Zum Abschiedsspiel des Kaisers

»Danke, Franz Beckenbauer!«

Mehr als 30 Jahre ist es her, dass Franz Beckenbauer das letzte Mal offiziell für den FC Bayern auflief. Am Freitag bekam er sein Abschiedsspiel und königlichen Besuch. Wir waren im Stadion und schwenkten das weiße Taschentuch. Zum Abschiedsspiel des Kaisers

Freitag 13. August 2010, das Allianz Schlauchboot färbt sich langsam rot, die Masse strömt in Richtung Stadion und der Münchner Himmel verdrückt die ersten Abschiedstränen. Der Kaiser wird verabschiedet.

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Wie es sich für einen Kaiser eben gehört, schnürt er nicht selbst die Fußballschuhe, sondern lässt spielen. Und nicht irgendwer kickt zum Abschied der Legende: Der FC Bayern München hat Real Madrid zum Fest eingeladen. Auf dem Papier ein Champions-League-Finale, aber heute eher ein Freundschaftsspiel. Das Stadion ist restlos ausverkauft, die Ränge voll von bayerischen Vorzeigefamilien, und auf dem Rasen versucht Stadionsprecher Stephan Lehmann den Glanz dieses Spiels künstlich heraufzubeschwören. Zur Seite steht ihm ein überdimensionierter Segelohr-Pokal, der dem Pokal der Champions-League erschreckend ähnlich sieht. »Um dieses Schmuckstück geht es heute: Den Franz-Beckenbauer-Cup!«, grölt Lehmann ins Mikro.

Zwei Worte: »Danke, Franz Beckenbauer!«  

Aber erstmal soll auf das Leben des Kaisers zurückgeblickt werden. Rummenigge schlendert auf den Platz und schmiert Franz den gewohnten Honig um den Mund. Es fallen Worte wie »einzigartig«, »Persönlichkeit«, »wichtig« und »unglaublich«. Unglaubliche Gedichte behält er dieses Mal allerdings für sich. Es folgt ein Video, das seine Karriere zusammenfassen soll. Nachdem er noch kurz mit dem ewig gutgelaunten Lehmann am Mittelkreis plaudert, soll das junge Publikum erfahren, was dieser Herr da unten auf dem Rasen alles geleistet hat. Beckenbauer schleicht währenddessen vom Platz. Kennt er alles schon. Er war dabei. Bevor es mit Fußball weitergeht, verzählt sich Lehmann noch im Buchstabeneinmaleins. WIe einst Horst Hrubesch (»Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank!«) ruft er dem Kaiser hinterher: »Zwei Worte können diesen Abend zusammenfassen: Danke, Franz Beckenbauer!«    

Endlich soll Fußball gespielt werden. Die Mannschaften laufen in Starbesetzung (München mit u.a. Jüllich, Contento, Pranjic und Sosa, Madrid mit Ramos, Xabi Alonso, Ronaldo und Khedira) auf. Beckenbauer darf den Anstoß ausführen. Lässig steht er da mitten im Stadion, eine Hand in der Tasche. Er schiebt die Kugel zu Cristiano Ronaldo. Dieser hat nichts besseres zu tun, als den Ball kunstvoll anzunehmen, kurze Körperdrehung und der Ball klemmt zwischen der neonorangefarbenen Hacke und seinem Allerwertesten. Respekt sieht anders aus. Aber jetzt darf gespielt werden. Man erwartet jetzt Sprechchöre für den scheidenden Kaiser, laute Choreographien zum Dank der Lichtgestalt, doch das Einzige was folgt ist – Stille. Fünf Minuten pure Stille, wie auf einer Beerdigung. Man kann es fast Glück nennen, dass Ribery nach sieben Minuten im Strafraum umgemäht wird und das Stadion nun endlich aufwacht und »BUTTBUTTBUTT« fordert. Doch die johlende Masse bekommt statt Butt Badstuber, der Casillas freundlicherweise die Pille vom Elfmeterpunkt in die Arme schiebt. Also immer noch 0:0. Alles andere wäre auch übertrieben. 

Die älteren Herren beschweren sich, wenn man bei Strafraumszenen aufspringt und ihnen die Sicht verdeckt. Kommt ja zum Glück nicht so oft vor. Hin und wieder zaubert Ronaldo auf der Außenbahn, kämpft sich Ribéry in den Strafraum und wird von Ramos weggebügelt. Heiteres Rauf und Runter. Nicht nur auf den grauen Sitzschalen. Doch das Stadion bleibt schweigsam und klatscht höchstens mal in die Hände und fordert ein Tor der Bayern. Ein einsamer Fan, das Bier in der Hand ist nicht sein erstes und wohl nicht das letzte, gröhlt »Viva España!« Leichtes Schmunzeln um ihn herum. Dann ein Pfiff! Ah, Halbzeit. Zwei Bier, neun Euro in bar, die scheinbar direkt in die Tasche des Biermanns wandern und weiter geht’s.

Die »La Ola« wird vertagt

Das Spiel plätschert weiter vor sich hin und in wenigen Momenten blitzt diese höchkarätige Klasse auf, die dort unten spielt. Müller schießt aus allen Lagen, Ronaldo dribbelt gewohnt überheblich und Casillas scheint mal wieder unbezwingbar. Der Mittelrang startet eine »La Ola«, die aber etwa zwanzig Meter weiter verhungert. Dann eben in die andere Richtung, läuft auch besser, aber die Welle prallt gegen eine Mauer von Journalisten. Projekt vertagt.

Plötzlicher Stillstand auf dem Spielfeld. Niemand bewegt sich mehr und der Ball ruht auch. Man merkt förmlich, wie Stadionsprecher Lehmann aus dem VIP-Block nach unten sprintet, um den Massenwechsel auf beiden Seiten zu verkünden. Leicht aus der Puste und mit fünfminütiger Verspätung diktiert er ins Mikro, dass nun Diarra, Van der Vaart, Benzema, Ottl, Altintop und Schweinsteiger mitspielen dürfen. Schweinsteigers Einwechslung sorgt für den ersten Höhepunkt auf den Rängen. Anerkennender Beifall für den WM-Rückkehrer. Danach folgt das Stimmungshighlight des Abends. Ein Stadiondialog zwischen Nord- und Südkurve mit dem kreativ lang gezogenen Text »BAYERN, BAYERN, BAYERN!«

Da es sich ja um ein richtiges Turnier handelt, wird kurz vor Schluss durchgesagt, dass es bei einem 0:0 nach 90 Minuten direkt zum Elfmeterschießen kommt. Nochmal Glück gehabt, keine Verlängerung. Nach dem Abpfiff muss alles ganz schnell gehen, da Real Madrid noch »heute abend den Flieger bekommen muss«. Klingt sehr nach Ausrede und als ob Ramos, Higuain und Co. per Ryanair zurückfliegen müssen. Am Mittelkreis stellen sich die Mannschaften zum Elfmeterschießen auf. Schweinsteiger plaudert gemütlich mit Khedira während Altintop und Braafheid an Casillas scheitern. Endergebnis: 2:4. Madrid gewinnt den Franz-Beckenbauer-Cup. Schnell wird eine Tribüne gezimmert, die Lamettakanonen gezündet und der Pokal vom Kaiser überreicht. Noch bevor das letzte Lametta den Boden erreicht, sind alle Spieler verschwunden und das Stadion halb leer geräumt. Der Kaiser schlendert nicht mehr über den Rasen. Er hat die Bühne noch vor den Spielern in Richtung Katakomben verlassen.  

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