Zum Abstieg von Europas Größen

Schöne alte Erdbeerwelt

11FREUNDE-Redakteur Alex Raack wuchs auf in einer Zeit, da Sampdoria Genua, der AS Monaco und Deportivo La Coruna noch echte Größen in Europa waren. Jetzt sind sie alle abgestiegen. Und Raack fragt sich, woran er überhaupt noch glauben soll. Zum Abstieg von Europas Größen

Fußball ist wie Mülltrennung. Jahrelang trennte ich treu den anfallenden Hausmüll, selektierte den Abfall in Kompost, normalen Dreck und Plastik für den gelben Sack. So hatte man es mir beigebracht. Anständige Mülltrennung gehörte zu meinem Weltbild dazu. Hatte ich Durst, trank ich Wasser. Hatte ich Hunger, aß ich ein Brot. Und machte ich Müll, trennte ich ihn. Bis ich mir eines Tages eine Dokumentation über deutsche Müllverbrennungsanlagen anschaute. Ein kurzweiliger Bericht über hochmoderne Riesen-Maschinen, denen die Müllwagen ihr stinkendes Transportgut in den Rachen kippten und die anschließend selbstständig mit Magneten, Lasern und wasweißichnichtalles den ganzen Dreck so akkurat trennten, wie ich es im Leben niemals hinbekommen hätte. Diese müllrülpsenden Geräte, sprach die weise Fernsehstimme, würden das private Abfalltrennen der braven deutschen Bürger im Grunde genommen überflüssig machen. Welch ein Schlag ins Gesicht. Etwas, das so einleuchtend zu meinem Alltag gehörte – in 45 Minuten zerstört.

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Und jetzt das: Deportivo la Coruna, der AS Monaco und Sampdoria Genua sind aus ihren jeweiligen nationalen Eliteligen abgestiegen. Abgestiegen, ausgestoßen, nicht mehr zugehörig. Ich kann das nicht begreifen. Denn diese Mannschaften gehörten für mich zum europäischen Spitzenfußball wie die Mülltrennung zum häuslichen Alltag.

War es nicht erst gestern, dass Depor mit Roy Makaay und dem wunderbaren Diego Tristan – einer Mischung aus einem römischen Kaiser und einer PS-starken Dampfwalze – die Champions League rockte? Die Bayern verprügelte? In Spanien nach Barca und Real Madrid die interessanteste Mannschaft war?

Stand der AS Monaco nicht erst vor wenigen Wochen noch im Champions-League-Finale, angeführt von dem wunderbaren Ludovic Giuly, der einst ein so sagenhaftes Seitfallziehertor erzielte, dass ich mir beim Versuch, dieses Kunststück nachzuahmen, beinahe die Hüfte gebrochen hätte?

Und: War es nicht Sampdoria Genua, dieser Klub mit den schönen Trikots, der noch vor Monaten fast den FC Barcelona im Europapokal bezwungen hätte, lediglich geschlagen, durch einen gewaltigen Dampfhammer des niederländischen Quadratschädels Ronald Koemann?

Wie ein Schiffbrüchiger an die Planke

Ja. Ja. Ja. So war es, so wird es nicht mehr sein. Gut möglich, dass ich die negativen Entwicklungen dieser drei frischen Absteiger in den vergangenen Jahre einfach übersehen habe. Sehr gut möglich sogar, dass ich mich an meine alten Vorstellungen von Glanz und Gloria klammere wie ein Schiffbrüchiger an die letzte Holzplanke. Aber erneut wird meine kleine Erdbeerwelt erschüttert. Durch Veränderungen, die nun einmal passieren. Aber ich wehre mich dagegen, Akzeptanz gehört – jedenfalls in einigen Bereichen – nicht zu meinen Stärken. Was Fußball angeht, komme ich mir jedenfalls manchmal vor wie ein alter Sack.

Was soll man nun daraus lernen? Dass Mülltrennung überflüssig ist und die verschleierten Erinnerungen an ehemals große Zeiten ehemals großer Mannschaften so unnütz sind wie Regenjacken in der Wüste? Vielleicht. Aber ich habe Glück. Ich habe eine Freundin, die weiter fleißig Müll trennt und zwar – Vorsicht, Totschlagargument! – aus Prinzip. Und ich sitze in einem Büro mit Menschen, die noch immer daran glauben, dass Schalke 04 bald Deutscher Meister wird und der Geist von Ernst Happel weiterhin durch Hamburg weht. Das tut gut, ich bin nicht allein. Depo, Monaco, Sampdori – kommt bald wieder! Ich warte so lange auf euch.

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