Zum Ausscheiden der USA

Sommermärchen interruptus

Jürgen Klinsmann verabschiedet sich nach einem adrenalingetränkten Achtelfinale gegen Belgien von der WM. Das Turnier für sein US-Team endet, doch die Reformierung des amerikanischen Fußballs will der Schwabe weiter vorantreiben

imago

Als Schluss war, brachen seine Spieler reihenweise auf dem Rasen zusammen. Die US-Boys hatten am Limit gespielt. Keeper Tim Howard hatte mit 16 abgewehrten Torschüssen das Spiel seines Lebens gemacht. Seit 1966 hatte kein Torwart mehr so viele Bälle in einem WM-Spiel gehalten. Es hatte dennoch nichts genutzt. Nebenan polterte sein belgischer Kollege, Marc Wilmots, mit der Vehemenz eines Wirtshaus-Patrons auf den Rasen, um mit seinen Leuten den Viertelfinaleinzug zu feiern. Von Jürgen Klinsmann aber schien in diesem Moment alle aufgestaute Anspannung abzufallen. Wie er da von einem Spieler zum nächsten schlenderte, erinnerte er fast ein wenig an Franz Beckenbauer bei dessen legendärem Spaziergang auf dem Rasen von Rom nach dem WM-Finale 1990.

Es waren 120 adrenalingeladene Minuten gewesen. Klinsmann hatte sie mit jeder Faser seines Körpers durchlebt. Wenn es brenzlig wurde vor dem US-Tor, saß er ängstlich in der Hocke. Dann stand er wieder lässig an die Bank gelehnt und plauderte mit seinem Assistenten Andreas Herzog, der an der Seite des feingliedrigen Schwaben im engen Trainingsanzug mitunter wie der feiste Hausmeister eines Provinzsportplatzes wirkt. Klinsmann hatte seine Spieler mit rudernden Fäusten nach vorne getrieben, mit Klatschen zum Weitermachen angefeuert und mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf den vierten Offiziellen eingeredet. Doch all die Mühe war vergeblich angesichts der Beharrlichkeit, mit der die Belgier auf das Tor von Tim Howard anrannten. Als schließlich der Abpfiff ertönte, hatte Jürgen Klinsmann bereits seinen Frieden mit der Situation gemacht – so wie es große Sportsmänner im Augenblick der Niederlage gemeinhin tun.
»Es war ein großes Drama«, sagte er später, »in der Verlängerung waren wir wieder dran. Doch am Ende müssen wir uns eingestehen, das Spiel schon vorher verloren zu haben.« Der Auftritt seiner Mannschaft in Brasilien war der bisherige Höhepunkt in Klinsmanns Amtszeit als US-Coach. Vor dem Turnier hatte er offen gelassen, ob er seinen Vertrag, der noch bis 2018 läuft, tatsächlich erfüllen werde. Er machte seinen Verbleib vom Auftritt des Teams in Brasilien abhängig. Als er unmittelbar nach dem Achtelfinale aber gefragt wurde, ob er bei der WM in Russland noch auf der Bank der USA sitzen würde, antwortete Klinsmann trocken: »Ja, werde ich.«

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