Zum defätistischen Trotz beim VfL Bochum

Vielleicht doch nicht so scheiße

Oft erwies sich die Anwesenheit des VfL Bochum als olympisch: Dabeisein war alles. VfL-Fans unken daher gerne: »Woanders is auch scheiße.« Christoph Biermann erklärt, warum man demnächst vielleicht umtexten muss. Zum defätistischen Trotz beim VfL Bochumimago

Wenn Frank Goosen derzeit mit seinem Programm »Radio Heimat« durch die Lande reist, gibt's zum Warmmachen ein Mitmachspiel für das Publikum. Der Kabarettist und Autor outet sich darin als Fan des VfL Bochum und erntet in Braunschweig und Berlin, Kassel oder Kaarst stets mitfühlendes bis abschätziges Gelächter. Unerschüttert fragt Goosen dann in den Saal, wie viele Spielzeiten der Klub denn wohl in der Bundesliga verbracht hat. Der bisherige Rekord der Publikumsantworten liegt bei 25 Jahren, meisten wird ein gutes Dutzend Spielzeiten geschätzt.

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Sollte dem VfL Bochum in den Relegationsspielen gegen Borussia Mönchengladbach der sechste direkte Wiederaufstieg in die Bundesliga gelingen, wird Goosen die verblüfften Zuschauer auf 35 Erstligaspielzeiten hineisen können. Das sind mehr Jahre in der höchsten Spielklasse als der 1. FC Nürnberg, Hertha BSC, Hannover 96, der SC Freiburg, Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg dort verbracht haben, von Hoffenheim ganz zu schweigen. Aber natürlich ist das kein Argument, denn oft genug erwies sich die Anwesenheit des VfL Bochum vor allem als olympisch: Dabeisein war alles. Der Klub hat weder eine Meisterschaft noch einen Pokal gewonnen, landete nur zwei Mal im ersten Drittel der Tabelle und hält den Rekord für die meisten Heimniederlagen in der Bundesliga.

Goosen, der in Bochum geboren und aufgewachsen ist, hat einen Satz gefunden, der eine weitverbreitete Haltung im Ruhrgebiet zusammenfasst. »Woanders ist auch scheiße«, heißt er, und besser kann man den defätistischen Trotz im Ruhrpott – oder ist es trotziger Defätismus? – nicht auf den Punkt bringen. Man könnte ihn auch als Sinnspruch am Stadion des VfL Bochum anbringen. Ebenfalls zur Auswahl stände auch noch der fürs Ruhrgebiet typische Generalskeptizismus: »Dat wird doch sowieso nichts.«

Selbst der Slogan »Wir sind unbeugsam« hört sich hüftsteif an

Nun gibt es sicherlich eine Menge ernstzunehmender Gründe, weshalb es mit dem Aufstieg des VfL Bochum diesmal nichts wird. Schließlich hat Borussia Mönchengladbach unter Lucien Favre zuletzt nicht nur gepunktet, sondern oft genug auch stark gespielt. Vom VfL Bochum konnte man das kaum einmal sagen, er hat unter Friedhelm Funkel eine Spielweise entwickelt, die man höflich als zäh beschreiben könnte.

Doch selbst wenn der VfL Bochum erstmals ein zweites Jahr in der 2. Liga spielen sollte, wird in Umrissen ein Klub erkennbar, der sich von altem Ruhr-Trübsinn entfernt. Goosen ist Mitglied eines neuen Aufsichtsrats beim VfL Bochum, der den Mehltau zu entfernen begonnen hat, der sich in den letzten Jahren immer mehr über dem Klub gelegt hatte. Dazu gehörte ein latentes Minderwertigkeitsgefühl gegenüber den großen Nachbarn aus Schalke und Dortmund, Jammerei über wirtschaftliche Nachteile, ziemlich biederes Auftreten und eine latenten Geringschätzung der eigenen Geschichte. Selbst der kämpferische Slogan »Wir sind unbeugsam«, den sich der VfL Bochum gegeben hatte, hörte sich irgendwann eher hüftsteif an.

Keine Drama-Queen, kein cooler Underground-Klub

Nun wird sich das Fahrstuhlteam von der Ruhr weder umweglos in eine glamouröse Drama-Queen des Fußballs verwandeln noch übermorgen ein cooler Underground-Klub sein. Doch seit im Frühjahr die gefühlt hundertjährige Regentschaft des ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Werner Altegoer zu Ende gegangen ist, beginnt die saure Muffigkeit zu verfliegen. Das zeigt etwa die fast schon spektakuläre Basisnähe, als einen Samstagvormittag lang fast 250 Mitglieder des Klubs mit Vorstand und Aufsichtsrat über die Zukunft des VfL Bochum diskutierten. Die gesamte Nachwuchsarbeit wurde kürzlich ebenfalls umgestaltet, und seit einigen Monaten geht es auch auf den Rängen nicht mehr so übellaunig zu, wie das lange der Fall war.

Diesen Entwicklungen würde die Titelverteidigung natürlich helfen, als einziges Team, nach Bundesligaabstiegen immer wieder direkt zurückgekehrt zu sein. Aber auch so macht sich im Moment das zarte Gefühl breit, dass Goosen demnächst umtexten muss, weil es in Bochum vielleicht doch nicht so scheiße ist wie woanders.

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