Zum Karriereende von Michael Ballack

Der kleine Kaiser

Michael Ballack hat seine Karriere beendet. Vielleicht war er der größte deutsche Fußballer seit Lothar Matthäus, auch wenn ihm bis heute der Makel des Verlierers anhaftet.

Journalisten stellen Fußballern nach ihrer Karriere gerne die Frage: »Was würden Sie als das Highlight Ihrer Laufbahn bezeichnen?« Man hofft auf die eine bedeutende Geschichte, an der sich Spiele, Monate, Jahre, Siege und Niederlagen irgendwie festmachen lassen, ein Anker, der das bewegte Fußballer-Leben auf einen Moment verdichtet.

Fußballer hassen diese Frage.

Weil es ihnen unmöglich ist, die eine bedeutende Geschichte zu nennen und voller Überzeugung als Schlüsselmoment ihrer Karriere zu bezeichnen. Fußballprofis erleben eine ganze Menge. Große Fußballer haben hunderte solcher Anekdoten zu erzählen.

Bei Michael Ballack ist es sogar noch komplizierter. Denn Ballack war kein großer Spieler, er war vielleicht der größte deutsche Fußballer seit Lothar Matthäus. Jetzt hat er mit 36 Jahren seine Karriere beendet. Er wird viel zu erzählen haben, wenn ihn jemand nach den Höhepunkten seiner Laufbahn befragen wird.

Da ist jene Saison 1997/98, als der Aufsteiger 1. FC Kaiserslautern sensationell die Deutsche Meisterschaft gewinnt. Der damals schon recht alte Trainer Otto Rehhagel führt seine im Schnitt schon recht alte Mannschaft völlig überraschend zum Titel. Mit dabei: Ein hochgewachsener Schlacks mit dunklen Locken und einem kleinen Dauergrinsen im Gesicht, das irgendwie überheblich wirkt und an die Burschi-Schnösel mit den Wachsjacken erinnert. Michael Ballack, 1997 vom Chemnitzer FC nach Kaiserlautern gewechselt, macht 16 Spiele, davon drei zu Beginn, und schneidet sich sein eigenes Stück vom Meisterkuchen ab.

Sie nannten ihn damals den »kleinen Kaiser«, weil er, den Rücken stets durchgestreckt wie ein Soldat beim Morgenappell, so erhaben über den Fußballplatz marschierte, dass sich die Nostalgiker sofort an den großen Kaiser Beckenbauer erinnerten. Es hatte schon schlimmere Vergleiche gegeben.

Da ist der 34. Spieltag der Saison 1999/2000. Bayer Leverkusen, die beste Mannschaft der Spielzeit, benötigt gegen die SpVgg Unterhaching nur einen Punkt, um Deutscher Meister zu werden. Einen lumpigen Punkt. Gegen Unterhaching. Nach 21 Minuten rutscht Michael Ballack in eine Flanke von Danny Schwarz und erzielt ein Eigentor. Im Umkreis von fünf Meter ist kein einziger Gegenspieler zu sehen. In der 72. Minute gelingt Markus Oberleitner per Kopf das 2:0. Leverkusen ist geschlagen.

Kommentator Werner Hansch polterte damals: »Der Pass von Schwarz eher harmlos. Den hätte er doch überall hinhauen können – meinetwegen auf die Tribüne! Aber Michael Ballack: Das erste Eigentor seiner Karriere.« Ballack hatte eine überragende Saison gespielt. Ein Blackout hatte ihn zum Deppen der Saison degradiert.

Da ist das Finale der Champions League 2002. Das legendäre Tor von Zinedine Zidane. Mit links volley in den Winkel. 2:1, aus die Maus. Die ganze Welt labt sich am Geniestreich des Franzosen. Nur wenige achten bei den Wiederholungen in Dauerschleife auf den Spieler hinter Zidane, der zwei Schritte zu spät kommt, um die Direktabnahme zu verhindern. Es ist Michael Ballack.

Aus Bayer Leverkusen wurde »Vize-kusen«, jene Mannschaft, die zwar wunderbar Fußball spielte, aber nie einen Titel gewann. Zweiter im DFB-Pokal, Zweiter in der Liga, Zweiter in der Champions League. Ballack führte die Nationalmannschaft anschließend bei der WM 2002 ins Finale. Er spielte so herrlich erfolgreichen panzerdeutschen Fußball, dass am Ende niemand mehr wusste, wie es diese Auswahl eigentlich ins Endspiel geschafft hatte. Im Halbfinale gegen Südkorea stoppte Ballack einen erfolgversprechenden Angriff des Gegners mit einem Foul. Schiedsrichter Urs Meier zeigte Ballack Gelb, sperrte ihn damit für das Finale. Wenige Minuten später erzielte Ballack das entscheidende 1:0. Ohne ihn wurde Deutschland Zweiter, Michael Ballack dafür ins »All-Star-Team« gewählt, später gar zu »Deutschlands Fußballer des Jahres 2002« gekürt. Vielleicht war er nie wieder so gut wie in diesem Jahr. Er hatte vier große Titel im letzten Moment noch verloren.

Da ist das DFB-Pokal-Finale 2003 zwischen Bayern München und dem 1. FC Kaiserslautern. Die Bayern gewinnen mit 3:1, gegen seinen alten Klub schießt Michael Ballack zwei Tore und gewinnt endlich seinen ersten Titel als Stammspieler. Erinnert sich noch jemand daran?

Sechs Millionen Euro hatte Ballack nur gekostet. Irgendwie passte er perfekt zu den Bayern. Der beste Fußballer Deutschlands, ein wenig schnöselig, ein wenig überheblich. Zumindest auf den ersten Blick. Wie die Bayern, das passte. Aber auch wieder nicht. Die Titelmaschine und der »ewige Zweite« Michael Ballack? Ballack war nicht nur nach München gekommen, um viel Geld zu verdienen und viele Spiele zu gewinnen, er war auch hier, um sich von seinem Ruf zu befreien.

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