Zum 60. Geburtstag von Manfred Kaltz

Manni, der Außenverteidiger

Er schlug Bananen in den Strafraum wie kein Zweiter, er spielte 19 Jahre lang für ein und denselben Verein, er machte sagenhafte 581 Bundesligaspiele. Am 6. Januar wird der große Schweiger Manfred Kaltz 60 Jahre alt. Wir blicken zurück auf eine Bilderbuchkarriere.

An einem Tag im Frühjahr 1970 setzte sich Manfred Kaltz in seinen verrosteten Volkswagen und fuhr von Neuhofen in der Pfalz nach Hamburg. Es ging vorbei an Orten wie Alsfeld, Isernhagen,  Schwarmstedt und Egesdorf, 584 Kilometer A7. Vielleicht hat Manfred Kaltz Musik gehört. Die neue Platte seines Lieblingskünstlers Neil Diamond, »Tap Root Manuscript«. Vermutlich aber war es still.
 
Das große Gewese machte Manfred Kaltz nie mit. In Hamburg nannten sie ihn »Schweiger« oder »Denker«, in der Nationalmannschaft hieß er »Schwätzer«. Manche sagten, er sei arrogant, hochnäsig, mürrisch. Einer, der an autogrammhungrigen Kindertrauben vorbeigeht, ohne sie zu beachten. Einer, der selbst auf überschwängliche Lobeshymnen mit Achselzucken reagiert, und der auf Fragen gerne mit Gegenfragen antwortet. Ein Beispiel aus einem »Bild«-Interview, Januar 1978:
 
Bild: »Willi Schulz hat Ihnen bescheinigt, dass Sie kein Libero wären, wie ihn die Nationalelf braucht.«
 
Kaltz: »Hat er das?«
 
Bild: »Man kann nicht bestreiten, dass er ein Fachmann ist.«
 
Kaltz: »Ist er das?«
 
Als Kaltz sich 1970 auf den Weg nach Hamburg machte, hatte er gerade eine Ausbildung als Maschinenbauschlosser abgeschlossen. Gerhard Heldt, sein A-Jugend-Betreuer von TuS Altrip, trat in jenen Tagen seine neue Stelle als Nachwuchsmanager beim HSV und überredete Kaltz mit nach Hamburg zu kommen. Am 21. August 1971 stand er zum ersten Mal auf dem Platz. Seine Mitspieler hießen Uwe Seeler, Willi Schulz und Georg Volkert.
 
In Hamburg erwarteten sie nicht viel von ihm – jedenfalls nicht, dass dieser schlaksige Junge aus der Pfalz irgendwann der erfolgreichste Spieler der Vereinsgeschichte sein würde. Doch Kaltz verstand den Fußball besser als andere. Vielleicht, weil er eben nicht redete, sondern machte. Willi Schulz, mit dem er sich bei Länderspielen das Zimmer teilte, sagte einmal: »Der Manni sagt selten etwas. Doch gut zuhören kann er.« Kaltz sagte darauf: »Ich rede schon, aber nur wenn mir die Gesprächspartner gefallen.«
 
Manni, der Libero
 
Kaltz spielte zunächst als Libero, doch die Fußstapfen schienen zu groß. 1978, bei seinem ersten großen Einsatz als Nachfolger Franz Beckenbauers, schied Deutschland in der WM-Zwischenrunde aus. Kaltz spielte nicht gut. So wie die gesamte Saison. »Die Fehler, die er als Libero in dieser Saison gemacht hat, sind unübersehbar. 64 Gegentore sprechen eine deutliche Sprache«, schrieb Willi Schulz in seiner Kolumne für »Die Welt«. Doch nicht nur der ewige Kritiker forderte einen Verkauf, auch andere sprachen sich für einen Verkauf aus.

>> Manni Kaltz' Karriere in Bildern
 
Kaltz blieb. Er wechselte auf die rechte Seite und schälte fortan Bananen aus seinem Fuß in den Sechzehner. Über seine Flanken gibt es wissenschaftliche Abhandlungen und sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag: »Als Bananenflanke bezeichnet man im Sprachgebrauch des Fußballsports einen Querpass vor das gegnerische Tor (Flanke) mit stark gekrümmter Flugbahn.«
 
Sein bester Abnehmer war Horst Hrubesch, der ab der Saison 1978/79 für den HSV stürmte. Immer wieder rannte Kaltz die rechte Außenbahn auf und ab, bis zur kurz vor die Torauslinie, dann schoss er den Ball mit Effet in den Strafraum, Hrubesch sprang hoch und nickte ein. Am Ende stand dort ein Torschützenkönig und einer der schönsten verblosen Sätze der deutschen Fußballgeschichte: »Manni Banane, ich Kopf – Tor!« Auf die Frage, wie denn Manfred Kaltz ihre besondere Beziehung sehe, gab es wieder eine einsilbige Antwort: »Auf dem Platz und daneben ist alles Banane!«

»Manfred Kaltz fährt nach Eppendorf in eine Gaststätte.«
 
Dabei dürstete der Fußball nach Stars. Es war der Vorabend des großen Fußballhypes, und man wollte gerne so viel mehr wissen von den Helden, auch von Manfred Kaltz. Doch er blockte meistens ab. Einmal ließ er einen »Bild«-Reporter zu sich nach Hause, der berichtete dann von einem Tag mit Manni: Überschrift: »Mit goldenen Löffeln gespeist – ein Plastik-Auto verschenkt«: 
 
»Gegen 10:30 Uhr stand das Frühstück auf dem Tisch: Rühreier un Schinken, Toast und Tee. Kurz nach 11 Uhr ging es in den Garten (...) der lange Manni harkte das Laub weg. (...) Dann setzt sich Manfred Kaltz in seinen BMW und kauft seiner Tochter in einem Geschäft in Rahlstedt ein Tretauto. (...) Dann setzt er sich an den dunkelbraunen Sekretär und beantwortet Fanpost. (...) Anschließend Lesestunde. Manni schmöket in ›Und Jimmy ging zum Regenbogen‹ seines Lieblingsautors Simmel. (...) Um 19:50 Uhr fährt Manfred Kaltz nach Eppendorf in eine Gaststätte.«
 
Der Versuch, das vermeintlich spektakuläre und prätentiöse Leben eines Profifußballers auszuleuchten, endete ernüchternd. Manfred Kaltz, ein Mensch wie du und ich. Ein Mann, der es liebte, Fußball zu spielen, die Linie auf und ab zu rennen und seine Flanken in den Strafraum schoss. Nicht mehr, nicht weniger.

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