Zum Foul von Johannes Geis an André Hahn

Alle mal durchatmen

Nach dem Foul von Johannes Geis gegen André Hahn kocht die Fanseele. Dabei wäre es besser, Szenen wie diese nicht reflexartig zu bewerten, meint unser Autor.

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Das Gute vorweg: Die Reflexe hiesiger Fußballfans sind weiterhin erstklassig. Denn bereits Sekunden nach dem Foul von Schalkes Johannes Geis gegen André Hahn kochte die Fanseele von München bis Kiel. Der Tenor in Kneipen und sozialen Netzwerken war eindeutig: Brutalo-Geis ist ein mieser Knochenbrecher, der lebenslang gesperrt gilt. Mindestens. 

Grausame Bilder

Und tatsächlich, der Anblick der Bilder ist grausam. Geis zetrümmerte dem gerade erst eingewechselten Hahn mit gestrecktem Bein den Unterschenkel, der Gladbacher Mittelfeldspieler wird mit einer Fraktur des Schienbeinkopfes und einem Riss des Außenmeniskus monatelang ausfallen. Es bleibt zu hoffen, dass Hahn wieder möglichst schnell auf die Beine kommt. Und je öfter man das Foul in verschiedenen Zeitlupen und Kamerawinkeln betrachtete, umso schlimmer wurde es. Dass Schalke 04 zu diesem Zeitpunkt mit 1:2 zurücklag, ließ für Blitzmerker natürlich den Schluss zu, dass Geis aus Frust sein Opfer ins Krankenhaus getreten hat. Doch das ist zu kurz gedacht. 

90 Minuten Stress

Der Fußball hat sich in den letzten zehn Jahren massiv verändert. Das Spiel ist dynamischer, schneller, hektischer geworden. Spieler und Schiedsrichter müssen in jeder Sekunde des Spiels Entscheidungen treffen, von denen sie wissen, dass sie eine mediale Lawine auslösen können. Im Wirrwarr aus Pressing, Gegenpressing und erhöhtem Gegnerdruck suchen Spieler zwangsläufig das Risiko, um im Duell mit dem Gegner zu bestehen. Ohne diese Bereitschaft würden sie im Profizirkus nicht bestehen. Dass dabei noch 40.000 Zuschauer um sie herum toben, erzeugt Stress, den jemand, der das noch nie erlebt hat, nicht einschätzen kann. 

Dieser Fußball ist ein anderer Sport

Aus dem Spiel von einst ist eine Hochgeschwindigkeitsveranstaltung geworden, die nichts mehr mit dem zu tun hat, was Woche für Woche auf den Amateursportplätzen der Republik passiert. Genau genommen ist Profifußball eine andere Sportart, die man dementsprechend anders bewerten muss. Das Foul von Geis war knallhart. Aber es war eben nicht vorsätzlich, sondern unglücklich. So etwas passiert, wenn 44 Beine im höchsten Tempo über das Feld jagen. So schlimm es auch ist. 

Es ist unfair, das Handeln des Spielers anhand von Zeitlupen zu bewerten. Natürlich erkennt jeder eine Abseitsposition nach der dritten Kameraeinstellung. Die hat ein Linienrichter nicht. Und natürlich sehen viele Fouls in Zeitlupe aus wie ein Mordanschlag. Ein Spiel im Dauersprint kann nicht an Analysen von Fragmenten in Zeitlupe bewertet werden. Sie können nicht die Grundlage einer Diskussion sein. Sie können nicht der Ausgangspunkt sein, um Menschen an den Pranger zu stellen. 

Wir müssen umdenken

Das ist kompliziert. Das wird so manches Stammtischgespräch verändern. Aber dieses Umdenken ist notwendig, um den Profifußball nicht noch weiter zu überhitzen. Es ist nicht gesund, jede strittige Aktion von sogenannten Experten sezieren zu lassen und ihre Meinung als Gesetz anzusehen.

Johannes Geis hat sich übrigens nach dem Abpfiff bei André Hahn entschuldigt. »Mir tut das schlimme Foul an André sehr Leid und ich entschuldige mich bei ihm, seiner Familie, dem Verein und allen Fans. Ich habe ihn in der Situation nicht richtig gesehen und habe seine Bewegungen falsch eingeschätzt«, schrieb er heute auf seiner Facebook-Seite und ergänzt: »Ich verstehe, dass viele Menschen aufgebracht sind und ihre Emotionen hier auf meiner Seite rauslassen. Ich kann es komplett verstehen. Allerdings würde ich darum bitten, den nötigen Anstand zu bewahren.« Dem ist nichts hinzuzufügen.

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