. Danke, dass Du Dich nicht an Deinen Posten klammerst wie so manche Ikone vor Dir. Als Kapitän freiwillig auf dem Höhepunkt des Erfolgs das Schiff zu verlassen, das erfordert Mut. Und Cleverness. Hoffen wir nur, dass Du nicht in zwei Jahren schwach wirst und es doch noch einmal versuchen willst. Daran sind viele Große gescheitert. Du bist zwar klein, aber das sollte Dir dennoch erspart bleiben.

Lieber Philipp Lahm, bleibt zu hoffen, dass die Nachwuchsakademien des DFB schnell eine Kopie von Dir heranzüchten, denn im Gefüge von Joachim Löw hinterlässt Du eine gigantische Lücke. Wahrscheinlich wird das nicht gelingen und es bleibt ein großes Fragezeichen. Aber jetzt bist Du erst mal weg. Leider.


P.S: Wir sehen uns in der Bundesliga, oder?

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