Zum 90. Geburtstag von Fritz Walter

Der Alte Fritz

Bescheiden, kämpferisch, demütig. So ist er, der historisierte Fritz Walter, der mythische Urvater des Deutschen Fußballs. Der Pfälzer steht, wie kein anderer, für das »Wunder von Bern«. Gestern wäre er 90 Jahre alt geworden. Zum 90. Geburtstag von Fritz Walter

Es sind die Worte der anderen, die aus Menschen Mythen machen: »Es gibt drei Gründungsväter der Bundesrepublik: politisch ist es Adenauer, wirtschaftlich Erhard und mental Fritz Walter.« Der Historiker Joachim Fest verlegte das Gründungsdatum der Bonner Republik vom 23. Mai 1949 kurzerhand auf den 4. Juli 1954 – den Tag des WM-Endspiels von Bern. Ab diesem Tag war Deutschland wieder wer. Laut Fest: vor allem dank Fritz Walter.

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Unzweifelhaft ist Kaiserslauterns berühmtester Sohn eine der am meisten verehrten wie verklärten Persönlichkeiten der deutschen Sportgeschichte. Sein Leben und Wirken wurde hundertfach erzählt und auf Überlebensgröße potenziert. Pfälzer Heiligtum ist er ohnehin, dazu Jahrhundertfußballer, Vorzeigecharakter und für nicht wenige eben auch nationaler Sinnstifter. Aber vor allem natürlich: Bern. Immer wieder Bern. Herberger taktierte, Turek parierte, Rahn traf – und doch ist das Wunder von Bern für alle das Wunder von Fritz Walter.

Wer war dieser Mann?

Wer war dieser Mann wirklich, wie dachte, wie fühlte er, wie spielte er das Spiel, das die Massen wie kein zweites in seinen Bann zieht?

Es ist nicht leicht, den Mythos zu durchdringen, mit dem der Mensch Fritz Walter in dem halben Jahrhundert seit Bern umhüllt worden ist. Ganze Generationen erzählten Wunderdinge nach, die sie vom Hörensagen kannten; die wenigen Bewegtbilder, die es aus Walters aktiver Zeit gibt, sind immer und immer wieder gesendet worden und zeigen ausschließlich triumphale Momente. Sie erzeugen ein Image des edlen Kriegers. Doch was befindet sich unter dem Heldengewand?

Ein Blick zurück zum Ursprung des Ruhms, nach Bern, zum 4. Juli 1954. Die Zeiger der Stadionuhr gehen auf sieben Uhr zu. Fritz Walter schaut ehrfürchtig hinauf zum Rednerpult. Mit einem tiefen Diener ergreift er die Hand, die ihm der Gratulant im feinen Anzug reicht, FIFA-Präsident Jules Rimet. Das Haar, zwei Stunden zuvor noch sorgfältig aus der Stirn frisiert, hängt Walter nun in dunklen, nassen Strähnen bis über die Augenbrauen. Mit hängenden Schultern schleicht der pitschnasse Kapitän hinüber zu seiner Mannschaft. In der rechten Hand hält er den Goldpokal. Geht so ein Sieger? Am Spalier seiner Mitstreiter vorbei erreicht er Sepp Herberger, den trenchcoattragenden Vater dieses Erfolgs. Ihm will er die Trophäe in die Hand drücken, diese ungeheure Last. Doch der Chef will davon nichts wissen, er dreht seinen besten Spieler energisch, fast barsch am Arm halb um die eigene Achse. Fritz Walter muss nun Fotografen, Offiziellen, den Massen auf der Tribüne direkt in die Augen sehen. Die Öffentlichkeit wird ihren Blick nicht mehr abwenden. Dieser Mann mit den traurigen Augen ist – auf ewig – der Weltmeister aller Deutschen.

»Soll ich mich entschuldigen, dass wir gewonnen haben?«

Der Fußball der fünfziger Jahre ist durchtränkt von einem Geist der Bescheidenheit. Doch Fritz Walter wirkt selbst damals wie ein Überbleibsel aus einer anderen Generation, die eigentlich schon nicht mehr existiert. Den höchsten Triumph, den ein Fußballspieler erreichen kann, nimmt er nicht ohne Stolz hin, aber mehr noch mit der für ihn typischen Schicksalsergebenheit und bisweilen an Selbstverleugnung grenzenden Demut. »Soll ich mich entschuldigen, dass wir gewonnen haben?«, fragt er Jahrzehnte später, bevor er auf dem 70. Geburtstag des Ungarn Ferenc Puskas sprechen soll. Schließlich sagt der Weltmeister zum Besiegten: »Es wäre doch schön, wenn wir beide gewonnen hätten!«



Es ist keine Altersmilde, die ihn diese Worte sprechen lässt. Walter war nie ein unerbittlicher Wettkämpfer, kein Turm in der Schlacht, kein unverwüstlicher Kämpfer oder nimmermüder Antreiber. Im Innensturm des FCK und der Nationalelf spielte vielmehr ein fragiler Ästhet, der jederzeit mit einer Ballberührung, mit einer intuitiven Körpertäuschung das Spiel entscheiden konnte, in anderen Phasen aber auch unter der Last der Verantwortung zusammenzubrechen drohte. »Vor jedem wichtigen Spiel musste ich ihm in den Hintern treten«, sagt sein Bruder Ottmar später. Nicht nur vorab in der Kabine, sondern nicht selten auch mitten auf dem Platz – wie am 30. Juni 1951 im Berliner Olympiastadion. Der 1. FC Kaiserslautern liegt im Finale um die Deutsche Meisterschaft 0:1 gegen Preußen Münster zurück. Und Fritz Walter möchte verzagen. Also packt Ottmar seinen älteren Bruder vor 85 000 Menschen an den Schultern, zerrt und rüttelt an ihm. Er schreit ihm direkt ins Gesicht: »Stell dich nicht so an, Friedrich! Es ist doch überhaupt nichts verloren!« Der Verzagende nickt und wirkt doch wenig überzeugt. Seine Haltung gekrümmt, kein Glaube an die Wende.

Im Schlagschatten der Lichtgestalt

Doch Bruder Ottmar, jünger zwar, doch immer auch größer, athletischer, selbstsicherer, lässt nicht locker. »Auf geht’s, Friedrich!« Wenige Minuten später spurtet der Gescholtene über die Mittellinie, passt den Ball im letzten Moment nach rechts, zum anderen Walter, dem nimmermüden Kämpfer im Schlagschatten der Lichtgestalt. Ottmars präziser Flachschuss schießt knapp über der Grasnarbe zum Ausgleich ins Netz. Am Ende steht der erste Meistertitel des FCK.

»Fritz brauchte diese Art von Aufmunterung, sonst wäre er in seinem Trott eingeschlafen«, sagt Helmut Rasch, der rechte Verteidiger der Meisterelf von 1951, der die Szene gut in Erinnerung hat. Erst wenn es lief, bei ihm und der Mannschaft, habe der Ballvirtuose sein ganzes Repertoire abrufen können: Finten, Dribblings, punktgenaue Pässe. Wie weggeblasen waren dann die lästigen Selbstzweifel, endlich ausgeblendet die ungeduldige, zehntausendfache Erwartung von den Rängen.

Hypersensibel, stets gehorsam

An Niederlagen trägt der hypersensible Sportsmann schwer, grämt sich tagelang. Im Oktober 1952 will er nach einer 1:3-Schlappe gegen Frankreich seine Karriere im DFB-Trikot beenden. Doch Herberger, der für Walter nicht nur Bundestrainer, sondern unfehlbare Vaterfigur ist, winkt ab. Und Walter macht weiter – in stetem Gehorsam zum »Chef«. Einen Monat später führt er die deutsche Mannschaft zu einem 5:1-Sieg gegen die Schweiz. Dennoch reist er auch zur WM 1954 voller Skepsis. Seine Frau Italia sieht sich genötigt, ihm einen Brief nachzusenden. Aufmunternde Zeilen, die Walter während des gesamten Turniers im Nachtschränkchen aufbewahrt. »Lieber Schnuckelino«, so beginnen die Zeilen, die er jeden Morgen als Allererstes liest.

Vielleicht spüren die Menschen um ihn herum diese Verletzlichkeit und Demut, die ihn jeden Sieg ungläubig, gleich einem Geschenk, in Empfang nehmen lassen. Eine Demut vor dem Leben, vor den Menschen, die auch von der »großen Scheiße« geprägt ist, wie Altkanzler Helmut Schmidt, zwei Jahre älter als Walter, den Weltkrieg nennt. 319 000 Männer, die wie Walter 1920 geboren werden, sterben durch den Krieg – vier von zehn seiner Altersgenossen werden die fünfziger Jahre nicht erleben. Für Fritz Walter jedoch spielt der Fußball Schicksal: Herberger setzt sich zunächst für seine Abberufung von der Infanterie zur Soldatenmannschaft »Rote Jäger« ein, die zwecks Truppenunterhaltung gegen den Ball tritt. Nach Kriegsende bleibt Walter der Abtransport in den sowjetischen Osten erspart, weil sich ungarische Lagersoldaten an seine Tricks beim 5:3 in Budapest vor dem Krieg erinnern. Ottmar dagegen ist im Ärmelkanal schwer verwundet worden, Horst Eckel hat seinen älteren Bruder im Krieg verloren, der Vater der Liebrich-Brüder wurde als Kommunist interniert...


Den kompletten Artikel könnt Ihr im 11FREUNDE Spezial »Das waren die Fünfziger« lesen.

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