04.10.2012

Zum Karriereende von Michael Ballack

Der kleine Kaiser

Seite 2/2: Vom Capitano zum Mann von gestern
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2006, die Weltmeisterschaft daheim. Deutschland spielt und jubelt sich in einen Rausch, die Hauptfigur dieses Sommermärchens heißt Michael Ballack. Er wird nach dieser WM zum FC Chelsea wechseln, aber das weiß in diesen Turniertagen wohl nur er. Deutschland scheidet erst in der Verlängerung des Halbfinals gegen Italien aus. Als sich Michael Ballack von den Zuschauern verabschiedet, fängt er an zu weinen. Deutschland wird nicht Zweiter, Deutschland wird Dritter.

Sie nannten ihn den »Capitano«. Trainer Jürgen Klinsmann hatte diesen Begriff in die Welt gesetzt. Michael Ballack war jetzt nicht mehr der »kleine Kaiser«, nicht mal das »Vize-kusen«-Gesicht, er war jetzt der strahlend-dominante deutsche Überfußballer. Hätte man ihm das Superman-Cape umgelegt, er wäre wahrscheinlich davon geflogen. Vielleicht war er nie wieder so beliebt, wie im Sommer 2006.

15. Mai 2010. FA-Cup-Finale zwischen dem FC Chelsea und FC Portsmouth. Michael Ballack ist im Herbst seiner Karriere. Er ist jetzt 33 Jahre alt. Mit Chelsea hat er zweimal den FA-Cup gewonnen, einmal den Ligapokal, 2009 den FA Community Shield. 2010 ist er endlich auch Meister geworden. Doch kein Bild ist greller im Gedächtnis als das verlorene Finale der Champions League 2008, keiner der Triumphe kann das verlorene Finale bei der Europameisterschaft gegen Spanien überdecken. Immer wieder Zweiter.

Beim FC Portsmouth spielt ein pausbackiger Deutscher namens Kevin-Prince Boateng. Er spielt auf Ballacks Position. Er ist jung, er ist gut. Er wird schon als Ballacks Nachfolger gehandelt. Ballack ist noch immer ein wenig Capitano, vielleicht ist auch ein Rest vom kleinen Kaiser geblieben. Aber eigentlich ist er ein alternder Platzhirsch, ein Anführer, der seine Macht nicht mehr nur mit Klasse, sondern mit Gewalt verteidigen muss.

Schon früh im Spiel geraten Ballack und sein möglicher Nachfolger aneinander. Ballack hat in einem Kopfballduell wild mit den Armen gerudert, Boateng geigt ihm die Meinung. Ballack verpasst ihm eine schnelle Ohrfeige. So nicht, junger Padawan! Die Tätlichkeit wird nicht bestraft. Jedenfalls nicht vom Schiedsrichter.

Man sah Bilder in der Zeitung, wie er einsam an einem Hotelpool hockte, den lädierten Knöchel ruhig gestellt. Die Verletzung, verursacht durch den Tritt von Boateng, kostete Ballack die Teilnahme an der WM 2010 und Kevin-Prince Boateng die DFB-Karriere. Ohne Ballack, ohne den Capitano, würde Deutschland bei der WM keine Chance haben. Was für eine Fehleinschätzung.
Vier Wochen später hatte sich der deutsche Fußball neu erfunden, und Michael Ballack war nicht mehr verletzter Heilsbringer, sondern ein Fußballer aus einer anderen Zeit. Einer Epoche des deutschen Fußballs, die im Licht der Özils, Müllers und Khediras plötzlich so hässlich und verbraucht und abgehalftert wirkte. Ballack war das Gesicht dieser Epoche. Ballack brauchte jetzt kein Mensch mehr.

In zwei Jahren für Bayer Leverkusen hat Ballack 33 Spiele gemacht, zwei Tore geschossen, zwei vorbereitet. Nicht der Rede wert. 2011 verlor er endgültig seinen Platz in der Nationalmannschaft. Nach 98 Länderspielen. Das Angebot, bei seinem 99. DFB-Auftritt offiziell verabschiedet zu werden, lehnte Ballack beleidigt ab. Viele haben ihn verstanden. Einem der größten Spieler des Landes das runde Jubiläum zu versauen, das schaffen nicht viele Verbände.

Da kann die Geschichte noch so gut sein, wenn das Ende nicht stimmt, ist die schönste Story verhunzt. Die Karriere von Michael Ballack hätte auf jeden Fall ein besseres Schlusskapitel verdient. Was bleibt, ist der letzte Eindruck. Und der schmeckt nach Boateng-Tritt, verpasster WM, Schwulencombo, und dem Satz: »Wenn jetzt so getan wird, als sei man mit mir und meiner Rolle als Kapitän der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft jederzeit offen und ehrlich umgegangen, ist das an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten.«

Michael Ballack, der ewige Zweite. Der irgendwie Unvollendete. Der eigentlich mehr gewann, als das er verlor. Jedenfalls auf dem Papier. Gefühlt aber ist Ballack vielleicht die tragischste Figur unter den großen Spielern der deutschen Fußballgeschichte. Er ist nie Weltmeister geworden wie Fritz Walter, Franz Beckenbauer oder Lothar Matthäus. Er hat nie die Champions League gewonnen wie Stefan Effenberg. Er wurde zum Abschied nicht auf Schultern vom Platz getragen wie Uwe Seeler. Er wird auf immer und ewig Michael Ballack sein, der Mann mit den großen Niederlagen.

Vielleicht kann der deutsche Fußball irgendwann damit seinen Frieden machen.

 
 
 
 
 
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