Zum Glück vorbei: Das Sommermärchen

Goodbye, McKlinsi!

Auch wenn Klinsi so schön grinsen kann, sollten wir eines nicht vergessen: Das so genannte Sommermärchen war der halb wahrgewordene Traum effizienzbesessener Willenskraftmeier. Ein Rückblick. Imago „Wir sin die, wo gewinne wellet.“ (Jürgen Klinsmann, 2006)

„Das Effizienzprinzip hat einen Namen: McKinsey“, schreibt Dirk Kurbjuweit in seinem Buch über die „Diktatur der Ökonomie und ihre Folgen“. Die globale Unternehmensberatungs-Agentur McKinsey ist zur Metapher für die kalte Diktatur der sich rechnenden Nützlichkeit geworden. Mit Fußball-Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat das Effizienzprinzip in den letzten Jahren ein freundliches Gesicht bekommen. McKinsey mit menschlichem Antlitz heißt seither „McKlinsi“.

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Was McKlinsi seinen Spielern bei der Vorbereitung zur WM predigte, möchte er allen Deutschen ins Stammbuch schreiben: Die Spieler – und wir alle - müssen wieder intensiver trainieren, das heißt mehr arbeiten. Die Eigenverantwortung des Einzelnen und der Glaube an sich selbst sind täglich zu stärken; dazu sind alle Mittel erlaubt, auch die Voodoo-Methoden des afroasiatischen Gottesanbeters Xavier Naidoo. Jeder Spieler besitzt körperliche und mentale Reserven, die mit wissenschaftlicher Unterstützung zu aktivieren sind. Unausgeschöpfte Ressourcen werden in „unserem rohstoffarmen Land“ nicht länger geduldet. Ein Spieler mit dem Kampfnamen „Ente Lippens“, der von sich sagt, er habe als Fußballer nie eine Chance hastig vergeben, sondern lieber gemütlich vertändelt, wäre in der McKlinsi-Welt eine Persona non grata. Wer nicht an sein Limit geht, fliegt raus. Auch mittelmäßige Begabungen können Weltmeister werden, sagt McKlinsi, wenn nur die Fitness stimmt, der Siegeswille ungebrochen und der Mannschaftsgeist überragend ist. Alles drei lässt sich systematisch erzeugen, deshalb gehören body-gebildete Physio-Profis und freudianisch geschulte Psycho-Gurus zum engen Trainerstab.

Wir überlassen nichts dem Zufall

Während man sich daheim akribisch vorbereitet, von Laktatwerten und Gruppendynamik bestimmen lässt, sind Spione („Benchmarking-Scouts“) in aller Welt unterwegs, um ebenso akribische Dossiers über unsere Gegner anzufertigen. Wir überlassen nichts dem Zufall. Vor dem Elferschießen stecken wir Goalie Lehmann einen Spickzettel in den Stutzen, auf dem die Gewohnheiten der gegnerischen Schützen verzeichnet sind. Das ist McKlinsis technokratisches Credo der Humanipulation: Spieler sind Menschen, und Menschen sind auch nur Maschinen, die man tunen kann. Was zählt, ist der Erfolg, und der ist wissenschaftlich programmierbar, also „just in time“ machbar. Auch eine WM ist nichts weiter als ein zeitlich befristetes „Projekt“ mit einem „Kerngeschäft“, das im Juni / Juli zu tätigen ist. Das von McKlinsi am 9. Juli 2006 beendete Zweijahres-Projekt trug den an amerikanische Weltraumexpeditionen erinnernden Namen „Challenge 2006“. Leider konnte es den „Standortvorteil“ leider nur suboptimal nutzen. Wer 2002 in Japan Zweiter wurde, muss 2006 zu Hause, mit 82 Millionen Fans im Rücken, Erster werden. – Leider gab es keine „Punktlandung“. Wir müssen also noch mehr an uns arbeiten und noch fester an uns glauben. Nur eines dürfen wir nicht: zur Ruhe kommen. „Stillstand ist Rückschritt.“

Jürgen Klinsmann ist der prototypische Fußballtrainer der McKinsey-Gesellschaft: große Schnauze, bescheidener Erfolg und kleines Durchhaltevermögen, weil die Methode, das „Immer-auf-Adrenalin-sein“, ihren Propheten, den fassadären Sunny-Boy, derart erschöpft, dass er Monate braucht, um wieder aus der kalifornischen Versenkung aufzutauchen.

Vor genau einem Jahr ging das „Sommermärchen“ zu Ende. Heute wissen wir, nachdem der Sand aus den Augen gerieben ist: Es war wirklich ein Märchen. Von den vorausgesagten „bis zu 50 Tausend neuen Arbeitsplätzen“, die die WM als „Job-Motor“ schaffen werde, ist nicht viel übrig geblieben. Dieser Tage meldet die Arbeitsagentur der WM-Stadt Frankfurt am Main, dass die WM 250 Vollzeitjobs hinterlassen habe. Der Einzelhandel bilanziert für die WM-Monate Juni/Juli 2006 sogar einen Umsatzrückgang im Vergleich zu denselben Monaten des Vorjahres, den man auf den „Couch-Potato-Effekt“ zurückführt. Aber die vielen Touristen! 1,3 Millionen ausländische Gäste waren wegen der WM in Deutschland. Sie haben ungefähr jene Besucher ersetzt, die wegen des Sporttrubels und der Befürchtung höherer Preise weggeblieben sind, ein Nullsummenspiel also.

Und dennoch: 2006 war schön! Während alle Welt alle Hebel in Bewegung setzt, um im internationalen Guinness-Theater irgendwo die Nummer Eins zu sein, freute man sich in Deutschland irrsinnig über Platz drei. Das zeugt von guten, aber leider vorgestrigen Manieren. Als guter Gastgeber lässt man gefälligst den Gästen den Vortritt, langjährigen Erbfeinden (Frankreich) und unselig Verbündeten (Italien) zumal.

Chapeau, Deutschland! Adieu, McKlinsi!


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